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GesundheitPolens Premier Tusk trotzt antiukrainischen Exzessen

Polens Premier Tusk trotzt antiukrainischen Exzessen

Polens Regierungschef Donald Tusk nahm diesmal kein Blatt vor den Mund: “Wir müssen dieser Gewalt den Krieg erklären, weil Banditen, Hooligans, gewalttätige Extremisten immer stärker und dreister werden, weil sie auch politische Schirmherrschaft bekommen”, sagte Tusk am Dienstag (28.07.2026) vor der Kabinettssitzung in Warschau. Der liberalkonservative Politiker beklagte, dass es “überall in Polen immer mehr solcher Vorfälle” gebe. 

Tusks Reaktion galt dem Zwischenfall in Wroclaw (Breslau) am vergangenen Sonntag. Dort schlugen drei polnische Männer einen jungen Mann aus der Ukraine und dessen Freundin auf offener Straße brutal zusammen. Auf Handyvideos ist zu sehen, wie die Angreifer auf den Ukrainer eintraten, als er bereits am Boden lag. Die Frau bekam ebenfalls Schläge und wurde am Hals und am Ohr verletzt.

Vorher war es zu einem Streit in einem Laden gekommen: Die Täter störten sich am ukrainischen Akzent der jungen Leute. Die Polizei handelte schnell: Zwei der vorbestraften Angreifer sitzen bereits in U-Haft, nach dem dritten Mann läuft die Fahndung.

Tusk warnte seine Landsleute vor den negativen Folgen solcher Vorfälle für Polens Image in der Welt. Der gute Ruf, den sich das Land durch die Hilfsbereitschaft nach Beginn des vollumfänglichen russischen Krieges gegen die Ukraine erworben habe, könnte “begraben” werden, “wenn wir zulassen, dass Banditen, Ultras und gewöhnliche Kriminelle straflos Menschen schlagen und erniedrigen nur deshalb, weil sie mit einem anderen Akzent sprechen”, so der Premier.

Die Stimmung gegen die Ukrainer dreht sich 

Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 leistete Polen dem Nachbarland von der ersten Stunde an militärische und humanitäre Hilfe und nahm mehr als eine Million Kriegsflüchtlinge auf. Zurzeit leben in Polen etwa 1,5 Millionen Ukrainer. Die meisten arbeiten, zahlen Steuern und tragen wesentlich zum polnischen Wirtschaftserfolg bei.

Zu sehen ist eine Halle, in der Feldbette stehen, auf vielen liegen Decken, auf einigen liegen oder sitzen Menschen
Ukrainische Flüchtlinge in einem Aufnahmezentrum in der polnischen Hauptstadt Warschau im April 2022Bild: Attila Husejnow/ZUMA Wire/IMAGO

Doch viereinhalb Jahre nach Kriegsbeginn hat sich die Stimmung in Polen gedreht. An öffentlichen Orten kommt es immer wieder zu verbalen und physischen Attacken gegen Ukrainer. Am vergangenen Mittwoch (29.07.2026) beleidigte ein polnischer Vorarbeiter an einer Baustelle in Skawina bei Krakau ukrainische Arbeiter und wurde dabei handgreiflich. In einem Nahverkehrszug bei Warschau belästigten zwei betrunkene Männer einen Jugendlichen aus der Ukraine.

Am 11. Juli beschimpfte und bedrohte ein Mann in einem Bus in Bielsko-Biala zwei ukrainische Mädchen, als sie ein Selfie machen wollten. Auch Kinder auf einem Spielplatz und Schüler fielen dem Klima des Hasses zum Opfer. Der Polizei zufolge sind in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 180 Hassverbrechen gegen Ukrainer angezeigt worden, ein Drittel mehr als 2025. Das Internet sei voll von Fake News über angebliche Verbrechen von Ukrainern an Polen, warnte am Freitag (31.07.2026) die Tageszeitung Gazeta Wyborcza.

Selenskyj provoziert mit Ehrentitel

Antiukrainische Parolen tauchten bereits im Präsidenten-Wahlkampf im vergangenen Jahr auf. Die Wende brachte allerdings im Mai die Entscheidung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, einer Spezialeinheit der ukrainischen Armee den Ehrennamen der “Helden der UPA” zu verleihen. Damit löste er eine Welle der Empörung in Polen aus.

Zwei Männer tragen einen Sarg, auf dem "Wolyn 43" - polnisch für "Wolhynien 43" - steht. Im Hintergrund sind unscharf weitere Menschen und weiß-rote Fahnen zu erkennen
Gedenkmarsch für die Opfer des Massakers von Wolhynien in Krakau am 5.07.2026Bild: Beata Zawrzel/NurPhoto/picture alliance

Polen hält die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) für verantwortlich für den Massenmord an der polnischen Zivilbevölkerung in Wolhynien in den Jahren 1943 bis 1945. Die Ukrainer verehren die UPA-Soldaten dagegen als Helden im Kampf gegen die Sowjetisierung ihres Landes – einzelne UPA-Einheiten hatten noch bis in die 1950 Jahre gegen die sowjetische Macht gekämpft.

Tusk teilt die Kritik an Selenskyj im Streit um die UPA, hält allerdings die Reaktionen auf beiden Seiten für übertrieben und kontraproduktiv. Der polnische Präsident Karol Nawrocki erkannte dem ukrainischen Präsidenten den höchsten polnischen Orden ab, dieser schickte die Auszeichnung per Kurierpost nach Warschau zurück.

Lawine des Hasses

Die demonstrativen Gesten beider Staatsoberhäupter haben eine Lawine in Gang gebracht. Hass gegen die Ukraine hat das polnische Internet überflutet. Der Spitzenkandidat der Oppositionspartei PiS, Przemyslaw Czarnek forderte, jede Militär-Hilfe für die Ukraine zu stoppen, bis Kyjiw im Streit um die Geschichte einlenkt.  

Die aktuellen Umfragen sprechen eine klare Sprache: Laut einer Befragung des Instituts CBOS hat sich erstmals seit Kriegsbeginn die Mehrheit der Befragten (54 Prozent) gegen eine weitere Aufnahme ukrainischer Flüchtlinge ausgesprochen. Nur 42 Prozent waren für die Fortsetzung der bisherigen Politik. 2022 wollten noch 94 Prozent der Polen Flüchtlingen Schutz bieten. 

In der Umfrage des Instituts Opinia24 für die Wochenzeitung Polityka sprachen sich 44 Prozent gegen eine weitere Hilfe für die Ukraine aus, 41 Prozent waren dafür. 54 Prozent der Befragten sind gegen einen EU-Beitritt der Ukraine, nur 33 Prozent wollen Kyjiw auf dem Weg in die Europäische Union unterstützen.  

Die in Wroclaw attackierten Ukrainer wandten sich auf dem Informationskanal NEXTA Polska mit einem Appell an ihre Landsleute, beim Aufenthalt in Polen vorsichtig zu sein, allen Konflikten aus dem Weg zu gehen und in der Öffentlichkeit vorsichtshalber “weniger ukrainisch zu sprechen”.

Tusk will den Streit mit der Ukraine entschärfen 

Polens Mitte-Links-Regierung unter Premier Donald Tusk stellt sich allerdings mit Nachdruck gegen diese antiukrainischen Ausfälle. Auch Polizei und Justiz handeln schnell und entschlossen. Nach dem Vorfall in Wroclaw forderte Tusk den Staatspräsidenten Nawrocki auf, endlich “das Schweigen zu brechen” und gegen die Gewalt Stellung zu beziehen. Das Staatsoberhaupt hat sich bisher nicht geäußert. Der Ex-Boxer Nawrocki gab im Wahlkampf zu, dass er an Schlägereien zwischen Anhängern verfeindeter Fußballvereine teilgenommen hatte. Er bezeichnete solche Duelle als “männliche, sogar edle Kampfart”.  

Obwohl Tusk die Kritik der Opposition im UPA-Streit teilt, versucht er die Wogen zu glätten. Am Mittwoch (29.07.2026) empfing der Premier erstmals seit der UPA-Krise den ukrainischen Präsidenten Selenskyj zu einem Vier-Augen-Gespräch. “Wir haben Fragen der Sicherheit unserer Staatsbürger besprochen. Es ist wichtig, dass sich die Ukrainer, die wegen des Krieges ihre Häuser verlassen und Schutz in Polen gefunden haben, sicher fühlen”, schrieb Selenskyj danach in sozialen Medien und bedankte sich bei Tusk.

Tusk: Ukraine weiter unterstützen

Dass die polnisch-ukrainische Kooperation für beide Staaten lebenswichtig ist, zeigte erneut ein Vorfall, zu dem es in der Nacht zum Donnerstag (30.07.2026) in Ostpolen kam. Während eines massiven russischen Angriffs auf die Ukraine drang eine russische Rakete in den polnischen Luftraum ein und schlug etwa 90 Kilometer hinter der polnischen Grenze unweit einer Siedlung ein. Die Explosion riss einen Krater von zehn Meter Breite in ein Feld.   

“Ich weiß, dass es heute nicht sehr populär ist, positiv über die Ukraine zu sprechen. Aber ich weiß, und das wiegt mehr, dass Polens Sicherheit direkt von der Kampfkraft der ukrainischen Streitkräfte, auch in der Luft, abhängt”, sagte Tusk, nachdem er den Ort des Einschlags besucht hatte. “Ich weiß, wo der Feind steht”, fügte Polens Premier hinzu und betonte, dass er trotz der Proteste der Opposition weiterhin bereit sei, der Ukraine Waffen zu liefern.


Quelle:

www.dw.com