“Die Odyssee” hat trotz der Treue zu seiner Vorlage etliche Bezüge zu unserer Gegenwart. Im Vorfeld des Filmstarts wurde leidenschaftlich darüber gestritten. Etwa darüber, dass die schöne Helena von der Schwarzen Lupita Nyong’o gespielt wird. Eine der aufrichtigsten und edelsten Figuren des Helden-Epos, den Krieger Sinon, besetzte Nolan mit Elliot Page, einem Transmann. Selbst das genügt offenbar einigen Leuten, so etwas wie einen Aufschrei zu simulieren. Auch dass Travis Scott in dem Helden-Opus mitwirkt, passt einigen nicht. Was auch immer diese Menschen für einen Filmbegriff verteidigen mögen, muss Nolan nicht interessieren. Er hat mit seinem Cast ein ungeheuer starkes Ensemble auf die Leinwand gebracht.
Die brüchige Stimme, mit der Page seinen Sinon sprechen lässt, passt zu dem suchenden Blick, den Matt Damon seinem Odysseus verleiht. Das sind keine Herrscher und Krieger, die sich über alles hinwegsetzen. Sie sind Strategen, die erkennen, einen falschen Weg eingeschlagen zu haben. Es sind Figuren, die eine veränderte Welt zu begreifen versuchen, die sich mühen, Orientierung zurückzuerlangen, wo Chaos herrscht. Lange hat kein Film die Sehnsucht nach einer solchen Erlösung durch einen Helden so ausgespielt.
“Die Odyssee” – Das Fazit
Nach “Avengers: Doomsday” soll “Die Odyssee” mit einem geschätzten Budget von 250 Millionen Dollar der zweitteuerste Film des Jahres sein. Ein Rückblick auf Nolans letzten Film setzt die Messlatte für den Meisterregisseur nicht gerade niedrig. “Oppenheimer” hat mit einem Budget von geschätzten 100 Millionen Dollar fast eine Milliarde eingespielt. 13 Oscar-Nominierungen verwandelte der Film in 7 Academy Awards, darunter die Königsdisziplinen Beste Regie und Bester Film. Es könnte sich bei den Nominierungen ähnlich verhalten für “Die Odyssee”, allein dank der technischen Brillanz durch das Drehen mit IMAX-Kameras.
Für Matt Damon dürfte man die Oscar-Nominierung als Bester Hauptdarsteller als gesetzt ansehen. Dank der genial bösen Finsternis im Gesicht von Robert Pattinson könnte das auch für ihn in der Kategorie Bester männliche Nebendarsteller gelten. Anne Hathaway könnte es auch so gehen. Und noch eine Prognose: Wird sich in 20 Jahren noch jemand an das fünfte “Avengers”-Installment erinnern? An “Die Odyssee” wird man sich erinnern.
Auf der langen Irrfahrt und während der vielen Stationen, an denen Odysseus strandet, schleppt Nolans Werk bisweilen die eigene Größe etwas hinter sich her. Das Wort Werk steht hier letztlich immer doch für Meisterwerk. Außerdem erlebt das Publikum neben der Irrfahrt immer wieder auch die Wendungen auf Ithaka. “Die Odyssee” ist monumental. In ihren gigantischen Bildern trägt sie etliche politische Gedankenspiele und universelle Fragen des menschlichen Miteinanders. Bei all der Vorverurteilung, die der Film aushalten musste, kann die Diskussion jetzt richtig losgehen. “Die Odyssee” bietet sich mit ihren Themen Größenwahn, Herrschaft und Irrungen vor allem als eines an: als Spiegel unserer Zeit.
Quelle:
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