Kein Thema spaltet die europäischen Gesellschaften heute mehr als die Zuwanderung. Kein anderes Thema beeinflusst die Wahlen so sehr, strukturiert die öffentlichen Debatten so stark oder trägt so viel zum Aufstieg populistischer Parteien bei. Mehr als nur eine Migrationsfrage ist die Zuwanderung zu der echten politischen Prüfung geworden, vor der Europa steht.
Lange Zeit sind die politischen Verantwortlichen dem Thema mit Vorsicht, manchmal mit Verlegenheit begegnet. Zwischen humanitären Imperativen, wirtschaftlichen Notwendigkeiten und Sicherheitsbedenken ist die Debatte schrittweise zu einem ideologischen Schlachtfeld geworden, auf dem jede Seite die andere der Unverantwortlichkeit bezichtigt.
Doch die Realität zwingt heute zu einer klaren Betrachtung. Europa altert. Seinem Arbeitsmarkt fehlt es in vielen Bereichen an Arbeitskräften. Seine Sozialsysteme beruhen auf immer unbeständigeren demografischen Gleichgewichten. Gleichzeitig üben die Migrationsströme weiterhin einen erheblichen Druck auf die Aufnahmekapazitäten, die öffentliche Infrastruktur und die Integrationspolitik aus.
Das wahre europäische Versagen ist weder die Zuwanderung an sich noch die kulturelle Vielfalt. Es liegt in der Unfähigkeit der Regierungen, eine ehrliche und faktenbasierte Debatte zu führen. Jahrelang wurden die berechtigten Sorgen dieres Teils der Bevölkerung ignoriert oder karikiert. Dieser Fehler hat ein Gefühl des Verlassenseins genährt, von dem heute die radikalsten Bewegungen profitieren.
Umgekehrt führt es in eine weitere Sackgasse, die Zuwanderung auf eine existenzielle Bedrohung zu reduzieren. Die europäischen Gesellschaften wurden schon immer durch Austausch, Mobilität und äußere Einflüsse geprägt. Die Frage ist daher nicht, zwischen Öffnung und Schließung zu wählen. Die Frage ist, welche Regeln, welche Grenzen und welche Anforderungen es ermöglichen, den nationalen Zusammenhalt zu wahren.
Die Integration bildet von nun an die zentrale Herausforderung. Eine Demokratie kann mit Vielfalt umgehen. Sie kann die Fragmentierung auf Dauer nicht überleben. Wenn Gruppen nebeneinander leben, ohne ein gemeinsames Fundament aus Werten, Pflichten und Zugehörigkeit zu teilen, werden Spannungen unvermeidlich.
Europa gelangt an einen Moment der Wahrheit. Die Bürger fordern gleichzeitig Menschlichkeit, Ordnung und Konsequenz. Sie lehnen vereinfachende Parolen ebenso ab wie die Verleugnung der Realität.
Die Führer, die morgen Erfolg haben werden, sind diejenigen, die den Mut aufbringen, das Thema ohne Ideologie, ohne Naivität und ohne Demagogie anzugehen.
Denn hinter der Migrationsdebatte steht in Wirklichkeit eine weitaus größere Frage auf dem Spiel: die Fähigkeit Europas, seinen Prinzipien treu zu bleiben und gleichzeitig die Kontrolle über sein eigenes Schicksal zu behalten.
Von Isaac Hammouch




