DOMRADIO.DE: Andy Burnham ist nicht nur Hoffnungsträger seiner Labour-Partei. Der Ex-Bürgermeister von Greater Manchester könnte tatsächlich der erste “echte” katholische Premierminister Großbritanniens werden, wenn er Keir Starmer als neuen Regierungschef beerben würde. Warum spricht man überhaupt in seinem Zusammenhang über den ersten “echten” Katholiken? Gab es denn schon “unechte” katholische britische Premierminister?
Pfarrer Andreas Blum (Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde Sankt Bonifatius in London): Es gab sozusagen “nominal” katholische Premierminister. Das bekannteste Beispiel ist sicherlich Tony Blair. Von dem wusste man, dass er schon während seiner Amtszeit nicht zuletzt wegen seiner Frau Cherry Blair, die sehr katholisch ist, selbst sehr katholisch geprägt war. Mit ihr und seiner Familie ist er regelmäßig in katholische Gottesdienste gegangen. Aber er ist während seiner gesamten Amtszeit nicht zur katholischen Kirche übergetreten. Das hat er erst unmittelbar nach seinem Rücktritt gemacht. Deshalb hat man ihn immer als katholisch eingeschätzt, aber er ist erst katholisch geworden, nachdem er zurückgetreten ist.
Ganz anders war das bei Boris Johnson, den allerdings auch keiner für katholisch hält, obwohl ihn seine Mutter katholisch taufen ließ. Er war dann später anglikanisch konfirmiert. Lange Zeit wusste man gar nicht, was er überhaupt ist. Ich weiß auch nicht, ob er es selber wusste. Seine dritte Ehe hat er dann in Westminster katholisch schließen lassen, was damals für viel Aufregung gesorgt hat. Aber niemand würde Boris Johnson als einen katholischen Premierminister bezeichnen. Das ist jetzt bei Andy Burnham tatsächlich etwas anders.
DOMRADIO.DE: In Großbritannien sind heute gerade mal zehn Prozent der Bürgerinnen und Bürger Katholiken. Andy Burnham ist dagegen in einer katholischen Familie groß geworden und sozialisiert worden, was vermutlich mit seiner irischstämmigen Mutter zusammenhängt, oder?
Blum: Ganz katholisch war seine Familie nicht. Sein Vater Roy war Protestant. Dieser war nicht wirklich religiös, ganz im Gegensatz zu Andy Burnhams irischstämmigen Mutter Eileen, deren Familie wahrscheinlich mit den großen Einwanderungswellen im 19. und 20. Jahrhundert aus Irland nach England gekommen ist. Tatsächlich hat diese irische Einwanderung der katholischen Kirche in England überhaupt erst wieder Leben eingehaucht. Irisch, englisch, katholisch – das war eigentlich ein Dreiklang. Deshalb wundert es nicht, dass Andy Burnham in dieser Familie im katholischen Milieu aufgewachsen ist.
DOMRADIO.DE: Andy Burnham war er als Junge Messdiener, wozu es auch ein einschlägiges Zitat eben dieser irischstämmigen Mutter gibt, richtig?
Blum: Dem ist eigentlich etwas anderes noch vorausgegangen. Zunächst hatte Burnham in einem Zeitungsinterview nämlich gesagt, er sei katholisch, aber – und das ist eine Redewendung aus Liverpool –, er hätte “nicht die Altarstufen geleckt”. Dieses Zitat hatte für einiges Aufsehen und auch für einige Lacher gesorgt.
Seine Mutter hatte darauf erwidert, ganz so sei das wohl nicht gewesen. Er und seine Brüder seien alle Messdiener gewesen. Da hätte es jeden Sonntag regelrechte Kämpfe gegeben, weil Andy immer bei der Mundkommunion das Tablett halten wollte. Damit gab es einen kleinen öffentlichen Einblick in die Familie Burnham, mit dem, was Andy rückblickend sagt und was seine Mutter dann humorvoll etwas korrigiert hat.
DOMRADIO.DE: Hat sich Andy Burnham denn sonst noch öffentlich über seinen katholischen Glauben geäußert?
Blum: Er ist da relativ zurückhaltend und schiebt das nicht groß in den Vordergrund. Er spricht vor allem von seiner katholischen Prägung und seiner katholischen Identität. Er hat mal gesagt, die Kirche habe ihn zu dem gemacht, was er ist. Was er damit wohl vor allem meint, ist die soziale Frage. Er spricht von einem sehr homogenen Milieu damals: Schule, Lehrer, Gemeinde, Priester, Sportvereine, die Labour Party.
Burnham sagte einmal, neben seiner Familie seien die wichtigsten Dinge der Fußballverein, die Labour Party und seine katholische Kirche. Allen Dreien sei der Underdogstatus gemein: Die, die benachteiligt sind und Unterstützung brauchen und diese vor allem durch das Gemeinwesen bekommen. Sein politisches Engagement sei im Prinzip der Fleisch gewordene Katechismus auf Erden. Was er im Katechismus in der Schule gelesen hat, fand er dann praktisch umgesetzt in der Labour Party. Aber dieses geschlossene Milieu aus den 80er Jahren gibt es heute natürlich so nicht mehr.
DOMRADIO.DE: Welche Art von Katholizismus hat ihn also geprägt?
Blum: Es ist ein sehr sozialer Katholizismus. Die katholische Soziallehre spielt da sicherlich eine ganz große Rolle. Es gab mal einen Erzbischof von Liverpool, eine sehr große öffentliche Figur damals im Norden von England, der sagte, natürlich könne man für seinen Nächsten beten und sollte das auch tun. Aber es dürften einem seine Lebensumstände nicht egal sein. Und diese Lebensumstände sind immer politisch. Deshalb müsse er als Erzbischof auch bis zu einem gewissen Grad politisch sein.
Diese Haltung gilt auch für Burnham. Da kann man eine direkte Linie ziehen.
DOMRADIO.DE: Welche Päpste liegen ihm eher nah?
Blum: Da müssen wir gar nicht spekulieren, das hat er selber recht deutlich gesagt. Mit der Theologie eines Papstes Benedikt konnte er nicht viel anfangen. Er sagt, da habe eine gewisse Entfremdung stattgefunden. Bei Papst Franziskus und seinem sozialen, menschlich zugewandten Katholizismus habe er dann doch wieder eine Verbindung finden können. Er hat Franziskus auch einmal besucht und ihm aus Manchester ein Fußballtrikot von Manchester United mit der Unterschrift eines argentinischen Spielers mitgebracht.
DOMRADIO.DE: Spielt sein Glaube in der öffentlichen Debatte eine Rolle?
Blum: Er wird wahrgenommen und diskutiert. Es gibt natürlich auch immer noch ein gewisses antikatholisches Ressentiment hier im Land. Aber es wird nicht wirklich problematisiert.
DOMRADIO.DE: Wird seine Konfession bei Wahlen im Land eine Rolle spielen?
Blum: Das glaube ich eher nicht. Dafür spielt das zu wenig eine Rolle. Er geht ja nicht mit einem katholischen Programm an die Öffentlichkeit. Er stellt ja jetzt nicht ein christliches Regierungsprogramm vor. Es ist sein Hintergrund. Es ist eine Identität. Das nimmt man zur Kenntnis.
DOMRADIO.DE: Wird die katholische Kirche ihn unterstützen?
Blum: Wenn es um die soziale Gesetzgebung geht, sicherlich ja. Sein Programm gegen Obdachlosigkeit war sogar von Papst Franziskus gelobt worden. In solchen Fragen wird er garantiert die Unterstützung der katholischen Kirche hier im Land haben.
Spannend wird es bei anderen Fragen, wo es einen direkten Widerspruch gibt. In England wird gerade ein Sterbehilfegesetz diskutiert. Es geht um weitgehende Legalisierung der Sterbehilfe und Euthanasie. Da haben sich die Kirchen sehr eindeutig und kritisch positioniert. Wenn Burnham dieses Gesetz vorantreibt, dürfte es Konflikte geben.
Das Interview führte Hilde Regeniter.
Quelle:
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