“Die älteren Jugendlichen waren Vorbilder. Die haben erklärt, dass es einen Krieg des Westens gegen den Islam gibt und ich nicht nur Zuschauer sein darf” – das Zitat eines Aussteigers steht prominent auf der Homepage des “Aussteigerprogramms Islamismus” des Landes Nordrhein-Westfalen, kurz API. Seit 2014 unterstützt die Organisation Menschen, die sich aus ihrem islamistischen Umfeld lösen wollen, oft auch sogenannte Gefährder. Die API-Ausstiegsbegleiterin und Sozialarbeiterin Stefanie Adler (Name von der Redaktion geändert) sagt der DW:
“Was wir in den letzten zwei Jahren beobachten, ist, dass die Klientel deutlich jünger geworden ist. Früher sind die Menschen nach Syrien ausgereist und es war irgendwie klar, dass sie sich dort dem ‘Islamischen Staat’ angeschlossen und radikalisiert haben, also im realen Leben.” Heute sei die Klientel jünger und die Radikalisierung geschehe oft über digitale Medien. “Die Sozialen Medien wirken wie ein Radikalisierungsverstärker, und das auch einfach viel schneller.”
Nach dem tödlichen Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day vom Samstag durch den mutmaßlichen Attentäter und Islamisten Abdul B. ist in Deutschland eine Debatte entbrannt, welche Konsequenzen Deutschland aus der Tat ziehen soll. Der 21-Jährige, der nach seiner Flucht von der Polizei erschossen wurde, war im Juni und Juli zu zwei Vorgesprächen bei einem Deradikalisierungsprogramm in Berlin.
Deradikalisierung “langwieriger Prozess”
Die Ausstiegshelfer von “Violence Prevention Network” hatten allerdings nicht das Gefühl, dass Abdul B. wirklich der islamistischen Szene den Rücken kehren wollte, sagte Geschäftsführer Thomas Mücke – sie hätten ihn voraussichtlich nicht ins Programm aufgenommen.
Auch beim “Aussteigerprogramm Islamismus” (API) des Landes Nordrhein-Westfalen gebe es vereinzelt solche Fälle, erklärt Adler. “Wir müssen dann sagen, dass eine Ausstiegsbegleitung zu dem Zeitpunkt nicht möglich ist, weil wir keine Absicht einer Distanzierung sehen.” Ansonsten gilt: Wenn die Personen nicht selbst API aufsuchen, melden sich Kontaktpersonen in Justizvollzugsanstalten bei der Polizei oder der Jugendgerichtshilfe und nennen mögliche Ausstiegskandidaten.
Die API-Ausstiegsbegleiterin und Psychologin Viola Geiger (Name von der Redaktion geändert): “Wir schauen uns dann die Person genauer an, holen Informationen ein und gehen dann in die Begleitung hinein, anfangs im wöchentlichen Rhythmus, zum Ende manchmal alle paar Monate. Es ist auf jeden Fall ein langwieriger Prozess.”
Haben sich die früheren Gefährder glaubhaft von Gewalt als legitimem Mittel distanziert und gelernt, selbständig mit Krisensituationen umzugehen, gelten sie als deradikalisiert, ihr Fall als abgeschlossen. Dafür brauche es einen langen Atem. Einen früheren Islamisten hätten die API-Ausstiegshelfer sogar sieben Jahre unterstützt. Trotzdem seien die Deradikalisierungsprogramme unverzichtbar, sagt Stefanie Adler.
“Was wäre die Alternative dazu, wenn es diese nicht gäbe? Viele, die nach einer Verurteilung irgendwann aus der Haft entlassen werden, brauchen solche Programme, um sich wieder in die Gesellschaft zu integrieren.” Viele Erfolgsgeschichten bekäme die Öffentlichkeit gar nicht mit. “Dabei wird vergessen, dass die, die erfolgreich ausgestiegen sind, dann unter dem Radar laufen und nicht mehr in die Öffentlichkeit treten, weil sie einfach ihr Leben leben wollen.”
Problem des radikalen Islamismus in Deutschland weiterhin groß
40 Vereine und Initiativen, die zu Prävention, Distanzierung oder Deradikalisierung im Bereich des religiös begründeten Extremismus arbeiten, sind im Dachverband “Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus”, kurz BAG RelEx, organisiert. Deren Geschäftsführerin Jamuna Oehlmann war nach dem Anschlag in Berlin genauso schockiert wie viele. Eine allzu große Überraschung sei es aber nicht gewesen, denn das Problem des radikalen Islamismus in Deutschland sei weiterhin groß, sagt sie der DW.
“Es gibt auch immer mehr junge Frauen, die sich radikalisieren. Trotzdem sind es vor allem junge Männer, die sich in Deutschland radikalisieren, die Gewalttaten verüben und Gewaltfantasien, die sie haben, auch ausleben.” Radikalisierung sei ein multikausaler Prozess, wo viele Faktoren zusammenkommen, welche dann im schlechtesten Fall zu einer Radikalisierung führten. “Die Gesellschaft und äußere Faktoren spielen dabei eine wichtige Rolle, aber auch die Verantwortung jeder einzelnen Person, die sich radikalisiert.”
Oehlmann zählt die sogenannten “Pushfaktoren” auf, also bestimmte Krisensituationen, die Menschen von der Gesellschaft entfremdeten: der Verlust eines geliebten Elternteils, eine nicht bestandene Prüfung, Wohnungsnot, der Verlust des Jobs, Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen oder auch Mobbing. Dazu die politische Weltlage, welche manche Menschen in die Verzweiflung treibe.
“Auf der anderen Seite islamistische Akteure, die diese Lebenskrisen zu nutzen wissen und genau da andocken, indem sie jungen Menschen das Gefühl geben: ‘Bei uns wirst du gehört, bei uns gehörst du dazu, bei uns kannst du jemand sein. Und zusätzlich ordnen wir die komplexe Weltlage in Gut und Böse und in Schwarz und Weiß ein‘.”
Deradikalisierungsprogramme sind durch Sparmaßnahmen bedroht
Um so wichtiger sei es, dass die Mittel für Hilfsorganisationen, die in der Prävention oder Deradikalisierung von Islamisten arbeiteten, nicht zusammengestrichen werden. Doch genau das hatte Bundesbildungsministerin Karin Prien angekündigt.
Ministerin Prien (CDU) will das Förderprogramm “Demokratie leben” neu aufstellen: Bei etwa 200 Projekten sollen die Förderungen Ende des Jahres auslaufen. 23 der 40 Mitgliedsorganisationen beim Dachverband “Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus” sind davon betroffen.
Jamuna Oehlmann kritisiert das: “Das Problem ist, dass das auch die Projekte betrifft, die gute Arbeit leisten. Und diese sind jetzt mit Fundraising beschäftigt, also neue Förderungen zu akquirieren, statt sich auf die eigentliche Arbeit der Islamismus-Prävention zu konzentrieren. Wir brauchen Verlässlichkeit und Langfristigkeit.”
Quelle:
www.dw.com



