Mit einem solchen Protest hatte Jens Spahn (CDU), bis vor kurzem Fraktionschef der Konservativen von CDU und CSU im Bundestag, offenbar nicht gerechnet: Ein Aufschrei ging durch seine Partei, als bekannt wurde, dass Spahn und sein Mann, der Journalist Daniel Funke, Eltern eines kleinen Jungen geworden waren. Eines Jungen, der durch eine Leihmutter in den USA auf die Welt kam. Das Konzept der Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten – vor allem auf Betreiben der Konservativen. Spahn selbst hatte sich früher kritisch dazu geäußert.
Rechtlich haben sich Spahn und sein Mann, der der biologische Vater des Kindes ist, nichts vorzuwerfen. In den USA ist die Leihmutterschaft erlaubt, und ein deutscher Bürger bleibt straffrei, wenn er ein dort gezeugtes Kind mit nach Deutschland bringt. Trotzdem war die Kritik aus den eigenen Reihen so stark, dass Spahn vor etwas mehr als einer Woche aufgab und von seinem Posten als Fraktionschef zurücktrat.
“Die Seele der Partei ist wundgescheuert”
Aus vielen regionalen Verbänden der CDU und auch aus dem Bundestag hatte es zuvor offene Kritik an Spahn gegeben. Tenor unter anderem: Der Fraktionschef kann nicht ein konservatives Familienbild mit einem Verbot der Leihmutterschaft in der Öffentlichkeit vertreten und privat ganz anders handeln. Der frühere Innenexperte der CDU, Wolfgang Bosbach, fasste das im TV-Sender “Welt” zusammen: “Die Seele der Partei ist wundgescheuert.”
Hajo Funke, Politikwissenschaftler aus Berlin, beobachtet die CDU seit Jahrzehnten. Er sagt im Gespräch mit der DW über Spahn: “Es gab zunächst Misstrauen und dann einen Vertrauensbruch von Seiten von Jens Spahn gegenüber seiner eigenen Partei in einer herausgehobenen Position. Das ist ein Absturz an Glaubwürdigkeit. Und das bei der bisher zweitwichtigsten Person in dieser Partei.”
Mehrheit der Unions-Abgeordneten war gegen die “Ehe für alle”
Aber was ist das genau, das konservative Familienbild der CDU? Zum einen speist sich das eher traditionelle Familienbild von CDU und CSU aus der Nähe zu den Kirchen, zur katholischen eher im Süden und Südwesten des Landes, zur evangelischen Kirche eher im Norden und Osten. Lange bestand das konservative Familienbild daraus, die klassische Familie von Mutter, Vater und Kindern gegen andere Lebensentwürfe zu verteidigen.
Die CDU trat stets für eine härtere Abtreibungspolitik ein. Als der Bundestag vor allem auf Betreiben der Grünen, der Linken und der SPD 2017 die “Ehe für alle” beschloss, stimmten von damals 246 konservativen Abgeordneten 75 für die Reformen, die die Ehe von Homosexuellen der klassischen Ehe weitgehend gleichstellte. 171 taten das nicht.
Trotzdem, findet Hajo Funke, haben sich die Konservativen bewegt in den letzten Jahrzehnten, wie auch die ganze Gesellschaft. Auch in der CDU können Politiker sich mittlerweile offener zu ihrer Homosexualität bekennen, ohne um ihre Posten fürchten zu müssen. Hajo Funke sagt: “Die Art von immer größerer Aufgeklärtheit, die breitet sich immer weiter aus. Das ist auch ein Zeichen der Reife einer offenen Gesellschaft. Davon sind große Teile der CDU nicht mehr ausgenommen. Die Leihmutterschaft aber ist ein besonderer Fall, der problematisch bleibt.”
Politikwissenschaftler Funke: “Kindeswohl im Vordergrund”
Dieser Fall ist deshalb besonders problematisch, weil er den Kern des Familienbildes der Union tangiert: Im Zentrum steht das Wohl des Kindes. Funke: “Es geht um Vaterschaft, um Elternschaft, und da steht das Kindeswohl im Vordergrund. Wenn man vom Kindeswohl ausgeht, dann ist das modern und traditionell, sogar eher modern als traditionell, wenn man an die autoritären pädagogischen Modelle früherer Zeiten denkt.”
Denn früher vertraten CDU und CSU die Haltung: Familie ist in erster Linie etwas Privates, ein Bereich, in dem der Staat und seine Gesetze möglichst wenig Einfluss haben sollten. Auch als längst klar war: Die Familie ist nicht selten auch der Ort von Gewalt, vor allem Gewalt der Männer gegen Frauen. Erst 1997 beschloss der Bundestag, Vergewaltigungen in der Ehe unter die gleiche Strafe zu stellen wie außerhalb der Ehe. Viele Unions-Abgeordnete stimmten für die Reform, einige aber auch dagegen, unter anderen der heutige Bundeskanzler Friedrich Merz.
Der Osten tickt beim Familienbild etwas anders als der Westen
Nach dem Rücktritt von Spahn fürchten nun viele konservative Politiker, dass die Affäre um seinen Sohn die Chancen der CDU bei den wichtigen Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im September mindern könnte. In beiden Ländern liegt die in Teilen rechtsextreme Alternative für Deutschland (AfD) in den Umfragen weit vor den Christdemokraten.
Hajo Funke analysiert: Das Verhalten von Spahn könnte der CDU schaden, die Debatte um die Berechtigung, eine Leihmutter in Anspruch zu nehmen, eher nicht: “Es gibt eine ostdeutsche Tradition eines oft auch angemessenen Pragmatismus in solchen Fragen. Das klassische katholische oder protestantische, eher enge Verständnis von Familie, ist dort nicht so verbreitet. Aber diese Doppelmoral, die schadet. Das ist eine Frage der Glaubwürdigkeit.”
Homosexuell und trotzdem in der CDU: Das geht heute
Längst ist es in der konservativen Partei kein Karriere-Hindernis mehr, wenn man sich offen zu seiner Homosexualität bekennt. So regierte Ole von Beust für die CDU als Erster Bürgermeister von 2001 bis 2010 das Bundesland Hamburg. Jens Spahn machte ebenfalls früh seine Homosexualität öffentlich.
Spahns weiteren politischen Weg, etwa als Bundesgesundheitsminister von 2018 bis 2021, hat sein Coming Out nicht verhindert. Zu Fall kam er erst, als er – nach einigen Affären zuvor – mit der Leihmutterschaft in den USA den Bogen nach Ansicht vieler Parteifreunde überspannte.
Quelle:
www.dw.com



