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GesellschaftReligion & Spiritualität"Verletzlichkeit als Zugang zur Spiritualität" / Jesuit übersetzt Herz-Jesu-Frömmigkeit in neue Sprache

"Verletzlichkeit als Zugang zur Spiritualität" / Jesuit übersetzt Herz-Jesu-Frömmigkeit in neue Sprache

DOMRADIO.DE: Viele Menschen verbinden mit der Herz-Jesu-Spiritualität kitschig anmutende Jesus-Darstellungen und antiquierte Gebete. Sie haben als junger Jesuit nun ein Buch über diese mehrere Hundert Jahre alte Form der Frömmigkeit geschrieben. Was kann sie der Kirche heute geben?

Pater Dag Heinrichowski SJ (Spiritual am interdiözesanen Priesterseminar Sankt Georgen in Frankfurt am Main): Ich glaube, dass die Herz-Jesu-Spiritualität es schafft, die christliche Botschaft zu komprimieren und dadurch zugänglicher zu machen. Voraussetzung dafür ist, dass sie von althergebrachten Bildern befreit wird, die manchmal ein Hindernis sein können. Die Verehrung des Herzens Jesu zeigt, dass Gott ein Herz für alle hat und uns Menschen immer mit offenen Armen empfängt. Wichtig ist hierbei der Begriff Solidarität, in der kirchlichen Tradition mit dem Wort Sühne beschrieben. 

Dahinter steht die Idee, dass wir wirklich miteinander verbunden sind und mitfühlend in der Welt sein sollten – und keineswegs gleichgültig. Und als letzter Punkt kommt mir der Begriff Verletzlichkeit in den Sinn. Biblisch geht die Herz-Jesu-Spiritualität auf die Seitenwunde Jesu zurück, die vor allem in der Passion des Johannesevangeliums eine Rolle spielt. Ich glaube, der Blick auf die Wunden unserer Zeit kann einen neuen Zugang zu Glauben und Spiritualität eröffnen.

DOMRADIO.DE: Papst Franziskus hat sich während seines Pontifikats oft auf das Herz Jesu bezogen und sogar eine eigene Enzyklika zu diesem Thema verfasst. Wie stark hat ihn diese Art der Frömmigkeit geprägt? 

Heinrichowski: Papst Franziskus war Jesuit und dadurch von der Herz-Jesu-Verehrung geprägt. Unsere Spiritualität ist sehr stark von den Exerzitien des heiligen Ignatius von Loyola beeinflusst. Sie werden auch als eine Schule der Affekte bezeichnet, es geht um das Unterwegs-Sein mit Jesus. Als Jesuit soll man sich formen lassen von Jesus Christus. Das ist ein Motiv, das auch in der Herz-Jesu-Frömmigkeit auftaucht. 

In den Texten unserer Generalkongregation, also des höchsten Gremiums des Ordens, wird immer wieder ausgedrückt, dass das Herz Jesu uns wichtig ist. Bei Papst Franziskus ist das Motiv der Zärtlichkeit von großer Bedeutung. In seiner Enzyklika über das Herz Jesu “Dilexit nos” kommt dieses Wort 16-mal vor – ich habe nachgezählt. 

Pater Dag Heinrichowski SJ

“Gott suchen und finden in unserer konkreten Welt, auch da wo es dunkel und elend ist.”

DOMRADIO.DE: Franziskus hat mit Blick auf das Herz Jesu doch auch eine “Revolution der Zärtlichkeit” gefordert. 

Heinrichowski: Das stimmt. Schon in seiner ersten größeren Predigt nach der Wahl zum Papst sprach Franziskus von eben dieser “Revolution der Zärtlichkeit”. Für ihn hatte das etwas damit zu tun, aufmerksam zu sein, mitleiden zu können und Mitgefühl zu zeigen. Zärtlichkeit ist für ihn ein Gegenentwurf zu Gleichgültigkeit, zu Empathielosigkeit, zu Egoismus. 

Und da ist man ganz schnell wieder bei seinem Jesuit-Sein: Der bedeutende Theologe und Jesuit Karl Rahner hat mit Blick auf die ignatianische Spiritualität von “Liebe zur Wirklichkeit” gesprochen. Das heißt, Gott suchen und finden in unserer konkreten Welt, auch da, wo es dunkel und elend ist. Auch in diesen Wunden der Welt kann etwas von Gott präsent sein – dann bin ich schon beim Herzen Jesu.

DOMRADIO.DE: Hat die Herz-Jesu-Spiritualität eine Zukunft – und wie könnte sie aussehen?

Heinrichowski: Ich glaube, es gibt eine Form der Herz-Jesu-Verehrung, die vorbei ist. Sie war historisch gesehen auch immer wieder eine Frömmigkeitsform, die in Krisenzeiten Konjunktur hatte. Zwei Stichworte sind meiner Meinung nach für die Zukunft der Herz-Jesu-Spiritualität wichtig: Verletzlichkeit und Transformation. Verletzlichkeit ist ein Thema, das in unserer Zeit eine große Rolle spielt – es gibt sogar soziologische Entwürfe dazu. 

Auch in der Kirche ist das ein wichtiger Punkt, nicht zuletzt, weil Menschen dort Verletzungen erfahren. Hier kann die Herz-Jesu-Spiritualität vielleicht zu einer Kultur verhelfen, in der über Verletzungen anders gesprochen wird, sodass Heilung möglich ist. Die Kunstinstallation “Schmerzpunkt”, die beim Katholikentag vorgestellt wurde, könnte so ein Versuch sein. Aber auch in dem alten Gebet “Anima Christi”, also “Seele Christi”, gibt es die inständige Bitte “Birg in deinen Wunden mich”. Hier sieht man Verletzlichkeit als Zugang zur Spiritualität.

DOMRADIO.DE: Warum ist Ihnen das zweite Stichwort, Transformation, wichtig?

Heinrichowski: Diesen Begriff hören wir fast überall, sei es in den Kirchengemeinden, in den Bistümern, in der Politik oder in der Gesellschaft. Überall stehen teils tiefgreifende Veränderungen an. Es gibt mit Blick auf das Herz Jesu die klassische Bitte, dass Gott das menschliche Herz nach dem Herzen Jesu bilden soll. Das ist eine Bitte um Veränderung, um Transformation auf Christi Liebe hin. Gerade während der vielen Transformationsprozesse, die Unsicherheit geben, ist das eine Perspektive, die eine Richtung vorgibt und Halt schenkt.

Pater Dag Heinrichowski SJ

“Unser Gott zeigt sich in Jesus Christus verletzlich.”

DOMRADIO.DE: Zeigen sich diese neuen Aspekte der Herz-Jesu-Spiritualität auch in einer neuen Form der Darstellung – oder gibt es weiterhin vor allem die eher “kitschigen” Jesus-Bilder?

Heinrichowski: Es gibt auch einige neuere Darstellungen des Herzens Jesu. Letztens wurden Werke eines ukrainischen Künstlers gezeigt – auch hier wieder das Thema Verletzlichkeit und Verwundungen, ganz konkret. Es gibt auch Ikonen, die auf Munitionskisten geschrieben werden. Unser Gott zeigt sich in Jesus Christus verletzlich. Wenn wir das darstellen, kann daraus ein Aufbruch entstehen – sowohl bildsprachlich als auch spirituell oder theologisch. Das ist dann letztlich eine Rückkehr zum Ursprung der Herz-Jesu-Verehrung, die aus dem Blick auf die Wunden Jesu herrührt.

DOMRADIO.DE: War Ihnen die Verehrung des Herzens Jesu schon immer wichtig oder haben Sie dieses Thema erst vor kurzem für sich entdeckt? 

Heinrichowski: Von einem langjährigen Freund habe ich als Rückmeldung zu meinem Buch gehört, dass es sehr biografisch geprägt sei. Das ist mir beim Schreiben gar nicht aufgefallen, stimmt aber tatsächlich. Als Jugendlicher war ich bei den Pfadfindern sehr aktiv und mein Stamm ist nach Charles de Foucauld benannt. Diesem französischen Heiligen war das Herz Jesu sehr wichtig; er hat es als Herz mit einem Kreuz darauf sogar zu seinem Zeichen gemacht. Daher war es mir immer vertraut. Außerdem haben mich Herz-Jesu-Darstellungen schon immer fasziniert. Die Darstellungen, die ich als Kitsch bezeichnen würde, bleiben mir aber eher fremd. 

Wenn ich auf meinen Orden blicke, dann ist bei uns die Herz-Jesu-Verehrung eher nicht so populär, zumindest nicht nach außen hin. Trotzdem glaube ich, dass sie vielen Mitbrüdern doch etwas sagt. Mit Blick auf meine persönliche Art der Spiritualität und Christus-Beziehung ist mir der Punkt sehr wichtig, mich von Christus berühren zu lassen. Bei mir gibt es immer wieder Phasen, in denen ich merke, dass mein Herz sich verhärtet. Ich ringe dann spirituell damit, ein Herz zu behalten, das berührbar bleibt – ein Herz, das nicht zu Stein wird, sondern ein Herz aus Fleisch bleibt. Auf diese Weise ist der Blick auf das Herz Jesu eine Konstante in meinem inneren Leben.

DOMRADIO.DE: In Ihrem Buch kommt auch das Gebetsnetzwerk des Papstes vor, das Sie in Deutschland koordinieren. Ist Ihre Schrift also auch eine Art Werbung dafür?

Heinrichowski: Ich bin jetzt seit gut vier Jahren Koordinator des weltweiten Gebetsnetzwerks des Papstes hier in Deutschland und dieses Ehrenamt bietet mir die Möglichkeit, mich mit dem Thema Herz-Jesu-Frömmigkeit auseinanderzusetzen. Das hat mich dazu herausgefordert, diese Spiritualität in eine neue Sprache zu übersetzen. Das Buch ist in gewisser Weise auch Teil meines Auftrags als Koordinator des Gebetsnetzwerks. 

Diese Gemeinschaft ist eine Form, wie Spiritualität konkret werden kann – eben dadurch, dass ich mich von den Herausforderungen der Welt und der Kirche berühren lasse und Mitgefühl zeige, indem ich für andere bete. Die Gebetsanliegen, die der Papst für jeden Monat formuliert, bieten einen konkreten Rahmen, wie dieses Mitgefühl aussehen kann. Insofern ist das Buch sicherlich auch etwas Werbung. Das ist aber eher ein Nebeneffekt.

Das Interview führte Roland Müller.

Jesuitenorden

Die Jesuiten sind die größte männliche Ordensgemeinschaft der katholischen Kirche. Gründer der “Gesellschaft Jesu”, so die offizielle Bezeichnung in Anlehnung an den lateinischen Namen “Societas Jesu” (SJ), ist der Spanier Ignatius von Loyola (1491-1556).

Jesuiten sind keine Mönche; sie führen kein Klosterleben und tragen keine Ordenskleidung. Neben Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam verpflichten sie sich in einem vierten Gelübde zu besonderem Gehorsam gegenüber dem Papst. Zudem legen sie ein Zusatzversprechen ab, nicht nach kirchlichen Ämtern zu streben.


Quelle:

www.domradio.de