Zu den umstrittensten Äußerungen des im vergangenen Jahr verstorbenen Papstes Franziskus gehörte seine Aufforderung an die Ukraine, angesichts der drohenden Niederlage gegen Russland die “weiße Flagge” zu zeigen und damit die Bereitschaft zum Verhandeln kundzutun. In der angegriffenen Ukraine führte das damals, im März 2024, zu schweren Verstimmungen.
Umso aufmerksamer verfolgt man in Kiew, wie sich der aus den USA stammende Nachfolger Leo XIV. zu dem seit mehr als vier Jahren anhaltenden Krieg äußert. Und welche Initiativen der heutige Papst unternimmt, um ihn zu beenden und den Opfern seine Solidarität zu zeigen. Jüngster Anlass dazu waren die Reisen zweier hochrangiger Vatikan-Gesandter in die Ukraine.
Viel Beachtung fanden die Auftritte des aus England stammenden vatikanischen Außenministers, Erzbischof Paul Richard Gallagher. Er nutzte einen eigentlich rein innerkatholischen Anlass – die 35-Jahr-Feiern zur Wiedererrichtung der kirchlichen Strukturen der “lateinischen” römisch-katholischen Kirche in und um Lwiw – zu einer umfassenden Reise. Und er setzte vor allem in Kiew unmissverständliche symbolische Gesten der Solidarität mit allen Ukrainern.
Ausdauer statt “weiße Flagge”
“Ihr besitzt die Tugend der Ausdauer”, so Gallaghers vermutlich mit Bedacht gewählte Worte. “Ich habe keinen Zweifel daran, dass ihr bis zum Ende durchhalten werdet.” Deutlicher hätte der Kontrast zu den Worten seines früheren Chefs Franziskus von der “weißen Fahne” kaum ausfallen können.
Gallagher war bereits im Mai 2022, knapp drei Monate nach dem russischen Angriff, erstmals in das überfallene Land gekommen. Bei seinem erneuten Besuch erlebte er nun eine der inzwischen beinahe täglichen russischen Attacken mit Raketen und Drohnen live mit. Er schaute sich zudem mehrere von früheren russischen Angriffen zerstörte Gebäude und Straßen an und sprach ausführlich und einfühlsam mit Überlebenden. Weitere Höhepunkte seiner Reise waren ein Besuch der Gedenkwand für die Krieg gefallenen “Verteidiger der Ukraine” in Kiew und eine Begegnung mit Staatspräsident Wolodymyr Selenskyj, den er bereits etliche Male getroffen hat.
Auch Zuppi war erneut in Kiew
Beinahe parallel zu Gallagher bereiste erneut der noch unter Franziskus als Sondervermittler eingesetzte italienische Kardinal Matteo Zuppi die Ukraine. Er hat seine im vorigen Pontifikat groß angekündigte Mission mittlerweile auf eine überwiegend humanitäre Dimension eingedampft – auch wenn er weiter auf mehr zu hoffen scheint.
Beim Gefangenenaustausch scheint Zuppi jedenfalls erfolgreich zu sein. Italienische Medien berichteten von mehreren Tausend Kriegsgefangenen sowie zahlreichen Leichnamen von Gefallenen beider Seiten, die aufgrund der diskreten Vermittlung Zuppis heimgeführt werden konnten. Daran mitgewirkt haben demnach auch die apostolischen Nuntien in Moskau und Kiew, Giovanni d’Aniello und Visvaldas Kulbokas. Letzterer begleitete Zuppi bei mehreren Stationen seiner jüngsten Ukrainereise, in deren Verlauf er auch russische Kriegsgefangene in ukrainischen Lagern besuchte. In der Ukraine nährte dieser Teil des Besuchs Hoffnungen, dass demnächst auch internationale Beobachter in Russland die Zustände in den dortigen Lagern für gefangene ukrainische Soldaten überprüfen können. Bisher war das nicht der Fall.
Der Kardinal lobt die Russen
Zuppi selbst bescheinigte nach seiner Reise in einem Zeitungsinterview auch der russischen Seite in humanitären Fragen eine “gute Zusammenarbeit”. Er deutete an, dass es dabei letztlich auch um mehr gehe: “Diese Initiativen müssen verstärkt werden, denn sie zeigen, dass ein Dialog möglich ist, sie sind ein Vorgriff auf den Frieden.”
Tatsächlich ist es in internationalen Konflikten eher ungewöhnlich, dass Kriegsgefangene noch während der laufenden Kampfhandlungen ausgetauscht werden. Die Tatsache, dass Zuppi in Kiew zudem den ukrainischen Außenminister Andrij Sybiha traf, spricht dafür, dass die Option einer “großen” Vermittlungsmission des langjährigen Sant’Egidio-Mannes Zuppi doch noch nicht vollständig vom Tisch ist. Auch der ukrainische Botschafter am Vatikan, Andrij Jurasch, war bei der Reise dabei.
Spekulation um Papstreise nach Kiew
In italienischen Medien wurde angesichts der beiden sehr ausführlichen und sichtbaren Reisen Gallaghers und Zuppis darüber spekuliert, ob es in absehbarer Zeit eine Papstreise nach Kiew geben könnte. Auch das Oberhaupt der griechisch-katholischen Kirche in der Ukraine, Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk sprach in Anwesenheit Gallaghers die Hoffnung aus, dass Papst Leo XIV. ähnlich wie vor 15 Jahren Johannes Paul II. in die Ukraine kommen werde. Leos Vorgänger Franziskus hatte eine solche Reise faktisch abgelehnt, indem er sie mit der unrealistischen Idee einer Papstreise nach Moskau zwingend verknüpfte.
Von Leo XIV. gab es – anders als von Franziskus – bislang keine erratischen Äußerungen zu dem Krieg, die von der vatikanischen Diplomatie später wieder hätten eingefangen werden müssen. Im vergangenen Jahr kam es zu drei Begegnungen zwischen Selenskyj und dem Papst aus Chicago, zwei davon an seinem “Urlaubssitz” in Castel Gandolfo. Von Treffen mit russischen Spitzenpolitikern ist hingegen nichts bekannt.
Der Vatikan bleibt neutral
Doch auch wenn die Solidarität von Papst Leo XIV. mit den angegriffenen Ukrainern immer wieder deutlich wird, gibt es unter den Vatikanbeobachtern kaum jemanden, der eine Reise nach Kiew derzeit für wahrscheinlich hält. Es wäre eine ungewöhnliche Abweichung von der traditionellen Außenpolitik des Vatikans, der selbst in Extremfällen strikt am Prinzip der Neutralität festhält.
Er tut das seit über hundert Jahren – nicht nur, aber auch deshalb, weil eine Parteinahme den Erfolg humanitärer Missionen radikal infrage stellen und die vage Chance einer großen Friedensvermittlung restlos unmöglich machen würde. Hinzu kommt die immer aktivere und derzeit erfolgreiche militärische Gegenwehr der ukrainischen Streitkräfte. Sie tragen den Krieg seit einigen Monaten weit ins Land des Angreifers hinein und nehmen dabei immer wieder auch den Tod einzelner russischer Zivilisten in Kauf – während umgekehrt jeden Monat Hunderte ukrainische Zivilisten durch russischen Beschuss getötet werden.
Für Papst Leo XIV., der sich selbst als Botschafter des “unbewaffneten und entwaffnenden” Friedens Christi versteht, wäre es nicht unproblematisch, in dieser Situation die Ukraine zu besuchen. Täte er es doch, könnte die Regierung in Kiew dies als päpstliche Zustimmung für ihre Kriegsführung ausschlachten, die sie weiterhin als reinen Verteidigungskrieg rechtfertigt.
Quelle:
www.domradio.de



