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Film & KunstEin anderer Blick

Ein anderer Blick

Das Frauenthema treibt Cannes weiter um, nicht nur mit Blick auf die Beteiligung weiblicher Filmschaffender im Wettbewerb. Mit großer Klarheit und eindringlichen Inszenierungen kreisen viele Filme in den ersten Tagen um Herausforderungen, vor die Frauen in einer patriarchal geprägten Welt gestellt sind. Notizen zu den Werken von Koji Fukada, Charline Bourgeois-Tacquet, Rudi Rosenberg und Asghar Farhadi.

 

Bei der Pressekonferenz zu Beginn des 79. Filmfestivals von Cannes ging es einmal mehr um die Frage, warum nicht mehr Regisseurinnen eingeladen wurden; im Wettbewerb sind nur fünf Filme von Frauen vertreten, vor ein paar Jahren waren es schon mal sieben. Bis zur 50/50-Forderung, mit der sich das französische Festival schon länger konfrontiert sieht, ist es allerdings noch ein weiter Weg. Lässt man jedoch die Fixierung auf den Wettbewerb einmal beiseite, ist auf vielen Ebenen durchaus Bewegung zu erkennen. In den Nebenreihen stößt man auf viele neue Namen von Filmemacherinnen, und auch inhaltlich scheint das diesjährige Festival sehr darum bemüht, Frauen als kraftvolle Protagonisten ins Zentrum zu stellen; in den ersten Tagen hatte man den Eindruck, dass sich der erzählerische Fokus spürbar verändert.

 

Leise Töne: „Nagi Notes“

Das kann so unaufdringlich wie in „Nagi Notes“ von Koji Fukada geschehen, der schlicht zwei Frauen ins Zentrum eines stillen Dramas rückt, in dem beide mehr über sich und ihre verdrängten Lebenswünsche erfahren. Eine Architektin reist aus Tokio aufs Land, um bei ihrer Ex-Schwägerin, die Bildhauerin ist, für eine Holzbüste Modell zu sitzen. Beide begegnen sich freundlich, kommen in ihren Gesprächen aber nicht nur der Vergangenheit, sondern auch ihren inneren Wünschen und Ambivalenzen auf die Spur.

 

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Das passiert vor allem während der gemeinsamen Arbeit im Atelier, wenn nach ersten Skizzen und Vorstudien in Ton die realistische Figur aus einem alten Baumstamm herauswächst und sowohl beim Model als auch bei der Künstlerin verdrängte Wahrheiten ans Licht bringt. Gespiegelt wird das in der Annäherung zweier Jungs, die erst im Spiel mit einer Laterna magica, in der die Welt auf dem Kopf steht, fähig sind, ihre Gefühle füreinander einzugestehen.

„Nagi Notes“ (Cannes 2026/Tokyo Garage/Survivance/STAR SANDS/Momo Film/Hassaku Lab)

 

Die Kunst der konzentrierten Inszenierung und der beiden Hauptdarstellerinnen besticht in der Beiläufigkeit, mit der die Dinge zur Sprache kommen. Etwa die Erkenntnis der Architektin, stets ihrem extrovertierten Mann zugearbeitet und sich in scheinbare Notwendigkeiten eingeordnet zu haben, weshalb sie immer nur ausführende Kollegin und nie konzeptionelle Ideengeberin war. Doch das bricht nicht eruptiv aus ihr heraus, sondern braucht wie die Arbeit an der Büste Geduld und mehrere Anläufe – und ist doch nur ein Thema unter anderen, die im Verlauf einer recht undramatischen, filmisch aber anregend erzählten Woche zur Sprache kommen.

 

„A Woman’s Life“ & „Quelques mots d’Amour“

Deutlich weniger subtil geht es bei der französischen Regisseurin Charline Bourgeois-Tacquet und ihrem Film „A Woman’s Life“ zu, mit dem sich Léa Drucker in der Hauptrolle schon zu Beginn des Festivals für den Darstellerinnenpreis beworben hat. Drucker spielt eine energische Gesichtschirurgin, deren Operationskunst man schon in den ersten Szenen hautnah miterlebt. Hier sitzt jeder Stich, hier zählt jede Minute. Mit dabei ist eine Schriftstellerin, die über die Ärztin recherchiert und ihr bald mehr als professionelle Sympathie entgegenbringt.

Doch so wie es der Titel andeutet, will das oft mit hohem Tempo und viel Energie gefilmte Porträt nicht primär eine gleichgeschlechtliche Romanze entfalten, sondern ein selbstbestimmtes Frauenleben erzählen, in dem höchste Professionalität, die Sorge um andere und eine ständige Verfügbarkeit an erster Stelle stehen. Für mehr bleibt darin wenig Raum, und auch die Avancen der Schriftstellerin schmeicheln anfangs eher, als dass sie verfangen.

Dann aber erlaubt sich die Medizinerin eine Schwäche, die ihre durchgetaktete, vom Ehemann polemisch „Robocop“ beschimpfte Persona aus dem Gleichgewicht bringt. Was Folgen hat, die über die Affäre hinausgehen und beiläufig auch die Unterschiede zwischen den Generationen einfangen, da jüngere Frauen nicht mehr zwingend zwischen Karriere und Familie, Arbeit und Vergnügen wählen müssen.

Léa Drucker in „A Woman’s Life“
Léa Drucker in „A Woman’s Life“ (© Cannes 2026/Les Films Pelléas98)

 

„Quelques mots d’Amour“ (deutsch: Einige Worte der Liebe) von Rudi Rosenberg knüpft am anderen Ende der sozialen Leiter an und kreist um den Kampf einer alleinerziehenden Mutter (Hafsia Herzi) in einer Pariser Hochhaussiedlung, die ihre kleine Familie zusammenhalten möchte. Denn ihre heranwachsende Tochter besteht darauf, ihren leiblichen Vater kennenzulernen, der alle ihre Kontaktversuche negiert hat. Die manische Suche der Tochter bedroht die innere Balance des Familienlebens, zumal diese immer krassere Formen annimmt. In ihrer Verzweiflung setzt die Teenager-Tochter alles aufs Spiel und ist zunehmend nicht mehr in der Lage, zwischen realen Bedürfnissen und imaginären Sehnsüchten zu unterscheiden. Bis sie mit unschöner Wucht gegen die harte Wirklichkeit stößt.

 

Fluch & Segen der Fantasie

Reale Männer spielen in dieser Welt nur am Rande eine Rolle, als alternde oder hilflose Gestalten, die nicht weiter stören oder auffällig werden. Die Frauen haben damit ein pragmatisches, im Falle der Mutter auch stolzes Auskommen gefunden, das sie in ihrer emotionalen Stabilität nicht (mehr) tangiert. Als Plädoyer für Unabhängigkeit ist das eine schöne Vision, zumal es die solidarische Verbundenheit der Frauen unterstreicht und in der Sorge um Menschen und Tiere höchst sympathische Züge annimmt.

Wie wenig selbstverständlich eine solche Utopie ist, führt Asghar Farhadi in seiner raffinierten Spiegelfechterei „Histoires parallèles“ vor Augen. Eine alternde Schriftstellerin (Isabelle Huppert) greift für ihre seichten Unterhaltungsromane gerne Elemente aus der Nachbarschaft auf und verschiebt diese ins Imaginäre. So späht sie mit einem alten Fernrohr eine gegenüberliegende Wohnung in Paris aus, in der zwei Brüder und eine Mitarbeiterin (Virginie Efira) in einem Tonstudio Filme vertonen.

Hafsia Herzi in „Quelques mots d’Amour“
Hafsia Herzi in „Quelques mots d’Amour“ (© Cannes 2026/Chi-Fou-Mi Productions)

 

Der Film spielt dabei so geschickt mit der Vermischung von Fiktion und Realität, dass man eine gute Weile braucht, um die unterschiedlichen Ebenen auseinanderzuhalten. Erschwert wird das, als sich die alte Frau von ihrer Nichte einen jungen Helfer aufdrängen lässt, der ihre Groschenromane geradezu frisst und seinerseits die Geräuschemacher auszuspähen beginnt, wobei sich seine Einbildungskraft eher an erotischen Fantasien entzündet. Als er sich bei der Frau von gegenüber als angehender Schriftsteller ausgibt und ihr Kostproben aus der Feder der Autorin zum Lesen gibt, entwickelt sich ein ebenso kompliziertes wie herausforderndes Spiel mit Zuschreibungen, Täuschungen und Manipulationen.

In dem höchst vielschichtigen, aber auch recht unterhaltsamen Geflecht von „Histoires parallèles“ heben sich zwei Elemente besonders deutlich ab: einmal die visuelle Kunst des Films, mit den Versatzstücken der unterschiedlichen Ebenen so zu spielen, dass sie zunächst schwer, dann aber sehr klar zu unterscheiden sind, weil insbesondere Virginie Efira mit wenigen Nuancen ihre Figur einmal ins Erotisch-Verführerische transferiert, mal wieder auf den nüchternen Boden der Realität zurückholt. Das gilt insbesondere für eine Missbrauchsszene, in der sie von einem ihrer Kollegen urplötzlich bedrängt wird, weil der zwischen Fantasie und Realität nicht mehr unterscheiden kann.

Der Schock des Übergriffs sitzt bei ihr so tief, dass sich die Welt in vorher und nachher teilt und nichts mehr so bleiben kann, wie es war. Virginie Efira und die Inszenierung arbeiten das mit einer schneidenden Klarheit heraus, wie man sie selten gesehen hat. Auch das ist ein Moment, der in der „Frauen“-Frage zählt: die Kunst, mit den Mitteln des Kinos in einer Weise „Nein“ zu sagen, die keine Widerrede duldet.


Quelle:

www.filmdienst.de