Die Trainer Simeone und Arteta sorgten im Champions-League-Halbfinale für zusätzlichen Druck auf Schiedsrichter Siebert und ließen die Frage zurück: Wofür gibt es eigentlich die Coachingzone?
Daniel Siebert hat ein Kunststück vollbracht. Der deutsche Schiedsrichter leitete das Halbfinal-Rückspiel in der Champions League zwischen dem FC Arsenal und Atlético Madrid. Und obwohl das 1:0 (1:0) für die Londoner am Dienstagabend das Aus für Atlético bedeutete, verzichtete Trainer Diego Simeone auf Kritik am Schiedsrichter.
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Er wolle sich “nicht hinter irgendetwas verstecken”, sagte der langjährige Atlético-Coach, normalerweise berüchtigt für deutliche Kritik an Schiedsrichterentscheidungen.
Spanische Presse kritisiert Schiedsrichter Siebert
Am Mittwochmorgen übernahm sein Sohn die Kritikerrolle in subtiler Form. Ohne weiteren Kommentar postete Atlético-Profi Giuliano Simeone auf Instagram zwei Screenshots. Der eine zeigte einen Schubser von Arsenals Calafiori gegen ihn im Strafraum.
Der andere die Situation, in der das deutsche Schiedsrichtergespann zuvor auf Abseits entschieden hatte – womöglich zu Unrecht. Wegen dieser Abseitsentscheidung blieb auch Calafioris Stoßen ungestraft.
Die spanische Presse stürzte sich auf diese und einige weitere Szenen, in denen ein Elfmeterpfiff zugunsten Madrids im Bereich des Möglichen war. Siebert entschied jeweils anders – und lag dabei nicht klar falsch.
Lob für Siebert von Lehrwart Lutz Wagner
So wertete es zumindest VAR Bastian Dankert und verzichtete auf Interventionen. Und auch Lutz Wagner stimmte zu. Der DFB-Schiedsrichterlehrwart lobte das Schiedsrichterteam für seine Spielführung. Siebert habe das “sehr gut gemacht. Er hat das Spiel laufen gelassen, war aber körperlich präsent und hatte einen guten Draht zu den Akteuren”, sagte der DFB-Schiedsrichterlehrwart der Sportschau.
Der deutsche Schiedsrichter Daniel Siebert und Arsenals Bukayo Saka
Siebert war zum neunten Mal in der laufenden Champions-League-Saison im Einsatz – so oft wie außer ihm nur noch der Slowene Slavko Vincic. Er verteilte am Dienstagabend in London fünf Gelbe Karten, für ein Spiel dieser Bedeutung ist das nicht viel.
Gelb für beide Trainer
Was auffällt: Drei dieser Verwarnungen galten Akteuren außerhalb des Platzes: den beiden Trainern und Arsenals Ersatztorwart Kepa. Sie fielen in die Schlussphase, als Arsenal das Spiel verschleppte und Atlético verzweifelt um den Ausgleich kämpfte.
Besonders in dieser Phase, aber auch vorher, machten beide Trainer ihrem Ruf als Heißsporne alle Ehre. Arsenals Arteta wie Atléticos Simeone riefen und gestikulierten pausenlos – am liebsten deutlich außerhalb der Coachingzone.
Atletico-Trainer Diego Simeone (l.) und Arsenal-Trainer Mikel Arteta agieren emotional an der Seitenlinie
Die Coachingzone in Theorie und Praxis
Die offiziellen Fußballregeln besagen, dass diese “technische Zone” vor der Trainerbank nur in Ausnahmefällen verlassen werden darf, zum Beispiel, wenn der Schiedsrichter den medizinischen Betreuern erlaubt, einen Spieler auf dem Feld zu behandeln.
Am Dienstagabend in London war es dagegen in der Schlussphase der Ausnahmefall, wenn sich vor allem Arteta mal innerhalb der Coachingzone aufhielt. Er lief wie angestachelt die Seitenlinie entlang, gab durchgehend Kommandos.
Simeone bedrängt Arsenals Sportdirektor
Lutz Wagner hatte von der Tribüne aus beste Sicht auf das Verhalten der Trainer. Das Verlassen der Coachingzone sieht er als weniger gravierend an. “Wichtiger ist die Frage, wie sportlich die Trainer sich verhalten. Feuern sie die eigenen Spieler an? Oder wollen sie Einfluss nehmen auf Gegner oder den Schiedsrichter?”
DFB-Schiedsrichter-Lehrwart Lutz Wagner im Niedersachstenstadion in Hannover
Arteta wie Simeone sind hier Grenzgänger. Arsenal-Trainer Arteta kam den Spielern bei Einwürfen immer wieder sehr nah und Simeone ging in der Nachspielzeit verbal auf Arsenals Sportdirektor Andrea Berta los. Der Italiener hatte ebenfalls gestikuliert, er und Simeone kennen sich aus gemeinsamen Atlético-Zeiten gut.
Auch beim Umgang mit den Trainern bescheinigte Wagner dem Schiedsrichterteam, hier besonders dem vierten Offiziellen Tobias Stieler, ein gutes Auftreten. “Sie haben beiden mit den Gelben Karten Einhalt geboten”, sagte Wagner. Man müsse bei der Beurteilung immer auch beachten, welche Bedeutung die Partie habe.
Ansprüche bei Atlético gestiegen
Gerade für Simeone könnte das Halbfinal-Aus Folgen haben. Ein Abschied Simeones nach 15 Jahren als Trainer wird immer wieder diskutiert.
Er selbst sei aber mit sich im Reinen, sagte der 56-Jährige. Den Halbfinaleinzug hätte ihnen niemand zugetraut. “Und wir waren in der Lage, mit einer Mannschaft mitzuhalten, die eine unglaublich Power hat.” Was Arteta bei Arsenal aufgebaut habe, sei “Wahnsinn”.
Zusätzlicher Druck auf die Schiedsrichter
Trainer wie Arteta und Simeone sorgen mit ihrem Auftreten für zusätzlichen Druck auf die Unparteiischen. Dazu passt, was Bundesliga-Schiedsrichter Deniz Aytekin in einem Stern-Interview gesagt hat. Durch die Entwicklung des Fußballs sei das Stresslevel “permanent am Anschlag”. Es gebe “bald gar keine Ruhephasen mehr”.
Dem stimmt Wagner “zu 100 Prozent) zu mit Verweis auf immer neue Aufgaben. Zum Beispiel müssen die Schiedsrichter mittlerweile mit Handzeichen die Zeit herunterzählen, wenn der Torwart den Ball länger in der Hand hält. Beginnend mit der WM soll dies auch bei Einwürfen passieren. “Selbst in den Ruhephasen müssen sie also administrative Dinge beachten”, sagte Wagner
Aytekin kritisierte in seinem Interview auch den mangelnden Respekt gegenüber den Schiedsrichtern. Zumindest in diesem Punkt hat Diego Simeone dieses Mal den richtigen Ton getroffen.
Quelle:
www.sportschau.de




