Tourreporter
Florian Lipowitz bricht sich bei einem Sturz im Zeitfahren das Schlüsselbein. Das Tour-Aus des Vorjahresdritten schockiert nicht nur sein Team.
Um kurz vor 19 Uhr öffnete sich die Schiebetür des mobilen Behandslungszentrums der Tour de France in Thonon-les-Bains. Heraus kam Florian Lipowitz. Sie hatten ihm ein weißes medizinisches Tuch um die Schultern gelegt. Lipowitz’ Gesichtsfarbe unterschied sich nicht sehr von der Farbe des Tuches.
16. Etappe
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Evenepoel kommt Pogacar etwas näher – die aktuelle Gesamtwertung
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Er war war kreidebleich im Gesicht und hatte große Mühe, die wenigen Stufen hinunterzusteigen und in den bereitstehenden Krankenwagen zu steigen, der ihn zu weiteren Untersuchungen in ein nahegelegenes Krankenhaus brachte.
“Er war schlichtweg zu schnell”
In der abendlichen Pressemitteilung des Teams war von einem Bruch des Schlüsselbeins die Rede. Doch das dürfte nur eine der Verletzungen sein, die Lipowitz erlitten hat. Lipowitz war beim Einzelzeitfahren der 16. Etappe in einer Rechtskurve sechs Kilometer vor dem Ziel schwer auf den Asphalt aufgeschlagen und gegen einen Bordstein gerutscht. “Er war schlichtweg zu schnell”, sagte Teammanager Denk später am Teamhotel. Lipowitz hatte nach seinem Sturz minutenlang am Straßenrand gesessen und sich die linke Schulter und den rechten Ellenbogen gehalten, bevor er im Krankenwagen Richtung Ziel transportiert wurde.
“Bei einem Zeitfahren zu stürzen ist echt scheiße”, sagte Tadej Pogacar später bei der Pressekonferenz. “Ich wünsche ihm, dass er sich schnell erholt.” Auch er war in der selben Kurve kurz ins Straucheln geraten, hatte sich aber auf dem Rad halten können. Mit Lipowitz ist dem Mann im Gelben Trikot der zweite Konkurrent abhanden gekommen, der im vergangenen Jahr gemeinsam mit ihm auf dem Tourpodium gestanden hatte. Auf der 15. Etappe war schon Jonas Vingegaard nach Sturz und Schlüsselbeinbruch ausgestiegen.
“Ein schwerer Schlag für das Team”
Pogacar wirkte sichtlich nachdenklich, als er über das Schicksal von Lipowitz sprach. Er weiß, wie schnell die Tour de France vorbei sein kann in einem fatalen Moment. So wie für Lipowitz, der an diesem Tag den wohl schwierigsten Tag seine Karriere erlebte und sein Team in ein Gefühlschaos stürzte. Denn der Sturz des Vorjahresdritten legte einen Schatten über den Etappensieg von Remco Evenepoel, der das Zeitfahren souverän für sich entschieden hatte. “Es tut mir auch für Remco leid, dass hier jetzt nicht alles Friede, Freude Eierkuchen ist”, sagte Denk.
Das Tour-Aus von Lipowitz sei “ein schwerer Schlag für das Team”, sagte der Sportliche Leiter des Teams, Klaas Ludowick, der ebenso wie der andere Sportliche Leiter Patxi Vila im Auto hinter Evenpoel gesessen und über Funk erfahren hatte, dass der einige Minuten vorrausfahrende Lipowitz auf dem Boden gelandet war. Sie hätten Evenpoel unterwegs nicht informiert, denn das hätte den Belgier vermutlich nur verunsichert.
Evenepoel erinnert an die großen Opfer
Evenepoel erfuhr erst im Ziel vom Schicksal seines deutschen Teamkollegen. “Das ist eine bittersüße Pille, die wir zu schlucken haben”, sagte er unmittelbar nach Ende des Rennens. Später in der Pressekonferenz erinnerte Evenepoel noch an all die Entbehrungen, die damit einhergehen, bei der Tour de France in Topform am Start zu stehen. “Wir alle bringen große Opfer, auch Lipo”, sagte er.
Beide seien zusammen im Höhentrainingslager in der Sierra Nevada gewesen und Lipowitz nach seinem Sieg bei der Slowenien-Rundfahrt vor der Tour noch einmal in die Höhe gegangen. “Und dann in einer blöden Kurve zu stürzen und sich etwas zu brechen, ist einfach super traurig.” Die köperlichen Wunden werden heilen, aber die große Frage ist, wie schnell Lipowitz den Rückschlag mental verkraften wird.
Die Tour geht weiter und das Team muss sich neu justieren
Die Tour de France lässt ihn nun einfach zurück, das Rennen ist da gnadenlos. Schon am Mittwoch geht es mit der 17. Etappe weiter, und danach kommt das große Finale in den Alpen mit den beiden Etappen nach Alpe d’Huez am Freitag und am Samstag. Das hätten Lipowitz’ Tage werden sollen. In der dritten Tourwoche, so hatte er selbst es immer wieder angekündigt, kämen jene Etappen, die ihm lägen und an denen er den Kampf um einen Platz auf dem Podium mitentscheiden sollte. “Das habe ich immer gesagt”, erklärte auch der Teamchef Ralph Denk. “Gut, dass wir die Doppelstrategie haben.”
Die Idee mit zwei gleichberechtigten Co-Kapitänen in die Tour zu starten, war nicht unumstritten gewesen. Und nachdem Evenepoel am Sonntag auf dem Plateau de Solaison überraschend die erste schwere Bergankunft bei der Tour gewonnen hatte, sah es so aus, als werde sich Lipowitz in die Dienste des Belgiers stellen müssen. Mit seinem Sieg im Zeitfahren hat Evenpoel seinen zweiten Platz in der Gesamtwertung gefestigt.
Sein Vorsprung auf den Drittplatzierten Isaac del Toro beträgt jetzt fast zweieinhalb Minuten. Die gilt es in den kommenden Tagen zu verteidigen. Dabei wird Evenepoel nicht nur auf die Unterstützung von Lipowitz verzichten müssen, sondern dem Team geht mit dem Ausscheiden des Deutschen auch eine wichtige taktische Option verloren. Lipowitz war vor seinem Sturz mit einem sehr guten Zeitfahren drauf und dran, näher an die Podiumsplätze zu rücken, damit hätte er gemeinsam mit Evenepoel die Konkurrenz unter Druck setzen können.
Es sei zu früh jetzt schon eine neue Strategie festzulegen, betonte Denk am Abend, an dem der gesamte Tross des Teams sichtlich unter Schock stand. “Wir werden ihn nicht nur im Kampf um das Podium vermissen”, sagte Denk, “sondern auch als Menschen.”
Quelle:
www.sportschau.de





