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WissenschaftSchon eine Dosis Psilocybin verändert das Gehirn langfristig

Schon eine Dosis Psilocybin verändert das Gehirn langfristig

Sogenannte „Magic Mushrooms“ enthalten die halluzinogene Substanz Psilocybin. Eine Studie zeigt nun, dass dieses Pilzgift nach einer einmaligen Dosis noch lange nachwirkt: Selbst einen Monat nach Einnahme zeigten sich noch anatomische Veränderungen an der weißen Hirnsubstanz und die Hirnaktivität war chaotischer. Zugleich waren die Testpersonen kognitiv flexibler und berichteten von einem verbesserten Wohlbefinden – und zwar umso stärker, je intensiver ihr psychedelischer Trip war. Die Ergebnisse könnten dabei helfen, die therapeutische Wirkung von Psilocybin gegen psychische Erkrankungen besser zu verstehen.

In Lateinamerika kamen Pilze mit psychoaktiven Substanzen schon vor Jahrhunderten bei schamanischen Ritualen zum Einsatz. Psilocybin, der Inhaltsstoff dieser „Magic Mushrooms“, wird im Körper in die aktive Form Psilocin umgewandelt, die an Serotoninrezeptoren im Gehirn bindet und auf diese Weise einen psychedelischen Rausch mit starken Halluzinationen auslöst. Da bereits frühere Studien positive Auswirkungen auf die neuronale Plastizität und die kognitive Flexibilität gezeigt haben, wird Psilocybin als potenzielle Therapie bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angstzuständen und Suchterkrankungen erforscht, die auf andere Behandlungen nicht ansprechen.

Drogenrausch für die Wissenschaft

„Psychedelika haben starke Auswirkungen auf die akute Gehirnfunktion und das langfristige Verhalten, doch ob sie auch dauerhafte funktionelle und anatomische Veränderungen im Gehirn bewirken, ist weitgehend unbekannt“, berichtet ein Team um Taylor Lyons vom Imperial College London. Um solchen langfristigen Veränderungen auf die Spur zu kommen, verabreichten die Forschenden 28 Freiwilligen Psylocibin und untersuchten vor, während und nach dem psychedelischen Rausch deren Gehirnfunktion. Keine der Testpersonen hatte jemals zuvor bewusstseinsverändernde Substanzen konsumiert.

Bei der ersten Sitzung erhielten die Freiwilligen nur eine winzige Placebo-Dosis von einem Milligramm Psilocybin. Diese Dosis ist so gering, dass keine Wirkung zu erwarten ist. Bei der zweiten Sitzung dagegen verabreichten die Forschenden ihren Testpersonen unter kontrollierten Bedingungen und ständiger Überwachung eine sehr hohe Dosis von 25 Milligramm Psilocybin, die zu einem intensiven psychedelischen Rausch führte. Vor, während und nach den beiden Sitzungen zeichneten Lyons und ihr Team die Hirnwellen der Testpersonen per Elektroenzephalografie (EEG) auf. Zudem erfassten sie vorher und einen Monat später die Hirnaktivität mit funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) und maßen die Konnektivität des Gehirns mit einem Verfahren namens Diffusions-Tensor-Bildgebung (DTI), das die Nervenbahnen sichtbar macht. Mit Fragebögen und Tests erhoben sie zudem das Wohlbefinden, die psychische Einsicht und die kognitiven Fähigkeiten der Freiwilligen.

Verbessertes Wohlbefinden

Das Ergebnis: „Bei einer Dosis von 25 Milligramm Psilocybin beobachteten wir einen deutlichen Anstieg der Signalkomplexität im Gehirn – auch als ‚Gehirnentropie‘ bezeichnet“, berichten die Forschenden. Die im EEG zu beobachteten Signalen wurden ungeordneter, was darauf hindeutet, dass das Gehirn eine größere Informationsmenge verarbeitete. Dieser Effekt war während des akuten Rauschzustands am stärksten, zeigte sich aber auch noch vier Wochen nach dem Trip. Einhergehend damit gaben die Testpersonen in den Wochen nach dem psychedelischen Erlebnis ein erhöhtes emotionales Wohlbefinden an. Sie blickten optimistischer in die Zukunft und hatten den Eindruck, Probleme gut händeln zu können.

Je stärker die Gehirnentropie während des Trips war und je mehr die Personen am folgenden Tag das Gefühl hatten, neue psychische Einsichten gewonnen zu haben, desto höher war ihr selbstberichtetes Wohlbefinden nach einem Monat. „Unsere Daten zeigen, dass solche Erfahrungen psychologischer Einsicht mit einer entropischen Eigenschaft der Gehirnaktivität zusammenhängen und dass beide daran beteiligt sind, nachfolgende Verbesserungen der psychischen Gesundheit zu bewirken“, erklärt Lyons Kollege Robin Carhart-Harris. „Das deutet darauf hin, dass der Trip – und seine Entsprechungen im Gehirn – eine Schlüsselkomponente der Wirkungsweise psychedelischer Therapien ist.“

Anatomische Veränderungen im Gehirn

Die Diffusions-Tensor-Bildgebung offenbarte zudem noch vier Wochen nach Einnahme der 25-Milligramm-Dosis anatomische Veränderungen an der weißen Substanz. So waren die Nervenbahnen kompakter und die Diffusionsfähigkeit war geringer. Welche Auswirkungen diese Veränderungen haben, ist den Forschenden zufolge schwer zu sagen. „Eine Abnahme der axialen Diffusionsfähigkeit wurde unter anderem bei Meditation, gesunder neurologischer Entwicklung und beim Lernen beobachtet, aber auch bei axonalen Verletzungen, im Alterungsprozess und bei damit verbundenen Erkrankungen“, erklären sie. Weitere Untersuchungen sind erforderlich, um die Veränderungen besser zu verstehen und ihre Folgen einschätzen zu können.

Für die Testpersonen schienen die Auswirkungen eher positiv zu sein. Neben einem gesteigerten Wohlbefinden zeigten sie auch eine höhere kognitive Flexibilität. „Psilocybin scheint festgefahrene Muster der Gehirnaktivität aufzulockern und den Menschen die Fähigkeit zu verleihen, tief verwurzelte Denkmuster zu überdenken“, sagt Lyons. „Besonders spannend ist die Tatsache, dass diese Veränderungen mit neuen Einsichten und einem gesteigerten Wohlbefinden einhergehen.“

Die Erkenntnisse könnten insbesondere für die Behandlung von Menschen mit Depressionen, Angststörungen oder Suchterkrankungen hilfreich sein. „Wir wussten bereits, dass Psilocybin bei der Behandlung psychischer Erkrankungen hilfreich sein kann“, sagt Carhart-Harris. „Aber jetzt verstehen wir viel besser, wie das funktioniert.“

Quelle: Taylor Lyons (Imperial College London, UK) et al., Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-026-71962-3


Quelle:

www.wissenschaft.de