Englands unendliche Sehnsucht nach dem zweiten WM-Titel bleibt ungestillt. Im Halbfinale gegen Argentinien brachen die “Three Lions” nach ihrer 1:0-Führung auf unerklärliche Art und Weise ein und verloren noch durch zwei späte Tore. Auf Trainer Thomas Tuchel prasselt nach dem Blitz-K.o. im Königreich viel Kritik ein.
Es gibt diese eine Zahl, die dem deutschen Coach in den kommenden Tagen sicher noch häufig um die Ohren gehauen wird. Es ist die zwölf. Genau genommen sind es zwölf Prozent. Noch genauer genommen zwölf Prozent Ballbesitz. So wenig war das Spielgerät nach dem 1:0 von Anthony Gordon in der 55. Minute in den Reihen der Engländer. Die Briten liefen viel – aber eigentlich nur noch hinterher.
Warum sie sich so früh am und im eigenen Strafraum verschanzten, den Argentiniern das Mittelfeld überließen und komplett den Zugriff auf die Partie verloren, es war für Außenstehende rätselhaft. Die einzige schlüssige Erklärung war eigentlich, dass England Angst vor der eigenen Courage bekam. Aber das passte eben so gar nicht zu diesem Team, von dem Tuchel schwärmt, dass man dessen Mentalität in Flaschen abfüllen und verkaufen könne. Blieb auf der Suche nach Schuldigen eigentlich nur noch Tuchel. Zumindest für viele englische Anhänger und die Presse. So schrieb die Boulevard-Zeitung “The Sun” unmittelbar nach dem Spielende: “England-Fans wütend auf Tuchel – das geht auf seine Kappe.”
Da ist sie nun also. Die Trainer-Diskussion im Königreich. Also dort, wo in den vergangenen Wochen noch darüber spekuliert wurde, ob der Deutsche im Falle eines WM-Triumphes zum Ritter geschlagen werde. Nun wird er nur geschlagen. Verbal. “Die Vorwürfe werden noch Jahre anhalten”, schrieb der “Telegraph”. Der frühere Nationalspieler Chris Sutton sagte im Gespräch mit der “BBC”, es sei ein “Trainer-Desaster” von Tuchel.
Tuchel wollte Stabilität – und sorgte für Instabilität
Tuchel zog sich durch seine Auswechslungen den Zorn zu. Ihm werden konkret die Herausnahmen von Torschütze Gordon (72.) und Mittelfeldmann Declan Rice (82.) vorgeworfen. Für das Duo brachte der Coach in Ezri Konsa und Dan Burn zwei baumlange Verteidiger. Danach hatten die Engländer zwar noch mehr Länge auf dem Rasen, konnten aber noch weniger für Entlastung sorgen.
Tuchel verteidigte seine Auswechslungen. Mit Blick auf die sofort nach dem englischen Führungstreffer beginnende Dominanz erklärte der 52-Jährige der “BBC: “Sie haben jedes Kopfballduell gewonnen und immer wieder geflankt. Deswegen haben wir auf eine Fünferkette umgestellt, um die Lücken im Zentrum zu schließen und in der Luft präsenter zu sein.” Das war gut gemeint, klappte aber nur bedingt. Denn auch oberhalb der Grasnarbe waren die Argentinier überlegen.
Wäre also Angriff nicht die beste Verteidigung für das Team gewesen? “Wir konnten keinen Ball gewinnen und keinen Ball halten. Deswegen glaube ich nicht, dass es ein strukturelles Problem war. Wir haben nichts geändert, aber das Spiel hat sich komplett gewandelt”, erläuterte Tuchel.
Kane ratlos: “Wir haben die Kontrolle verloren”
Mit seinen Einwechslungen und der Umstellung auf eine Fünfer-Abwehrkette setzte der Coach aber vielleicht schlichtweg das falsche Zeichen. Denn bis zum 1:0 war es England, das zu Spielbeginn extrem hoch anlief, den argentinischen Kombinationswirbel zu unterbinden. Erst, als die Briten Messi und Co. mehr Raum zugestanden, kippte das Spiel. Nicht nur, weil die Engländer den berühmten Bus vor dem eigenen Tor parkten. Aber auch. Zudem schienen ihnen die Kräfte zu schwinden.
“Wir haben keinen Druck gegen den Ball gemacht, nicht nach vorne verteidigt. Wir wollten eigentlich viel Druck ausüben, haben das aber nicht geschafft. Wir haben die Kontrolle verloren. Es ging einfach nicht”, sagte Kapitän Harry Kane. Der Angreifer war ratlos. “Wir wissen auch nicht, was letztendlich passiert ist”, ergänzte der Münchner frustriert.
Kane wird Ende diesen Monats 33 Jahre alt. Vielleicht war es schon die letzte Chance für ihn, einen Titel mit den “Three Lions” zu gewinnen. Andererseits zeigt das Beispiel Argentinien, dass Alter kein Ausschlusskriterium für eine WM-Nominierung sein muss. Neben dem 39-jährigen Messi wurde in dem ein Jahr jüngeren Verteidiger Nicolás Otamendi ein weiterer “Oldie” mit zur Endrunde genommen. Überhaupt stellt der Titelverteidiger die älteste Mannschaft bei dieser Endrunde. Erfahrung kann gerade in solch komplizierten Spielen wie diesem Halbfinale von unschätzbarem Wert sein.
England kämpferisch bei der WM top, fußballerisch mäßig
England hat derweil einmal mehr bei einem großen Turnier die bittere Erfahrung machen müssen, das ein Spiel erst entschieden ist, wenn der Schiedsrichter abgepfiffen hat. immer wieder schnupperten die “Three Lions” seit ihrem WM-Sieg 1966 bei Europa- oder Weltmeisterschaften am zweiten großen Titel. Immer wieder scheiterten sie auf zumeist dramatische Art und Weise. Bei dieser Endrunde vermittelten sie den Eindruck, die 60 Jahre des Schmerzes beenden zu können.
Dabei waren es mit Ausnahme des Auftritts zum Gruppenauftakt gegen Kroatien (4:2) nicht die fußballerischen Leistungen, die diese Hoffnungen schürten. Spielerisch war das Ganze häufig wie die Luft im Co-Gastgeber-Land Mexiko: dünn. Aber der Zusammenhalt und die Moral waren riesig. Spätestens nach dem in Unterzahl erkämpften Achtelfinal-Sieg gegen die heimstarken Mexikaner war den Engländern alles zuzutrauen. Und anschließend schickten sie ja auch noch den norwegischen Ruderverband nach Hause.
Tuchel: “Ich übernehme die Verantwortung”
Allerdings schwante Tuchel schon nach dem 2:1-Erfolg gegen Haaland und Co. Böses. Er kritisierte die spielerisch schwache Darbietung seiner Mannschaft und warnte, dass sich das Team unbedingt steigern müsse. Seine Worte trafen im Königreich nicht überall auf Gegenliebe. Und auch Offensiv-Star Jude Bellingham übte deswegen Kritik an seinem Coach. Ganz nüchtern betrachtet hatte Tuchel aber recht. Zu selten spielte seine Mannschaft auf einem Level, das zum großen Wurf vonnöten ist. Auch nicht gegen Argentinien. “Wir haben das Niveau nach unserem Tor nicht gehalten”, bemängelte Tuchel.
Die Ursachenforschung für das erneute Scheitern wird wohl erst nach dem Spiel um Platz drei am Samstag (21 Uhr, im Audiostream bei sportschau.de) gegen Frankreich beginnen. Der detailversessene Trainer – erst seit Anfang 2025 im Amt – wird die Auftritte seines Teams bei der WM sezieren und danach die nötigen Anpassungen vornehmen. Vermutlich auch in seiner eigenen Arbeitsweise. Denn das Halbfinal-Aus gehe auf seine Kappe, so der Deutsche ehrlich: “Ich übernehme die Verantwortung.”
Das sahen viele Fans und Medien ähnlich. Doch ob die seltsam verhaltene englische Vorstellung nach der Führung mit diesen unglaublich wenigen zwölf Prozent Ballbesitz wirklich nur an einer taktischen Umstellung und den Wechseln lagen, es bleibt fraglich. An diesem Abend in Atlanta wirkte es so, als habe den nach dem 1:0 fraglos zu ängstlichen Briten auch etwas Luft gefehlt.
Quelle:
www.sportschau.de



