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Gesundheit"Hunger ist das Ergebnis politischer Entscheidungen"

"Hunger ist das Ergebnis politischer Entscheidungen"

Dagmar Pruin, die Chefin des evangelischen Entwicklungswerks “Brot für die Welt”, stellt während der Jahrespressekonferenz ihrer Organisation in Berlin klar: Eigentlich muss kein Mensch auf der Welt verhungern, die Verteilung von Lebensmitteln und ihre Produktion sind vielmehr die Folge von politischen Entscheidungen: “Hunger ist kein Schicksal, sondern eine Frage von Macht und Prioritäten. Hunger ist das Ergebnis politischer Entscheidungen und ungerechter Strukturen.”

Prioritäten: Pruin muss nicht lange überlegen, welche konkreten drei Ereignisse es sind, die den weltweiten Kampf gegen den Hunger zur Zeit so schwierig machen: Erst ab 2020 die Coronapandemie, seit 2022 der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, jetzt der Krieg Israels und der USA gegen den Iran, mit der  Sperrung der Straße von Hormus als Folge:

Alles dramatische Entwicklungen innerhalb weniger Jahre: “Es ist die dritte Ernährungskrise in sechs Jahren, unter der besonders Menschen in den Länder des globalen Südens leiden. Es sind die leisen Krisen im Schatten der globalen politischen Ereignisse.”

Dabei sei es der Staatengemeinschaft in den Jahren vor 2020 eigentlich ganz gut gelungen, den Hunger weltweit zu bekämpfen: So hätten sich die Vereinten Nationen vorgenommen, bis 2030 alle Formen des Hungers zu überwinden. Man sei bis vor sechs Jahren auf einem guten Weg gewesen: “Während in den siebziger Jahren noch jeder vierte Mensch Hunger litt, war es 2020 noch jeder elfte. Das war auch ein klarer Erfolg der internationalen Zusammenarbeit.” Jetzt aber, das weiß auch Pruin, wird es schwierig bis kaum noch lösbar, dieses ehrgeizige Ziel zu erreichen.

Das Bild zeigt zwei Hände, die in ein Gefäß mit Weizenkörnern greifen
Weizen in Äthiopien: Monokulturen verschärfen die HungerkriseBild: Ben Curtis/AP Photo/picture alliance

Zwei Milliarden Menschen ohne gesunde Ernährung

So waren auch 2025 die Zahlen erschreckend und ernüchternd: 645 Millionen Menschen leiden an Hunger, zwei Milliarden können sich keine gesunde Ernährung leisten. Von der aktuellen Krise rund um den Iran könnten noch einmal  – nach Schätzung des Welternährungsprogramms  – rund  145 Millionen Menschen betroffen sein, besonders in Afrika und Asien. Diese Zahlen würden noch steigen, je länger der Konflikt an der Straße von Hormus dauert, die für den Schiffsverkehr weitgehend gesperrt ist.

Dort wird nicht nur ein erheblicher Teil des Handels mit Gas und Öl abgewickelt, wie Pruin hinzufügt: “Ein großer Teil der weltweiten Kunstdüngermengen oder Zutaten, das heißt 20 Prozent wird in der Golf-Region produziert und muss durch die Straße von Hormus transportiert werden.” Die Blockade führe auch zu höheren Transportkosten und Preisen für den Dünger selbst, was sich viele bisherigen Empfänger im globalen Süden einfach nicht mehr leisten könnten.

Regierungen fördern eher Monokulturen

Ein Fass ohne Boden, findet Pruin, ursächlich dafür sei neben den genannten Krisen und Kriegen die grundsätzliche Struktur der weltweiten Versorgung mit Lebensmitteln.: “Viele Regierungen fördern vor allem den Anbau von großen Monokulturen, besonders von Mais, Reis und Weizen. Das führt zu einer Importabhängigkeit von Weizen und energie-intensiven Betriebsmitteln.” 

Schon seit Jahren fordern Organisationen wie “Brot für Welt” deshalb zumindest teilweise eine Abkehr von der Versorgung mit diesen Monokulturen: Durch Beratung und finanzielle Hilfen könnten diverse, traditionelle Anbaumethoden in den armen Länder selbst Linderung herbeiführen. Das Stichwort dafür lautet Agrarökologie. Dagmar Pruin: “Agrarökologie bezieht traditionelles Wissen mit ein, stärkt Frauen in ihrer Schlüsselrolle zur Überwindung des Hungers und fußt auf der organischen Nutzung des Düngers und auf lokalen Saatgutsorten.”

Das Bild zeigt mehrere Frauen und Männer in Ecuador bei der gemeinsamen Tätigkeit als Bauern, sie halten Schaufeln in den Händen und arbeiten in der Erde
Agrarökologie in Ecuador: Bauern bewirtschaften ihre Felder auch nach traditionellen AnbaumethodenBild: Equipo Técnico de Fundación Tierra Viva

“Brot für die Welt” fordert Kehrtwende der deutschen Regierung 

Rund 3000 Projekte zur Hungerbekämpfung, zum Kampf gegen den Klimawandel und für Entwicklung unterstützt “Brot für die Welt” in 77 Ländern. Dafür standen dem Hilfswerk 2025 rund 342 Millionen Euro zur Verfügung, fast 73 Millionen davon stammen aus Spenden, der Rest kommt aus kirchlichen und staatlichen Quellen.

Enttäuscht zeigt sich die “Brot für die Welt”-Präsidentin von den Bemühungen der derzeitigen Bundesregierung aus Konservativen und Sozialdemokraten, die seit Mai 2025 im Amt ist. Anders als bei Vorgängerregierungen werde etwa die Agrarökologie im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD gar nicht mehr erwähnt. Pruin nannte das einen schweren Fehler und fügte hinzu: “Die Bundesregierung muss jetzt eine Kehrtwende vollziehen.”

Dass das Thema der globalen Hungerkrisen derzeit weniger Aufmerksamkeit vor allem im reicheren Westen, in Europa und den USA erfährt, ist Dagmar Pruin bewusst. Auch in Deutschland: Der im Juli vom Bundeskabinett beschlossene Haushaltsentwurf für 2027 sieht lediglich 9,469 Milliarden Euro für das Entwicklungsministerium vor, knapp 600 Millionen Euro weniger als in diesem Jahr. Viele Hilfsorganisationen warnen vor den Folgen der Kürzungen.


Quelle:

www.dw.com

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