Der zwischenzeitlich bereits als sicherer Absteiger gehandelte VfL Wolfsburg hat sein Schicksal nach drei ungeschlagenen Partien in Folge und dem Sprung auf Relegationsplatz 16 wieder in der eigenen Hand. Trainer-Routinier Dieter Hecking scheint an den richtigen Stellschrauben gedreht zu haben.
Nach seinem 450. Spiel als Bundesliga-Coach hatte der Mann aus Castrop-Rauxel die Qual der Wahl. Zumindest Getränke-technisch. Der 61-Jährige konnte auf der Pressekonferenz zur Partie beim SC Freiburg (1:1) am Sonntagabend zwischen Cola, Bio-Heumilch, Bier und stillem Wasser wählen.
Zunächst zumindest. Denn dann kam auch noch eine hochprozentige Option für Hecking dazu. Trainer-Kollege Julian Schuster überreichte ihm anlässlich seines Jubiläums eine helle Holzkiste mit drei Flaschen Breisgauer Burgunder. “Es ist aus meiner Perspektive unvorstellbar, wie man dahin kommen kann. Große Bewunderung und großes Kompliment”, lobte Freiburgs Coach den Wolfsburger Übungsleiter.
Hecking fühlte sich sichtlich geschmeichelt. Den Wein ließ er zwar unberührt. Doch vielleicht öffnet er ja am Samstagabend eine Flasche des edlen Tropfens, wenn seinem Team im Duell mit Meister FC Bayern München (18.30 Uhr, im Livecenter bei NDR.de) eine Sensation gelingt und damit möglicherweise schon Rang 16 mehr oder minder festgezurrt wird.
VfL nun gegen Bayern: “Da kann was gehen”
Klingt nach einem verspäteten April-Scherz? Nicht mehr! Denn zum einen hat sich der VfL nach zwischenzeitlich gruseligen Vorstellungen unter Hecking aus seinem Tief herausgekämpft und fußballerisch sowie mental stabilisiert. Zum anderen werden die Über-Bayern mit dem Champions-League-Rückspiel bei Paris Saint-Germain (Mittwoch, 21 Uhr, in der Audiovollreportage im NDR Livecenter) in den Knochen an der Aller aufschlagen.
Und ohnehin hat der Rekordchampion das Tagesgeschäft nach dem vorzeitigen Titelgewinn zuletzt etwas schleifen lassen. Gegen Schlusslicht 1. FC Heidenheim konnte am vergangenen Sonnabend beim 3:3 erst in letzter Sekunde eine Pleite verhindert werden.
“Es zeigt, da kann was gehen”, sagte Hecking mit Blick auf das Remis der Württemberger an der Isar. Ohnehin ist der 61-Jährige weit davon entfernt, Panikattacken vor der Partie gegen die Münchner zu bekommen: “Das sind die Spiele, dafür machst du das. Dafür spielst du Fußball, dafür bist du Trainer, dafür bist du Fan.”
Wolfsburg erst im Fern- dann im direkten Duell mit St. Pauli
So spricht keiner, der vor Ehrfurcht erstarrt. So spricht einer, der den Bayern vor gar nicht allzu langer Zeit die berühmten Lederhosen schon einmal ausgezogen hat. Denn in der Saison 2024/2025 siegte der Coach mit dem VfL Bochum am 25. Spieltag sensationell mit 3:2 in München. Allerdings: Im Anschluss blieb der Ruhrpott-Club achtmal sieglos und stand bereits vor der Auswärtsbegegnung am letzten Spieltag beim FC St. Pauli (2:0) als Absteiger fest.
Parallelität der Ereignisse: Auch in dieser Saison wird Hecking am letzten Spieltag beim Kiezclub antreten. Diesmal aber dürfte die Ausgangsposition selbst im Falle einer Pleite gegen die Bayern besser als damals sein. Denn auch die punktgleichen Hamburger haben am Sonnabend (15.30 Uhr) auswärts bei RB Leipzig eine äußerst schwere Aufgabe vor sich.
Im Idealfall für den VfL verliert der Kiezclub zunächst bei den Sachsen und den Wolfsburgern selbst gelingt dann gegen München der große Coup. Dann würden die “Wölfe” mit drei Zählern und einigen Toren Vorsprung ans Millerntor reisen können.
Hecking: “Mannschaft hat Charakter”
Das solche Träumereien am Mittellandkanal plötzlich wieder erlaubt sind, daran war vor Wochen noch nicht zu denken. Der Meister von 2009 irrlichterte fußballerisch über den Rasen und hinterließ den Eindruck einer zerstrittenen Mannschaft, die nur noch die Erlösung herbeisehnte: das Saisonende.
Wieder einen Zusammenhalt herbeizuführen, es war eine der ersten Aufgaben von Hecking nach seiner Amtsübernahme. Mit Erfolg. Zuletzt traten die Niedersachsen als geschlossene Einheit auf und erkämpften sich so fünf Zähler in den jüngsten drei Begegnungen.
“Es geht darum, welche Haltung wir zeigen. Und diese Mannschaft hat in den vergangenen Monaten verdammt viel Kritik abbekommen. Und sie arbeitet gerade daran, dass sie nicht so schlecht ist, wie sie gemacht wurde. Sie hat gezeigt, dass sie Charakter hat. Sie ist mit vollem Einsatz dabei, das noch zu lösen”, sagte Hecking.
“Wölfe” unter Hecking auch fußballerisch verbessert
Aber nur mit viel Willen – das ist auch dem Coach bewusst – werden die nächsten beiden Aufgaben und dann die angestrebten Relegationsspiele kaum erfolgreich bestritten werden können. Umso erfreulicher für Hecking zu sehen, dass es nun auch inhaltlich langsam vorangeht.
Der VfL trat zuletzt nicht nur geschlossen auf, sondern wusste auch spielerisch wieder mehr zu gefallen.
“Wir haben die Bälle nicht nur planlos nach vorne gespielt, sondern wirklich angefangen, Fußball zu spielen. Das ist der nächste Schritt gewesen, den ich mir erhofft hatte. Denn man sieht, dass diese Mannschaft Fußball spielen will. Sie ist keine typische Abstiegskampf-Mannschaft. Sie verinnerlicht es aber immer mehr”, lobte der Trainer nach dem Freiburg-Spiel.
Trainer nimmt keine Rücksicht auf große Namen
Mit der richtigen Ansprache und einigen durchaus mutigen Personalentscheidungen hat der 61-Jährige dem Team neues Selbstbewusstsein eingeimpft und wieder Stabilität verliehen. Dabei nahm er auch auf vermeintlich große Namen bis dato keine Rücksicht. So war die Wolfsburger Ersatzbank in Freiburg unter anderem mit den sündhaft teuren Einkäufen Lovro Majer, Mohamed Amoura und Mattias Svanberg prominent besetzt.
Auch “Dauerbrenner” Yannick Gerhardt, Innenverteidiger Moritz Jenz oder US-Nationalspieler Kevin Paredes waren zunächst nur “Joker”. Kapitän Maximilian Arnold fehlte zudem verletzungsbedingt. Von den Einzelspielern her dürfte der VfL fraglos nicht im Tabellenkeller stehen.
Aber weil viele gute Individualisten eben nicht immer eine gute Mannschaft ergeben, muss sich Hecking nun abermals als “Feuerwehrmann” versuchen. “Jedes Bundesliga-Spiel ist für mich nach wie vor ein Highlight, ich liebe diesen Job, ich liebe diese Liga”, erklärte er.
Sollte er mit dem VfL die Rettung schaffen, wäre es in Anbetracht der zwischenzeitlich schon ziemlich hoffnungslosen Lage vielleicht einer der größte Erfolg seiner langen Karriere.
Quelle:
www.sportschau.de



