Tektonische Zeitreise: Eine interaktive Website verrät, wie sich die geografische Lage heutiger Orte im Laufe der Erdgeschichte verändert hat. Sie zeigt, auf welcher geografischen Breite der markierte Ort in den letzten 320 Millionen Jahren lag. Berlin beispielsweise lag damals noch am Äquator. Wichtig sind solche Informationen vor allem, um Fossilfunde einzuordnen und das Klima und weitere Umweltbedingungen am Fundort einzuschätzen.
Die Oberfläche der Erde ist in ständiger Bewegung: Kontinente driften aufeinander zu oder brechen auseinander, neue Ozeane entstehen. Durch die Plattentektonik hat sich die Lage und Verteilung der Landmassen auf unserem Planeten im Laufe der Erdgeschichte stark verändert. So ähnelte Europa im in der Kreidezeit einer von warmen, flachen Meeresgebieten durchbrochenen Inselwelt. In der Zeit vor 325 bis etwa 200 Millionen Jahren waren dagegen fast alle Kontinente in einer einzigen großen Landmasse vereint, dem Urkontinent Pangäa.
Drift über geografische Breiten hinweg
Durch die Kontinentaldrift haben sich jedoch auch die Positionen von Orten in Bezug auf ihre geografische Breite im Laufe der Zeit stark verändert – mit bedeutenden Folgen. „Die geografische Breite bestimmt den Winkel der Sonneneinstrahlung und damit auch das Klima“, erklären Douwe van Hinsbergen von der Universität Utrecht in den Niederlanden und seine Kollegen. Ob an einem Ort einst tropisches oder arktisches Klima herrschte, lässt sich daher auch an seiner damaligen Lage ablesen.
Ein interaktives Online-Tool macht nun diese erdgeschichtliche Reise für jeden Ort auf der Welt direkt sichtbar. Ein Klick auf den Ort genügt und man kann ablesen, auf welchen geografischen Breiten dieser Ort in den letzten 320 Millionen Jahren gelegen hat – bis zurück in die Zeit des Urkontinents Pangäa. „Wenn Sie das nächste Mal verreisen, schauen Sie vorher auf Paleolatitude.org. Sie sehen dann, welche Reise ihr Zielort im Laufe der Jahrmillionen absolviert hat“, sagt van Hinsbergen.
Rekonstruktion in drei Schritten
Basis dieser Website ist ein von den Forschenden entwickeltes und jetzt weiter verfeinertes Paläogeografisches Modell. Für dieses rekonstruierte das Team die vergangene Lage der Kontinente und Orte in drei Schritten. Basis des ersten Schritts ist die Plattentektonik, die die Lage der Landmassen zueinander und ihre Veränderungen und Verformungen im Laufe der Zeit wiedergibt. „Doch diese Rekonstruktion muss im nächsten Schritt der korrekten geografischen Breite zugeordnet werden“, sagt Co-Autor Bram Vaes von der Universität Aix-Marseille.
Für diesen zweiten Schritt werteten die Forschenden die im Gestein konservierten magnetischen Informationen aus. „Der Winkel der Magnetfeldlinien zur Erdoberfläche verändert sich von den Polen bis zum Äquator“, erklärt Vaes. „Viele Gesteine enthalten magnetische Minerale, die die Ausrichtung der Feldlinien zur Zeit ihrer Entstehung konserviert haben. Indem wir dies bestimmen, können wir daher ermitteln, in welcher geografischen Breite sich das Gestein gebildet hat.“ In Kombination mit Datierungen der Gesteine und Daten zur Polwanderung ergibt sich so ein Puzzle aus Orten und Zeiten für die verschiedenen Orte.
Für ihre neueste Version des Paleolatitude-Tools bezogen van Hinsbergen und sein Team außerdem in einem dritten Schritt auch Verformungen der Erdplatten durch die Gebirgsbildung und versunkene Mikrokontinente wie Greater Adria oder Argoland mit ein. „Damit haben wir ein globales Modell von bisher beispielloser Auflösung“, sagt van Hinsbergen.

Interaktive Zeitreise
Eine Version seines neuen Tools hat das Team nun auf der Website Paleolatitude.org frei zugänglich gemacht. Dort kann man durch einfachen Klick beispielsweise seinen Wohnort markieren und dann abrufen, auf welchem Breitengrad dieser in den vergangenen 320 Millionen Jahren lag. Noch wichtiger ist das neue paläogeografische Modell aber für die Forschung. Denn mit ihm können beispielsweise Paläontologen und Geologen fossiltragende Gesteinsformationen besser als zuvor einer geografischen Lage zuordnen.
„Die beispiellose Auflösung dieses Tools bietet neue Möglichkeiten, um beispielsweise die Biodiversität vergangener Zeiten und ihre Entwicklung zu rekonstruieren“, erklärt Co-Autorin Emilia Jarochowska von der Universität Utrecht. „Wir können sehen, wie sich die globale Artenvielfalt in Reaktion auf starke Klimawechsel veränderte, beispielsweise bei Massenaussterben: Welche Breitengrade wurden unbewohnbar, welche wurden zu Refugien?“ Aber auch Veränderungen der Meeresströmungen oder des lokalen Klimas lassen sich mit diesem Modell nun noch besser abschätzen, wie das Team erklärt.
Quelle: Douwe van Hinsbergen (Utrecht University, Niederlande) et al., PLOS One, 2026; doi: 10.1371/journal.pone.0346817
Quelle:
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