Ohne ein einschneidendes Ereignis im Jahr 70 nach Christus würde es das Christentum heute vielleicht gar nicht geben. Denn erst die römische Eroberung der Stadt und die Zerstörung des jüdischen Tempels schufen die Voraussetzung dafür, dass sich das Christentum als eigenständige Religion etablierte. Im Mittelalter wurde dieser historische Einschnitt dann als Teil des göttlichen Plans gedeutet, wie ein Historiker ermittelt hat.
Israel stand im Jahr 70 bereits seit längerem unter römischer Besatzung. Doch im jüdischen Völk regte sich Widerstand und es kam zu mehreren Aufständen und schließlich zum Krieg. Römische Truppen unter Vespasian und seinem Sohn Titus eroberten erst Galiläa und weitere Gebiete um das Reich Judäa herum, dann marschierten sie auf die Hauptstadt Jerusalem zu und belagerten sie. Im Spätsommer des Jahres 70 eroberten die Römer die Stadt mitsamt dem Tempelbezirk und brannten den Tempel nieder – das größte Heiligtum des jüdischen Volkes. Dem Geschichtsschreiber Flavius Josephus zufolge sollen bei der Eroberung Jerusalems mehr als eine Million Menschen getötet worden sein.
Ein Einschnitt mit Wirkung bis ins Mittelalter
Die Zerstörung des Tempels und die Eroberung Jerusalems markiert einen tiefgreifenden Bruch in der Geschichte des jüdischen Volks und im Judentum: „Das war wirklich eine Zäsur“, sagt der Historiker Alexander Marx von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Das Trauma des zerstörten Tempels wirkte noch lange nach Ende der Antike nach und prägte die jüdische Religion bis heute. Gleichzeitig wurde dieses Ereignis zum Geburtshelfer des Christentums, wie Marx erklärt. Denn die Bewegung, die bis dahin Teil des Judentums war, begann sich als eigene Religion zu formieren. Ohne die Zerstörung Jerusalems wäre das frühe Christentum wohl eine von vielen jüdischen Strömungen geblieben.
Der Historiker hat die Tragweite dieses historischen Moments anhand von Tausenden von mittelalterlichen Texten genauer untersucht. Denn im Mittelalter wurde die Eroberung Jerusalems nicht nur erinnert, sondern immer wieder neu gedeutet: als Strafe, als Warnung oder als Schablone zur Erklärung der eigenen Gegenwart. Denn Geschichte wurde in dieser Zeit nicht primär als Abfolge von Ereignissen verstanden, sondern als Heilsgeschichte – als Teil eines göttlichen Plans. Marx ist diesen Deutungen nachgegangen und zeigt, wie ein einzelnes Ereignis über Jahrhunderte hinweg zur Folie für religiöse, politische und gesellschaftliche Vorstellungen und Handlungen werden konnte.
„Trennlinie zwischen Judentum und Christentum“
Die römische Eroberung Jerusalems wurde im Mittelalter zu einem zentralen Knotenpunkt der christlichen Geschichte: „Im Tandem mit der Passion Christi wurde dieses Ereignis zur Trennlinie zwischen Judentum und Christentum“, erklärt Marx. Eine Deutung wiederholt sich dabei über die Jahrhunderte hinweg immer wieder: Die rund 40 Jahre zwischen der Kreuzigung Christi und der Zerstörung Jerusalems wurden als Frist verstanden, die Gott den Juden zur Umkehr gewährt habe. Dass diese ungenutzt blieb, wurde als göttliche Strafe interpretiert, „um somit Rache für die Kreuzigung zu nehmen“, so der Historiker.
Dieses Deutungsmuster wurde im Mittelalter immer wieder auf neue Kontexte übertragen. Jerusalem diente als wiederkehrender Bezugspunkt, die römischen Kaiser galten als Vorbilder. Ein besonders eindrückliches Beispiel findet sich in einer Predigt des Augustiner-Chorherren Martin von León zum Dritten Kreuzzug. Dieser erklärte seinen Zuhörern: „Wenn ihr jetzt nicht auf Kreuzzug geht, dann passiert euch das Gleiche [wie damals].“ Die Deutung der Vergangenheit wird hier zum politischen Instrument, das zur Teilnahme am Kreuzzug motivieren soll. Für ihre Zwecke gaben mittelalterliche Autoren das Geschehen zudem selektiv wieder, ließen Details weg oder deuteten sie um. Denn die Aufzeichnungen von Flavius Josephus, der den Jüdischen Krieg als Zeitzeuge beschrieb, passten nicht immer in die christliche Deutung vom Fall Jerusalems. Die mittelalterliche Wiedergabe dieses antiken Ereignisses und seiner Bedeutung war damit eher interpretativ als chronistisch, wie der Historiker erklärt.
Quellenvergleich enthüllt Umdeutungen und Narrative
Um diese Deutungen und Nuancen sichtbar zu machen, arbeiten Marx und seine Kollegen in ihrem Projekt mit einer Vielzahl an verschiedenen Quellen, darunter neben Chroniken auch Predigten und Bibelkommentare. Denn anders als Chroniken legen Predigten und exegetische Texte ausführlicher dar, welche Bedeutung einem Ereignis zugeschrieben wurde. „In einer großen Menge von Quellen lassen sich die dominanten Ideen einer Epoche ausmachen“, sagt Marx. Predigten nehmen dabei eine besondere Rolle ein: „Sie stehen wirklich an der Schnittstelle zur breiten Gesellschaft“, so der Forscher. Mit ihnen hatten Geistliche den Anspruch, ein breites Publikum zu erreichen, zu unterrichten und ihre Zuhörer zu diversen Handlungen anzustacheln.
Um den Vergleich unterschiedlicher Quellen über Genres und Jahrhunderte hinweg zu erleichtern, arbeitet Marx in Zusammenarbeit mit dem Austrian Centre for Digital Humanities (ACDH) an einer Datenbank, die als zentrales Werkzeug innerhalb des Projekts dient. „Diese bündelt erstmals rund 2.500 Quellen, inklusive etwa 500 unpublizierter Textstellen“, so Marx. Dadurch wird sichtbar, welche Zusammenhänge zwischen den Quellen bestehen, wer von wem abgeschrieben hat und welche textuellen Traditionen sich durch das Mittelalter ziehen. „Das ergibt so etwas wie eine ‚textuelle Archäologie‘, die es in dieser Form meines Wissens noch nicht gibt“, sagt der Historiker.
Die Datenbank ermöglicht es, über den konkreten Gegenstand hinaus auch auf größere historische Zusammenhänge zu blicken. Berührt werden wichtige Themenfelder wie Antijudaismus, Kreuzzüge oder Apokalyptik. „Ich hoffe, dass die Datenbank auch für Forschende in diesen Bereichen ein nützliches Werkzeug sein kann“, so Marx.
Quelle: Österreichischer Wissenschaftsfonds FWF; Projekt: Mittelalterliche Rezeption der römischen Eroberung Jerusalems
Quelle:
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