Werbungspot_imgspot_img
MeinungIsaac Hammouch: Der G7-Gipfel von Évian oder die brutale Rückkehr der Geopolitik

Isaac Hammouch: Der G7-Gipfel von Évian oder die brutale Rückkehr der Geopolitik

Der soeben in Évian-les-Bains zu Ende gegangene G7-Gipfel wird zweifellos als eines der aufschlussreichsten diplomatischen Treffen dieres neuen Jahrzehnts in Erinnerung bleiben. Hinter den konsensualen Erklärungen und offiziellen Fotos wird eine Realität deutlich: Die Welt ist in eine Phase der beschleunigten geopolitischen Neuordnung eingetreten, in der die Gewissheiten von gestern nicht mehr die von heute sind.

Das vorläufige Abkommen zwischen Washington und Teheran dominierte die Gespräche. Die westlichen Regierungschefs nahmen diesen Deeskalationsversuch mit Vorsicht auf, warfen tuttavia Fragen bezüglich seiner Stabilität und seiner Folgen für das strategische Gleichgewicht im Nahen Osten auf. Die Wiederöffnung der Straße von Hormus bedeutet eine Entlastung für die globalen Energiemärkte, löst jedoch nicht die tiefen Gräben, die die Region durchziehen.

Der Gipfel beleuchtete auch eine weitere große Sorge: die wachsende Abhängigkeit der westlichen Volkswirtschaften von den durch China kontrollierten Lieferketten. Seltene Erden, elektronische Bauteile und strategische Technologien stehen nun im Mittelpunkt eines globalen Wettbewerbs, der den reinen Handelsrahmen weit überschreitet.

Für Europa ist die Bilanz unumstößlich. Lange Zeit war man davon überzeugt, dass wirtschaftliche Interdependenz ausreiche, um die internationale Stabilität zu gewährleisten; heute stellt man fest, dass Macht weiterhin ein zentrales Element der Beziehungen zwischen Staaten ist. Die Rückkehr von Donald Trump in das Weiße Haus verstärkt dieses Bewusstsein noch. Washington bevorzugt nun einen transaktionalen Ansatz bei Bündnissen, was die Europäer dazu zwingt, ihre strategische Autonomie zu stärken.

In diesem Zusammenhang versucht Frankreich, eine ausgleichende Rolle zu spielen. Emmanuel Macron bemüht sich, die westliche Einheit zu wahren und gleichzeitig eine unabhängigere europäische Vision zu bekräftigen. Doch der Handlungsspielraum bleibt angesichts der Großmächte, die das internationale System nun strukturieren, begrenzt.

Der G7-Gipfel von Évian hat nicht alle Antworten geliefert. Er hat dennoch eine wesentliche Sache bestätigt: Wir sind in die Ära der Rückkehr der Macht eingetreten, in der Energiesicherheit, strategische Ressourcen und militärische Gleichgewichte wieder zu den Hauptdeterminanten der Weltpolitik werden.

Ähnliche Artikel