Auch im Vatikan gibt es das berüchtigte “Sommerloch”, das schon mal gern zum Sommertheater ausartet. Wir kennen den Begriff aus der Politik. Da werden Petitessen zu bedeutungsschwangeren Themen aufgebauscht, an denen angeblich Wohl und Wehe der Welt hängen. Die berüchtigten Hinterbänkler aller Couleur sehen ihre Sekunden des medialen Ruhms gekommen: Einmal die Spalten der Presse, die Sekunden der Nachrichtenclips und die sozialen Medien zum Toben bringen – dann kann man mit sich zufrieden sein.
Papst Franziskus hat in diesem Zusammenhang immer vor “Klatsch” und “Klatschsucht” gewarnt, da sie das Zeug hätten, das Klima zu vergiften. Er weiß, wovon er sprach. Trotzdem: In einem internationalen Organismus wie der römischen Kurie ist dies genau so schwer abzustellen wie in anderen politischen Machtzentren der Erde. Diesmal in der Manege: Kardinal Mauro Gambetti (60), seines Zeichens Erzpriester der wichtigsten Kirche der Christenheit, nämlich des Petersdoms.
Als solcher ist er qua Amtes Direktor der Basilika mit allem, was irgendwie dranhängt: Chef der Dombauhütte, des zivilen Personals (von den Domwächtern etwa über die Techniker und Restaurateure bis hin zu den Putzkolonnen), des Domkapitels, Verantwortlicher des liturgischen Kalenders und der Gottesdienstordnung, aber auch des Erhalts und des finanziellen Unterhalts eines einzigartigen Monumentalkomplexes. Man ahnt, es ist keine leichte Aufgabe. Und verdammt schwer, es allen recht zu machen.
Viele seiner honorigen Vorgänger, die in der Regel schon ältere Herren waren, sahen ihre Funktion mehr als zeremonielle Würde oder als päpstliches Ehrenamt; das Tagesgeschäft überließen sie tunlichst den nachgeordneten Ebenen. Dies tat der Basilika nicht immer gut. Stichworte: Overtourism, Vernachlässigung, Geldverschwendung, Vetternwirtschaft und andere Auswüchse. Mit immer größeren Besucherströmen wuchs sich im Innern eine Atmosphäre wie auf dem Rummelplatz aus, sicherheitsrelevante Vorfälle inklusive. Genug war genug.
Von Papst Franziskus aus Assisi in den Vatikan geholt
Papst Franziskus wollte einen Manager, der diesen Augiasstall ausmistete, für Ordnung sorgte und wieder mehr Spiritualität in das Gotteshaus hereinbrachte. Dazu waren innovative Ideen gefragt, und es brauchte die richtige Person. Fündig wurde Franziskus vor sechs Jahren in Assisi, bei den Franziskanern: Der umtriebige Direktor des Heiligtums, der dort unter seiner Ägide viel sanierte, Assisi zu einem geistigen Zentrum internationaler Zusammenkünfte gemacht hatte und zudem als begnadeter Spendensammler galt, sollte es richten: Pater Mauro Gambetti.
Den Auftrag des argentinischen Pontifex, etwas gegen die mangelnde Andacht der Menschen und den zunehmend musealen Charakter der größten Kirche der Christenheit zu unternehmen, erfüllte Gambetti, den der Papst in Windeseile zum Kardinal erhob, um dessen Autorität zu stärken, in mehrfacher Hinsicht völlig korrekt: Mit einem stärkeren Fokus auf Figur und Leben des heiligen Petrus durch Veranstaltungen, Ausstellungen, Konzerte und verschiedene Pilgerangebote wie etwa die Eucharistische Anbetung samstags um 21 Uhr vor dem Cattedra-Altar in der Apsis; die Digitalisierung der unermesslichen Kunstschätze des Doms durch ein Joint Venture mit Microsoft – die Basilika existiert nun auch im virtuellen Raum bis ins kleinste künstlerische Detail; schließlich eine Verbesserung der Kommunikation durch die Einführung eines neuen Magazins und eines “Showrooms” der Basilika mit allen Informationsangeboten in der Via dell’Conciliazione – die teils unbeleckten Besucher aus allen Erdteilen sollen nicht einfach unvorbereitet in das wichtigste Heiligtum der Katholischen Kirche stolpern.
Dazu hatte sich Dom-Manager Gambetti seinen treuen Adlatus und Pressesprecher aus Assisi, den in Italien bekannten Franziskaner Enzo Fortunato, mitgebracht. Der erfüllte nun die gleiche Aufgabe in Rom. Für uns Vatikan-Journalisten ein Segen, denn bisher wusste man nie so genau, wen man z. B. in Sachen Basilika-Renovierung ansprechen sollte – das Vatikanische Presseamt war hier meist keine große Hilfe.
Wurden die Modernisierungen übertrieben?
Warum nun diese Aufregung? Haben Gambetti und Fortunato ihre Modernisierungen übertrieben? Das ist die Gretchenfrage, die derzeit rund um den Vatikan im Raum steht. Im Mittelpunkt dabei: Ein angebliches neues Bistro auf dem Dach des Petersdoms: Aperol Spritz mit Blick auf den Platz und die Ewige Stadt – für ein solches Erlebnis zur Dämmerstunde würde man – Hand aufs Herz! – nicht allzu genau auf den Euro schauen. Ist dies das Kalkül, um Geld in die Kassen der klammen Dombauhütte zu spülen? Seit die ersten Gerüchte die Runde machen, brodelt es hinter den heiligen Mauern. Kommerz und Prosecco-Party hoch über dem Apostelgrab? Hatte Jesus nicht einst die Händler aus dem Tempel geworfen? Papst Leo, so berichten einige Online-Portale, habe extra einen Mitarbeiter aufs Dach entsandt, um die Angelegenheit zu verifizieren.
Fakt: Dort gibt es tatsächlich Bauarbeiten; sie dienen in primis dazu, die weitläufigen Terrassen den Besuchern besser zugänglich zu machen und abzusichern. Der bereits bestehende Getränke-Kiosk wird entsprechend erweitert, denn er ist dem stetig steigenden Andrang der Menschen nicht mehr gewachsen. Er soll nun auch mit Mikrowelle für warme Snacks und einer Sitzzone ausgestattet werden. Was nun Realität ist, tatsächlich geplant oder mediale Dichtung, das lässt sich derzeit nicht mit Sicherheit feststellen. Denjenigen, die schon immer gegen die neuen Konzepte des Erzpriesters waren, fordern jetzt offen Gambettis Kopf. Und Pater Enzos gleicht dazu. Und überhaupt: War der Kardinal nicht immer zu weltlich? Man sah ihn immerhin schon mal in Freizeitkleidung in der Basilika. Kein Argument scheint zu billig, um den Chef des Domkapitels anzuzählen. Gerüchte machen genüsslich die Runde, der Papst selbst werde ihn bald in ein Provinzbistum versetzen.
Freilich, wer sich den Erzpriester des Petersdoms immer als schlohweißen alten Mann in purpurner Soutane vorstellt, der stets würdevoll lächelnd und rosenkranzbetend durch die Basilika schreitet, der wird mit einer sportlich-dynamischen Erscheinung wie Mauro Gambetti per se seine Schwierigkeiten haben. Alles also nur ein Sturm im Wasserglas? Man wird in der Causa wohl die zweite Septemberhälfte abwarten müssen. Dann nämlich soll die Erweiterung des umstrittenen Kiosks auf dem Dach enthüllt werden. Ob es dann auch Spritz gibt, darüber wird am Ende indirekt niemand anderes als Leo XIV. entscheiden.
Quelle:
www.domradio.de



