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SportAlmiron, Balogun, Kalajdzic - die etwas andere Elf der WM

Almiron, Balogun, Kalajdzic – die etwas andere Elf der WM


Elf der WM

Stand: 20.07.2026 • 01:59 Uhr

Ein Mittelfeldspieler, der einen historischen Platzverweis erhielt und einen viralen Hit ermöglichte, ein Stürmer, der eine politische Affäre auslöste und ein “I-werd-narrisch”-Wiedergänger: Die etwas andere Elf der WM.

Tor – Vozinha (Kap Verde): Was wurde im Vorfeld dieser WM nicht gemeckert. 48 Teams, darunter jede Menge Klein- und Kleinststaaten, die kein Abiturient auf der Weltkarte finden würde und die fallobstartig durchgereicht werden würden. Dann kam das 0:0 von Spanien gegen Kap Verde und zeigte: Nicht alle Underdogs sind chancenlos. Die personifizierte Manifestation Kap Verdes auf der fußballerischen Weltbühne steht im Tor und trägt den Namen Josimar José Evora Dias.

Unter seinem fußballerischen nom de guerre Vozinha mutierte er innerhalb von rund 100 Minuten Spielzeit inklusive hydration break neben Lionel Messi, Kyllian Mbappé oder Erling Haaland zu einem der Sterne der WM. Seine Instagram-Followerschaft wuchs von 50.000 auf 23 Millionen und die halbe Welt verfolgte quasi in Echtzeit, wie Mama Vozinha nach Visa-Querelen dann doch einreisen und ihren Sohn bei einem WM-Spiel anfeuern durfte. Demnächst hat der aktuell vereinslose Keeper dann wohl auch einen neuen Verein, der Messi-Klub Inter Miami soll Interesse haben. Stars bleiben eben gerne unter sich.

Abwehr – Andy Robertson (Schottland): Bei der EM 2024 eroberte die schottische Nationalmannschaft die deutschen Herzen im Sturm. Als 35.000 Fans der Bravehearts durch Köln prozessierten – normalerweise ein Grund für Anwohner, ihre Türen schalldicht zu verbarrikadieren – standen Menschen am Fenster und applaudierten. Zugegeben, ganz so viel Begeisterung lösten die Schotten bei der WM 2026 nicht aus, aber es gab sie auch diesmal wieder, die wunderbar schrulligen schottischen Randnotizen.

Das ging schon vor der WM los, als die Bank of Scotland den Fallrückzieher von Scott McTominay in den Quali-Playoffs gegen Dänemark auf 100 Stück einer Sonderedition der 20-Pfund-Note drucken ließ. Nach dem Auftaktsieg gegen Haiti erließ Regierungschef John Swinney einen zusätzlichen Feiertag, zur nationalen Erholung nach dem kräftezehrenden 1:0. Und die Heimatgemeinde von Kapitän Andy “Robbo” Robertson änderte ihren Namen für den Zeitraum der WM von “East Renfrewshire” in “East Robboshire”. Alleine die Reaktion des Kapitäns auf diese Nachricht zeigt, warum man kaum anders kann, als diese sympathischen blokes ins Herz zu schließen.

Abwehr – Sidny Lopes Cabral (Kap Verde): Das Schöne an der Postmoderne ist ja, dass man Geschichten von allen Ecken und Enden erzählen kann. Die Geschichte von Sidny Lopes Cabral kann man von Erfurt aus beginnen, wo der Abwehrspieler im Frühjahr 2022 beim damaligen Oberligisten Rot-Weiß Erfurt anheuerte. Man kann bei Viktoria Köln beginnen, wo er 2024 in der 3. Liga spielte, oder in den Niederlanden, wo er in der Corona-Zeit ohne Verein da und vor der Entscheidung stand, ob seine Karriere weitergehen würde, bevor sie überhaupt begonnen hatte.

Man kann aber auch in der 103. Minute des WM-Sechzehntelfinals zwischen Argentinien und Kap Verde in Miami beginnen, als der bis dahin längst als Favoritenschreck etablierte Außenseiter (Gedankenstütze: Vozinha!) in der Verlängerung den Ausgleich gegen Argentinien schaffte – mit einem der schönsten Tore des Turniers. Dieser Treffer und sein anschließender Lauf über den gesamten Platz in Richtung Tribüne, auf der Suche nach seiner Freundin, wird die WM überdauern. Egal, von welchem Ende man die Geschichte beginnt.

Abwehr – Livano Comenencia (Curacao): “Ich habe am ganzen Körper gezittert. Dann habe ich sofort angefangen zu weinen.” Das Fußballer in ihren Aussagen der Überhöhung und dem Pathos nicht abgeneigt sind, ist hinlänglich bekannt. Doch im Falle des für den FC Zürich in der Schweiz spielenden Außenverteidigers ist obige Aussage nachvollziehbar. Hat er doch das historisch erste – und einzige – Tor für den WM-Debütanten Curacao erzielt, ein Land, dass sechsmal in der Deutschen liebstes Größenvergleichsbundesland Saarland passen würde und so viele Einwohner hat wie Paderborn. Und dann auch noch gegen den viermaligen Weltmeister Deutschland, im ersten Gruppenspiel.

Dass die Partie für den kleinsten WM-Teilnehmer am Ende mit 1:7 verloren ging und Curacao zwei weitere Gruppenspiele später als Gruppenletzter ausgeschieden war – geschenkt. Seine warholschen 15 Minutes of fame hatte Comenencia, genau genommen sogar 17 – dann traf Nico Schlotterbeck für das DFB-Team und rückte die Verhältnisse wieder gerade.

Mittelfeld – Jeremy Doku (Belgien): Am 22. Juni kam in London der kleine Praise zur Welt. Mutter und Kind sind wohlauf, auch der Vater war bei der Geburt dabei. Letzteres war nicht selbstverständlich, denn er ist Fußball-Nationalspieler und für Belgien bei der WM dabei. Als sich die Geburt früher als erwartet ankündigte, erbat er beim Verband die Erlaubnis, nach Hause zu reisen und bei der Geburt dabei sein zu dürfen. Er durfte – begleitet wurde die Reise allerdings von Diskussionen über patriotische Pflichten und die Frage, ob die Geburt eines Kindes oder der Einsatz für sein Land bei einer Weltmeisterschaft höher zu gewichten seien.

Besonders negativ hervor tat sich dabei eine französische TV-Journalistin. “Eine Geburt ist ein widerlicher Moment, in dem der Vater nutzlos ist, er hat nur eine Statistenrolle”, irrlichterte sie. “Du hast die Chance, an einer Weltmeisterschaft teilzunehmen. Es gibt Hunderte Fußballspieler, die alles geben würden, um in dieser Position zu sein.” Sie selbst katapultierte sich raketengleich raus ihrer beruflichen Position, der Sender distanzierte sich von ihren Aussagen und entzog ihr die Moderationspflichten, der Verband französischer Sportjournalistinnen nannte sie “rückwärtsgewandt”. Das letzte Wort in der Causa hatte Dokus Frau Shirin: “Übrigens der beste Geburtsbegleiter, den man sich vorstellen kann”, schrieb sie bei Instagram. “Ohne dich hätten wir das nicht geschafft, Papa.”

Mittelfeld – Miguel Almiron (Paraguay): Zwölf Wörter für die Ewigkeit: “After review, number ten, Paraguay, cover his mouth. Decision is red card!“” sagte Schiedsrichter Ivan Barton aus El Salvador beim Spiel Türkei gegen Paraguay. Es waren historische Worte, begleiteten sie doch den ersten Platzverweis der WM-Geschichte aufgrund der neuen Regel, dass Fußballspielerinnen und -spieler die Rote Karte sehen können, wenn sie bei einer Auseinandersetzung mit einem Gegenspieler den Mund bedecken. Miguel Almiron hatte eben das gemacht und wurde regelkonform des Feldes verweisen. Die FIFA hatte die Vorschrift eingeführt, nachdem Vinicius Jr. im Champions-League-Spiel Real Madrid gegen Benfica Lissabon von Gianluca Prestianni, der seinen Mund ebenfalls hinter seiner Hand versteckt hatte, rassistisch beleidigt worden sein soll.

Almiron konnte es nicht fassen – und das Internet drehte im Nachgang komplett frei. Nicht wegen des historischen Ausmaßes der Entscheidung, sondern aufgrund des phonetischen Swags der Worte des Schiedsrichters. Bartons an einen Drill Instructor gemahnenden Worte wurden tausendfach gesampelt für Techno und Funk-Remixe und feuilletonistisch aufbereitet. Nach Meinung der taz hätte sich sogar Friedrich Merz eine Scheibe von Barton abschneiden können: “After review: All Germans work less than they should. Decision: Sechs-Tage-Woche.”

Mittelfeld – Gilberto Mora (Mexiko): Die Planstelle des nordeuropäischen Teams, in das sich alle aufgrund des massentauglichen und tiktokfähigen Jubels schockverlieben nahmen bei diesem Turnier die Norweger ein. Das so genannte “Viking Row”, eine Art Weiterentwicklung des von Island bei der EM 2016 zelebrierten “Viking Clap” war zu WM-Zeiten bis zur Inflation zu sehen – vom Times Square in New York bis zum norwegischen Parlament in Oslo. Und natürlich auf den Rängen der Stadien.

Beim letzten Spiel der Norweger gegen England im Viertelfinale mischte sich ein ungewöhnlicher Gast in die norwegische Ruderriege auf den Rängen. Der mexikanische Wunder-Teenie Gilberto Mora hatte nach dem Ausscheiden seiner Mexikaner – ebenfalls gegen England – zunächst seine Schulabschlussfeier besucht und war dann zu Gast beim Viertelfinale, wo er begeistert mitruderte. Die Herzen seiner Landsleute hatte er ohnehin schon längst erobert – den Rest der Welt holte er sich mit seinem Gastvortrag im falschen Trikot.

Mittelfeld – Felix Nmecha (Deutschland): Ob Glaube wirklich Privatsache ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Besonders gestritten wird immer dann, wenn Religionsausübung in der Öffentlichkeit sichtbar ist, zum Beispiel vor einem Millionenpublikum. Der deutsche Nationalspieler Felix Nmecha trug seinen Glauben bei der WM wie eine Monstranz vor sich her. Den Teambus verließ er mit gut sichtbarer Bibel in der Hand, sein Tor gegen Curacao bejubelte er mit einer Choreografie, bei der er eine imaginäre Krone von seinem Kopf nahm und auf den Rasen legte. Und nach dem Spiel bildete er mit Mitspielern und Gegnern einen Gebetskreis, den so genannten Bienenkorb.

Nmecha selbst sagt: “Es geht um Liebe, es geht um Nächstenliebe, es geht um Frieden, um Dankbarkeit.” Was auch stimmt: Nmecha ist Mitglied der “Ballers in God”, einer evangelikalen Gruppe von Fußballern, deren Chef John Bostock Verbindungen zu Predigern hat, die gegen Abtreibung und Homosexualität agitieren. Nmecha selbst hat in der Vergangenheit Posts abgesetzt, die als schwulenfeindlich gelesen werden können, bei seinem Klub Borussia Dortmund war er deswegen bei Dienstbeginn umstritten. Bei der WM verkamen seine missionarischen Tätigkeiten spätestens mit dem unrühmlichen Aus der DFB-Elf zur religiösen Randnotiz.

Angriff – Sasa Kalaidzic (Österreich): Die Worte “I werd narrisch” kennt nicht nur in Österreich jedes Kind. Der legendäre Kommentator Edi Finger sprach sie aus, als Hans Krankl bei der WM 1978 das 3:2 gegen Deutschland erzielte. 48 Jahre später legte Dani Warmuth quasi die 2.0-Version nach: “Bist du deppert?” Berechtigte Frage, denn die Schlussminuten der Partie zwischen Algerien und Österreich gehen als “Wunder von Kansas City” in die österreichische Fußball-Geschichte ein.

Die Ausgangssituation: Algerien und Österreich brauchen beide einen Punkt, um weiterzukommen. Es sieht auch ganz gut aus mit dem Vorhaben, bis Riyad Mahrez die algerische Elf in der Nachspielzeit mit 3:2 in Führung schießt. Österreich ist zu diesem Zeitpunkt ausgeschieden. Auftritt Sasa Kalaidzic. Der ehemalige Stuttgarter hat mit gerade mal 28 Jahren Pech für gleich mehrere Karrieren angehäuft, drei Kreuzbandrisse stehen in seiner Vita. In der fünften Minute der Nachspielzeit wird er eingewechselt, eine Minute später hat er Österreich ins Sechzehntelfinale geköpft – und Kommentator Warmuth zur Aufnahme in den österreichischen Kanon geflügelter Wörter verholfen.

Angriff – Folarin Balogun (USA): Dass Donald Trump nur bedingt Ahnung von Fußball hat, konnte man in seiner Pressekonferenz am 6. Juli eindrucksvoll erfahren. Er verstehe sehr viel von Sport, gab er an. Um zeitgleich das Gegenteil zur Schau zu stellen. Mangelnde Sachkenntnis hin oder her – mit seiner Intervention, die die FIFA bis heute bestreitet, sorgte er für die größte politischen Affäre der Fußball-WM 2026. Trump hatte im Nachgang des Spiels zwischen den USA und Bosnien-Herzegowina, in dem der US-Stürmer Balogun vom Platz gestellt worden war mit FIFA-Chef Gianni Infantino telefoniert und nach eigenen Angaben um eine Prüfung der eigentlich automatischen Sperre gebeten.

Die Sperre wurde tatsächlich zur Bewährung ausgesetzt, die FIFA bestätigte den Anruf, wies aber eine Einflussnahme zurück. In der Folge war die Aufregung groß: Die UEFA sprach von einer roten Linie, die überschritten worden sei, Kommentatoren allerorten sahen mindestens die Integrität des Wettbewerbs in Gefahr, EU-Abgeordnete forderten eine Untersuchung gegen Infantino. Treppenwitz dieser Geschichte: Die USA schieden sang- und klanglos gegen Belgien aus, Balogun war in der Partie kaum sichtbar.

Angriff – Kylian Mbappé (Frankreich): “Ich weiß, was das bedeutet und welche Folgen es für mein Land haben kann, wenn Menschen wie sie an die Macht kommen”. Sagte Kylian Mbappé in einem Interview mit “Vanity Fair” vor der WM über Marine Le Pen, Präsidentschaftskandidatin der als “rechtspopulistisch bis rechtsextrem” eingeordneten Partei “Rassemblement National”. Der französische Angreifer ist nicht nur auf dem Platz treffsicher, sondern scheut auch klare politische Aussagen nicht. Schon bei der EM 2024 rief er gemeinsam mit einigen Nationalmannschaftskollegen seine Landsleute zur Teilnahme an der Stichwahl zur Nationalversammlung auf.

Dass gefällt nicht allen, so forderte EX-UEFA-Präsident Michel Platini politische Neutralität. Mbappe lässt sich davon nicht beeindrucken. Als die paraguayische Senatorin Celese Amarilla de Boccia ihn rassistisch beleidigte bezeichnete er sie als “verachtenswerte Frau und unwürdig ihres Amtes”. Unterstützung erhielt er von Staatspräsident Emmanuel Macron. “Ein weiteres Tor für Kylian Mbappé. Diesmal gegen Rassismus.” Dem ist nichts hinzuzufügen.


Quelle:

www.sportschau.de

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