Die Zahlen, sagt Said Etris Hashemi, sind “nicht einfach Statistiken. Hinter jeder Zahl steht ein Gesicht, hinter jedem Vorfall eine Geschichte.”
Der 29‑Jährige gehört zu denjenigen, die in Berlin einen neuen Bericht zu antimuslimischen Vorfällen in Deutschland vorgestellt haben. Herausgegeben wird er von der Allianz gegen Islam- und Muslimfeindlichkeit (CLAIM), die damit zum vierten Mal ein “Zivilgesellschaftliches Lagebild antimuslimischer Rassismus” vorlegt. Für 2025 verzeichnet das rund 90‑seitige Dokument 4096 antimuslimische Vorfälle. Das sind gut elf am Tag. Im Vergleich zum Vorjahr (2024: 3080) sind das über tausend Vorfälle zusätzlich.
Hashemi warnt davor, dass sich Rassismus und Hass über Jahre aufbauen und dann in Gewalt umschlagen könnten. Er hat es am eigenen Leib erlebt. Als am 19. Februar 2020 ein Rechtsterrorist in Hanau bei Frankfurt/Main an zwei Tatorten neun Menschen mit Migrationsgeschichte ermordete, überlebte Hashemi nur knapp. Sein zwei Jahre jüngerer Bruder zählte zu den getöteten jungen Leuten. “Das waren Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, die kein anderes Land kannten.”
Die Hashemis sind Söhne afghanischer Geflüchteter. Hanau habe gezeigt, “wohin Ausgrenzung, Entmenschlichung und rassistische Feindbilder führen können”. Heute gehört Said Etris Hashemi der “Initiative 19. Februar Hanau” an, die die Erinnerung an die Ermordeten wahrt und vor mörderischem Hass warnt. Er ist auch Bundesvorsitzender des Verbandes binationaler Familien und Partnerschaften.
Mit 4096 Fällen verzeichnet CLAIM einen neuen Höchststand. Allerdings sind die Zahlen nur eingeschränkt vergleichbar: Die bundesweite Vernetzung der Beratungsstellen und damit auch die Erfassung von Vorfällen wird seit 2022 kontinuierlich ausgebaut. Wie in den Vorjahren geht die Organisation zudem von einer “hohen Dunkelziffer antimuslimischer Vorfälle” aus.
Rima Hanano, eine der CLAIM-Geschäftsführerinnen, betont auch gar nicht den Höchstwert, sondern hebt auf die Dimension der Vorfälle und Straftaten ab. Im Jahr 2025 erfasste der Bericht zwei Tötungsdelikte und 214 schwere Übergriffe in Form von Körperverletzungen. Vier davon wurden juristisch als schwere Körperverletzungen oder versuchte Tötungen eingestuft.
Den größten Anteil der Vorfälle stellen mit 2379 Fällen verbale Angriffe. Bei einer ganzen Reihe von Fällen richtet sich die anti-muslimische Gewalt gegen islamische Gotteshäuser. Dazu zählen Bombendrohungen gegen Moscheegemeinden, Flugblätter vor Moscheen, ein Hakenkreuz vor dem Gebetsraum einer Universität.
Muslime werden nicht als Betroffene gesehen
“Es ist heute sagbar, was vor einigen Jahren noch nicht sagbar war”, sagt Hanano. Sie warnt vor den Folgen für die jeweils Betroffenen. Rassismuserfahrungen verstärkten das Gefühl, “nicht dazuzugehören”. Das Vertrauen in Politik und gehe verloren.
Die CLAIM-Geschäftsführerin beklagt, dass die Existenz von antimuslimischem Rassismus “immer häufiger geleugnet” werde. Sie sprach vom Eindruck, dass in öffentlichen Debatten muslimische Menschen “vor allem als Täter” vorkommen dürften, “nicht aber als Betroffene von Ausgrenzung und Gewalt”.
Beim Umgang mit Diskriminierung und Gewalt, mahnte Hanano, gehe es um den “Kern unserer Demokratie”. Denn Rassismus sei in seinen verschiedenen Varianten – Muslimfeindlichkeit, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit – “auf einem extrem hohen Niveau”. In dem “Lagebild” drängt CLAIM auch darauf, dass die Politik die Unterstützung und den Schutz von Betroffenen stärken, die Aufklärung und Verfolgung antimuslimischer Hasskriminalität verbessern, mehr Beratungsangebote etablieren solle.
Antimuslimischer Rassismus sei in Deutschland “kein Randphänomen, sondern Realität für viele Menschen”, sagt Said Etris Hashemi, der damals in Hanau mehrere Schussverletzungen erlitt und seinen Bruder verlor. Seit Jahren geht der nun 29-Jährige in Schulen, sucht das Gespräch mit Heranwachsenden. Er finde es “sehr erschreckend”, was ihm Jugendliche an Rassismuserfahrungen anvertrauten, was sie durchmachten.
“Hoffnungen in die neue Generation”
Und doch strahlt er im DW-Gespräch auch Zuversicht aus. Er habe “sehr große Hoffnungen in die neue Generation”. Vielleicht mache die nächste Generation es besser als frühere Jahrgänge. Nach seinem Eindruck verbinde sie deutlich stärker als in früheren Zeiten “die Art und Weise, wie sie gemeinsam aufwachsen, bei unterschiedlichen Herkünften, unterschiedlichem Background”, und das gemeinsame Ziel des Schulabschlusses.
Hashemi spricht von “einer Art Vorbildfunktion”, die er mit seinem Leben für manchen Heranwachsenden aus migrantischen Familien habe. “Denn sie sehen mich halt als Mensch mit Migrationshintergrund, der nicht anders aufgewachsen ist als sie, vielleicht auch aus dem sozialen Brennpunkt kommt und es irgendwie geschafft hat, auf großen Bühnen zu sprechen oder an Tischen zu sitzen, wo man normalerweise als Mensch, der einen solchen Background hat, nicht unbedingt bekommt.”
Quelle:
www.dw.com




