Auch 1928 wussten geschäftstüchtige Filmemacher schon, wie sich ein Stoff auf mehreren Ebenen verwerten lässt. So erschien parallel zur Premiere des Agenten-Stummfilms „Spione“ von Fritz Lang der gleichnamige Roman seiner Drehbuchautorin Thea von Harbou im Buchhandel. Im Frühjahr 2026 ist das Werk neu aufgelegt worden und entpuppt sich als früher Spionagethriller, der dem Genre viele Impulse verschaffte – die rasant vorwärtsgetriebene Handlung lässt die Leser nie zur Ruhe kommen.
Die Welt ist ein Pulverfass, und überall wird gezündelt. Politische Attentate am helllichten Tag, extremistische Kräfte, die am Umsturz der Demokratie arbeiten, dazwischen das blühende Verbrechen und schlagzeilengierige Medien, die die Lage zusätzlich anheizen. All das vor dem Hintergrund technischer Neuerungen, die ebenso faszinieren wie erschrecken. In den Städten, in denen Diplomaten Friedensverträge aushandeln, leben Menschen unterschiedlichster Herkunft; dennoch droht stets die Gefahr neuer Kriege.
Dies ist die gesellschaftliche Lage in den 1920er-Jahren, wie sie der deutsche Regisseur Fritz Lang und seine Frau, die Roman- und Drehbuchautorin Thea von Harbou, erlebten und als Inspiration für ihre Filme ausschlachteten. Am stärksten schlägt sich die Zeitatmosphäre in dem Stummfilm-Thriller „Spione“ nieder, dessen Filmpremiere am 22. März 1928 stattfand und vom Erscheinen des gleichnamigen Romans flankiert wurde; eine Zweifachverwertung des Stoffes, wie sie das Team Lang/Harbou schon bei „Metropolis“ (1927) praktizierte und auch bei „Frau im Mond“ (1929) anwandte.
Pausenlose Action und Knalleffekte
Knapp hundert Jahre später ist Thea von Harbous Roman „Spione“ in der Media Net-Edition neu erschienen und verblüfft durch seine geradezu aktuelle Grundstimmung, da die Probleme der 1920er-Jahre vielfach auch die der 2020er-Jahre sind.
„Spione“ liegt allerdings nichts ferner als eine realistische Darstellung der Geheimdienstaktivitäten nach dem Ersten Weltkrieg. Der Film ist ein Vorgänger der James-Bond- und „Mission: Impossible“-Reihen und setzt vom ersten Moment an auf pausenlose Agenten-Action und Knalleffekte: Maskeraden, Verfolgungsjagden, Explosionen, Kämpfe aller Art, dazu ein spektakuläres, vom Schurken des Films mit Absicht herbeigeführtes Zugunglück als Höhepunkt. Schon früh wird angesichts all der bedrohlichen Vorkommnisse die verzweifelte Frage gestellt: „Welche Macht hat hier ihre Hand im Spiele?“ – und von Lang auch prompt beantwortet, indem er auf eine Großaufnahme seines finster dreinblickenden „Dr. Mabuse“-Stars Rudolf Klein-Rogge schneidet, dem ein Zwischentitel ein lapidares „Ich!“ unterschiebt.
Während Lang im Film den Widersacher schon enthüllt, noch bevor er den edelmütigen Helden vorgestellt hat, geht Thea von Harbou im Roman entgegengesetzt vor. Dort gehört dem tüchtigen Agenten Nr. 326 schon der Einstieg, bei dem er einen Verräter in unmittelbarer Nähe des Geheimdienstchefs Miles Jason entlarvt und damit direkt demonstriert, wie allgegenwärtig man sich in diesem Szenario die Spione vorstellen muss: „Die modernen Wände haben nicht nur Ohren, sondern auch Mikrofone und fotografische Apparate … Der Begriff des Geheimabkommens ist illusorisch geworden.“ Erst danach widmet sich Harbou dem Erzschurken Haghi, der hinter der Fassade eines Bankdirektors seinen ruchlosen Tätigkeiten nachgeht, mit denen er die Welt an den Rand des Abgrunds bringt.
Die schiere Bosheit
Die Charakterisierung des Romans unterstreicht die dämonische Aura, die der Film um den Bösewicht herum errichtet. Obwohl Harbou im Verlauf der Handlung weitere Informationen zu Haghis Vergangenheit einstreut, die etwa seine Nationalität klären, ihn aber nicht mit politischen Motivationen ausstatten, treibt ihn im Film wie im Roman offenbar die schiere Bosheit an.
Dazu passt die bewusst diffuse Verortung des Geschehens, die sowohl Elemente von Berlin als auch von London umfasst. Nr. 326, dessen wahrer Name nie genannt wird, verwendet in der Romanversion den Tarnnamen Klaus Heinrich Schlüßlein – „weil ich hoffe, dass kein Engländer jemals imstande sein wird, ihn richtig auszusprechen“. Doch die Briten sind nicht das Feindbild des Szenarios, und der Geheimdienst ist, angefangen beim Chef Jason, international besetzt. Anders hätten die „Guten“ auf dem europäischen Spionageparkett wohl auch keine Chance, schließlich ist die Organisation von Haghi ebenfalls mit Abkömmlingen aus verschiedenen Ländern bestückt. Im Hintergrund, den der Roman ausführlicher beschreiben kann, mischen als konkrete Mächte Russland – repräsentiert sowohl durch Exilanten nach der Oktoberrevolution als auch durch Bolschewisten – und Japan mit.
Das erlaubt Harbou auch etwas von dem Exotismus, der ihre Romane – etwa „Das indische Grabmal“ – damals zu Verkaufsschlagern machte, etwa bei Ausflügen in schummrige Nachtclubs nach (afro-)amerikanischem Vorbild. Auch „Spione“ ist alles andere als frei von nationalen Stereotypen; sie durchziehen das gesamte Œuvre von Thea von Harbou und künden davon, warum die Schriftstellerin und der Nationalsozialismus wenige Jahre später so unglückselig harmonierten. Ihre freimütige rassistische Wortwahl sucht die Neuausgabe des Romans durch neutrale Begriffe zu ersetzen, zumindest wo es um „N-Wörter“, das „Z-Wort“ oder despektierliche Schilderungen von Japanern geht – eine vergleichbare Beschreibung jüdischer Figuren bleibt hingegen erstaunlicherweise unangetastet.
Verknappter Stil, atemlose Action
Trotz solcher verbaler Abgründe kann „Spione“ mehr als andere Romane von Harbou vermitteln, warum sie ab den 1910er-Jahren zur erfolgreichen Schriftstellerin aufstieg. Das gehetzte Tempo, das Fritz Lang bei der Inszenierung von „Spione“ an den Tag legt, prägt auch den Roman, der seine Hauptfiguren und damit auch die Leser nie zur Ruhe kommen lässt. Neben der Fülle an Ereignissen erreicht Harbou diesen Effekt durch stilistische Mittel wie sich scheinbar fast überschlagende Sätze, die von Gedankenstrichen, Auslassungspunkten und Ausrufezeichen vorangetrieben werden – was sich im Film noch in den Zwischentiteln widerspiegelt. Eine Autoverfolgungsjagd wird knapp, aber bildhaft auf wenige Worte reduziert: „Gas – Gas – Gas! – Was, Teufel, Kurven! Auf zwei Rädern um die Kurven“. Ähnlich sieht es bei der Beschreibung der Zugkatastrophe und der Stürmung der Bank gegen Ende aus.
Auch die Neigung der Autorin zu blumigen Ausschmückungen verleiht dem Roman „Spione“ einen nicht geringen Lesereiz, selbst wenn dabei manche umständliche Beschreibung oder Erklärung herauskommt. Gewöhnungsbedürftig sind auch die hemmungslosen Gefühlsergüsse bei dem Protagonisten Nr. 326 oder bei der weiblichen Hauptfigur Sonja, die im Handumdrehen von der Gegenspielerin zur Geliebten wird, zumal dadurch das professionelle Intrigenspiel zwischen den beiden schnell beendet ist.
Immerhin lässt gerade ihre Emotionalität sie am Ende über sich hinauswachsen und ermöglicht es ihnen, Haghis kalte Kalkuliertheit zu bezwingen. Als Gegenentwurf zum Klischee gefühlstoter Agenten, wie es im Jahrhundert nach „Spione“ so unendlich viele Romane und Filme zelebriert haben, wirkt das ebenso überraschend wie erfrischend.
Literaturhinweis
Spione. Von Thea von Harbou. Media Net-Edition, Kassel 2026. 255 Seiten, 16 Abb., 26,90 Euro. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.
Quelle:
www.filmdienst.de




