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KulturFilm & KunstFilmfestival Venedig 2026: Das Programm

Filmfestival Venedig 2026: Das Programm

Die Veranstalter der „Mostra internazionale d’arte cinematografica“ in Venedig haben das Programm des 83. Festivals vom 2. bis 12. September bekannt gegeben. Neben internationalen Regiegrößen wie Martin McDonagh, Hirokazu Kore-eda und Nanni Moretti ist auch “Bucking Forward” von Werner Herzog im Wettbewerb vertreten. Ein Überblick über die kommende „Löwen“-Konkurrenz.

 

Der Festivaldirektor von Venedig, Alberto Barbera, dürfte sich gefreut haben, als die Konkurrenz in Cannes im Frühjahr für Werner Herzogs neuen Film „Bucking Fastard“ nur einen Platz in einer Nebensektion einräumen wollte. Der deutsche Regisseur zog sein Werk daraufhin kurzerhand zurück und zeigt es nun beim 83. Filmfestival am Lido (2.9.-12.9.2026). Hier läuft der Film, der nach mehreren Dokumentarfilmen wieder ein Spielfilm ist und von einer realen Lebensgeschichte inspiriert wurde, in der „Löwen“-Konkurrenz. 2025 wurde Herzog mit einem „Ehrenlöwen“ des Festivals geehrt und für seinen Dokumentarfilm „Ghost Elephants“ mit nicht enden wollenden Standing Ovations gefeiert. (Mehr dazu hier.)

“Bucking Fastard” kreist um zwei symbiotische, fast wie eine Seele in zwei Körpern lebende, sogar synchron sprechende Schwestern (Rooney Mara & Kate Mara), die in den 1980er-Jahren in den USA leben. Der Film dürfte um einiges seltsamer ausfallen als „Ghost Elephants“. Das lässt zumindest ein Clip vermuten,  den Herzog anlässlich seiner „Mostra“-Teilnahme auf seinem Insta-Account veröffentlichte.

 

Mut zu Extremen

In Venedig schätzt man dieses Herzoghaft-Seltsame offensichtlich mehr als in Cannes. Auch sonst kann man Barbera den Mut zum Extremen nicht absprechen. Sonst hätte er kaum den russischen Filmemacher Ilja Chrschanowski mit dessen jüngstem Beitrag seines „DAU“-Projekts in den Wettbewerb geladen. 2020 sorgte „DAU. Natacha“ bei der Berlinale für heftige Kontroversen. Das Mammutwerk, das sich mit Fokus auf ein Atomforschungsinstitut in stilisierter Form an der Sowjetunion und den Mechanismen des Totalitarismus abarbeitet, dürfte auch in „DAU – Teil 3“ einigermaßen verstörend ausfallen.

Ein Filmemacher, der ebenfalls das Extreme nicht scheut, ist der Japaner Shinya Tsukamoto, der seit „Tetsuo: The Bullet Man“ (2009) immer wieder mit markanten Beiträgen am Lido zu Gast war, etwa mit dem markerschütternden Kriegsfilm „Nobi“ (2014) oder zuletzt mit „Shadow of Fire“ (2023). Sein neuer Film „Mr. Nelson, Did You Kill People?“ kreist um das Thema der Kriegsgräuel, festgemacht an einer realen Figur: dem afroamerikanischen Vietnamkriegsveteranen Allen Nelson, der ab 1966 als US-Marine in Vietnam kämpfte und später als Antikriegsaktivist versuchte, jungen Menschen die grausigen Realitäten des Krieges vor Augen zu führen.

 

Vielversprechendes aus Asien und der USA

Die Wettbewerbsauswahl 2026 glänzt außerdem mit weiteren vielversprechenden asiatischen Beiträgen. Neben Tsukamoto ist sein Landsmann Hirkozu Kore-eda mit dem Coming-of-Age-Drama „Look Back“ um eine angehende Manga-Künstlerin und ihre Freundschaft zu einem schüchternen Teenager-Mädchen vertreten. Auch der Südkoreaner Lee Chang-dong, Regisseur des fulminanten Films „Burning“, zeigt sein neues Werk. „Possible Love“ kreist um zwei verheiratete Paare, die im Rahmen eines Dokumentarfilmprojekts aufeinandertreffen.

Hollywood hält sich dagegen, wie schon im Frühjahr in Cannes, bei der diesjährigen „Mostra“ eher etwas bedeckt. Dass Alejandro González Iñárritu, dessen Tom-Cruise-Film „Digger“ im Oktober in den Kinos startet, vorher nicht am Lido vorbeischaut, dürfte viele enttäuschen. Dennoch gibt es verheißungsvolle US-Filme im Programm. So präsentiert Casey Affleck seinen Film „Company“. Das sich über drei Zeitebenen entfaltende Mystery-Drama um schuldhafte Verstrickungen, Trauer, Rache und Vergebung ist mit Nick Nolte und Ben Mendelsohn besetzt. Zudem bereichert Martin McDonagh die „Mostra“ mit „Wild Horse Nine“ um zwei CIA-Agenten, die in Chile stationiert sind, aber auf die Osterinsel versetzt werden, von wo aus sie 1973 den Militärputsch in Chile miterleben. Als Darsteller spielen John Malkovich, Sam Rockwell und Steve Buscemi.

Interessant klingt auch das Spielfilmdebüt des bislang mit Dokumentarfilmen hervorgetretenen US-Amerikaners Lance Oppenheim. Unter dem Titel „Primetime“ kreist es um die Entstehung der umstrittenen True-Crime-Serie „To Catch a Predator“, in der pädophile Männer geködert wurden, um sie vor laufender Kamera bloßzustellen; Robert Pattinson spielt den Moderator und Produzenten Chris Hansen.

Um Medienkritik geht es auch im Eröffnungsfilm der diesjährigen „Mostra“. Der Brite Danny Boyle präsentiert „Ink“, eine Verfilmung des gleichnamigen Theaterstücks von James Graham. Die Story spielt in den 1960er-Jahren und kreist um den Aufstieg des berüchtigten britischen Boulevardblatts „The Sun“. Die Hauptrollen verkörpern Jack O’Connell und Guy Pearce.

Ansonsten dominieren italienische und französische Beiträge den Wettbewerb – etwa ein neuer Film von Nanni Moretti („It Will happen Tonight“) oder von Stéphane Brizé, der sich in „Un bon petit soldat“ erneut mit den Dilemmata der kapitalistischen Arbeitswelt befasst. In „Bunker“ von Florian Zeller geht es um einen Architekten, der sich von einem Tech-Milliardär anheuern lässt, um diesem das titelgebende Refugium zu bauen, in das sich dieser zurückziehen kann, wenn die Welt vor die Hunde geht. Über diesem Auftrag gerät der Architekt (Javier Bardem) in heftige Konflikte mit seiner Ehefrau (Penélope Cruz).

Äußerst kläglich vertreten sind hingegen Filme von Regisseurinnen. Die Dänin May el-Toukhy steuert mit „Woman Unknown“ ein Drama um eine Dienstbotin bei, die durch eine Heirat den sozialen Aufstieg schafft, deren Position aber durch ein schamvoll gehütetes Geheimnis aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs gefährdet wird.

 

Auch außer Konkurrenz stark

Insgesamt weckt die Auswahl große Erwartungen. Auch außer Konkurrenz. Vor allem das dokumentarische Genre findet hier viel Raum, unter anderem mit Arbeiten von Wim Wenders über den Architekten Peter Zumthor, von Luca Guadagnino, der ein episches Porträt seines Landsmanns Bernardo Bertolucci gedreht hat, Alex Gibney, der sich Elon Musk vorknöpft,  Sergej Loznitsa und Julia Loktev. 

An Spielfilmen läuft ein neues Werk von Paul Schrader mit dem Titel „The Basics of Philosophy“. Ein Philosophieprofessor an einem kleinen College im Mittleren Westen der USA schreibt an einem Buch über Baruch Spinoza, als er von einer Verfehlung in seiner Vergangenheit eingeholt wird. In „Place to Be“ von Kornél Mundruczó spielen Ellen Burstyn und Taika Waititi ein ungleiches Gespann, das eine verloren gegangene Renntaube von Chicago in ihr Zuhause in New York bringt. Das Gangsterepos „Father Joe“ von Barthélémy Grossmann kreist mit Kiefer Sutherland und Al Pacino um einen Priester in Manhattan, der sich gegen die Mafia zur Wehr setzt, die das Little-Italy-Viertel kontrolliert.

Um einen ungewöhnlichen Priester geht es auch im Abschlussfilm der „Mostra“. Pierfrancesco Favino spielt im Historienfilm „Dio ride“ von Giovanni Veronesi einen Mönch im 17. Jahrhundert, der den Menschen den Glauben auf ungewöhnliche Weise näherbringen will: mittels spielerischer Komik, die bei seinen Predigten ein gewisses Commedia-dell’arte-Flair verbreitet. Was ihn prompt mit seinen Kirchenoberen aneinandergeraten lässt und den Verdacht der Häresie weckt. Ob daraus eine „göttliche Komödie“ wird oder doch nur ein Film, der dem Selbstrepräsentationsanspruch des Gastgeberlandes gerecht wird, wird sich zeigen.

 

Das Programm des Filmfestivals Venedig 2026

 

Wettbewerb

 

Eröffnungsfilm: Ink; R: Danny Boyle

Company; R: Casey Affleck

A Bit of Light; R: Ali Asgari

Ritorno a Buenos Aires; R: Marco Bechis

Un bon petit soldat; R: Stéphane Brizé

Il Fuoco che ti porti dentro; R: Edoardo de Angelis

Woman Unknown; R: May el-Toukhy

Bucking Fastard; R: Werner Herzog

15/18 A Place to Heal; R: Cédric Kahn

DAU – Teil 3; R: Ilja Chrschanowski

Look Back; R: Hirokazu Kore-eda

Possible Love; R: Lee Chang-dong

Wild Horse Nine; R: Martin McDonagh

It Will happen Tonight; R: Nanni Moretti

Primetime; R: Lance Oppenheim

The Echo Chamber; R: Andrea Pallaoro

Un peu avant minuit; R: Nicolas Pariser

L’Estranea; R: Paolo Strippoli

Mr. Nelson, Did You Kill People?; R: Shinya Tsukamoto

Bunker; R: Florian Zeller

 

Out of Competition

Nessun Dolore; R: Gianni Amelio

Father Joe; R: Barthélémy Grossmann

Let Us Through, Dear Ancestors; R: Lav Diaz

Scherzetto; R: Mario Martone, Toni Servillo

Place to Be, R: Kornél Mundruczò

No Paradise If You Are Killed By a Woman; R: Halkawt Mustafa

Arrested Memory; R: Sabu

The Basics of Philosophy; R: Paul Schrader

Un Bon Avocat; R: Tristan Seguela

Jupiter; R: Alexandre Smia

Abschlussfilm: Dio Ride; R: Giovanni Veronesi

 

Dokumentarfilme

Be Brave; R: Francesco Carrozzini

What Love Builds; R: Russell Crowe

Burgundy; R: Michael Dweck, Gregory Kershaw

Musk; R: Alex Gibney

The Road to Jerico; R: Amos Gitai

Citizen Osama; R: Ahmed Hassouna

Union Town; R: Barbara Kopple

Holy Wood Dust; R: Victor Kossakovsky

Letters; R: Anderi Kustila

Biografia di Jorge Luis Borges; R: Mariano Llinás

My Undesirable Friends Part II; R. Julia Loktev

Boatbuilders; R: Luke Lorentzen

Imperium; R: Sergej Loznitsa

Shumei. The Living Legacy of Kabuki; R: Takashi Miike

Queer Edward II; R: Theo Rollason

Oasis: Don’t Look Back in Anger; R: Dylan Southern, Will Lovelace

Dust; R: Tsai Ming-Liang

Everest: The Other Side; R: Elizabeth Chai Vaserhely, Jimmy Chin

From Inside Out – The Architecture of Peter Zumthor; R: Wim Wenders

Joie de vivre; R: Luca Guadagnino

Twist & Shout Mister Suzuki; R: Yves Montmayeur

Intermission; R: Yonfan

The Pervert’s Guide to Utopias; R: Sophie Fiennes

Nino – Un Film su Nino Rota; R: Walter Fasano

 

Hinweis

Eine Übersicht über das komplette Festival-Programm findet sich hier


Quelle:

www.filmdienst.de