Schon im Vorfeld war die Rienzi-Premiere umstritten, die Erwartungen an die Umsetzung des Themas groß. Denn noch nie wurde Wagners frühe Oper Rienzi in Bayreuth gespielt. Einer der Gründe, warum die Oper zum Auftakt des 150 Jubiläums der Festspiele so umstritten war, beruht auf derfreundschaftlichen Beziehung von Wagners Nachfahren zu Adolf Hitler. Die Oper war außerdem eine von Hitlers Lieblingsopern.
“Es ist ein sehr schwer kontaminiertes Werk”, sagt Regisseurin Alexandra Szemerédy der DW. “Als die Anfrage von Intendantin Katharina Wagner kam, war meine Vorfreude auch erst einmal etwas getrübt.” Das dürfte sich nach der Premiere geändert haben. Großer Applaus für die Sänger und Sängerinnen, Standing Ovations für die Dirigentin Natalie Stutzmann und das Bayreuther Festspiel Orchester. Und auch die beiden ungarischen Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka wurden für ihre Umsetzung des Themas bejubelt.
Von der Utopie zur Dystopie
Die Geschichte um den Aufstieg und Fall des römischen Volkstribuns „Rienzi” haben die beiden Regisseurinnen aus dem 14. Jahrhundert in die Gegenwart geholt. Rienzi, der sein römisches Volk von den Aristokraten befreien wollte, wurde später im Rausch der Macht selbst zum Diktator.
Die Bühnenkulisse ist zunächst von monotonen Plattenbauten aus Betonklötzen geprägt, die wie im Baukastenprinzip später auch einzeln genutzt werden. Durch die Fenster kann jeder dem Nachbarn in die Wohnung schauen. In allen Zimmern befinden sich Monitore, auf denen die Bewohner die gleichen Nachrichten sehen: Der gläserne Mensch der Zukunft. Was man nicht durch den Blick nach außen erfährt, das wird via Handy über Social Media – und über die Monitore – geteilt.
Wie man die Massen ködert
In dieser neuen Inszenierung greift Rienzi zunächst nicht zu den Waffen, um die Aristokraten zu besiegen, sondern ruft zu einer demokratischen Wahl auf, die er gewinnt. Nach dem Sieg feiert er schnell wieder mit der höheren Gesellschaft bunte Feste. Damit ist es vorbei, als die Aristokraten ein Attentat verüben, das Rienzi überlebt. Fortan führt er eine Militärdiktatur, schießt seine Feinde auf offener Straße nieder. Er verfällt dem Wahn und verliert seine Macht, getrieben von Wahnvorstellungen bis in den Tod.
Wie jemand die Massen begeistern kann und dann – vom Populismus getragen – zum selbstherrlichen Autokraten mutiert, hat die Regisseurinnen im Vorfeld beschäftig. “Er gilt als Referenz-Figur in der Populismusforschung für diesen ersten großen Volksaufstand in Rom”, erläutert Alexandra Szemerédy. Es sei interessant gewesen, wie er es geschafft habe, “das Volk zu bezaubern und zu ködern.” Das Charisma des Volktribuns, der als Cola di Rienco tatsächlich im 14. Jahrhundert lebte, hat auch Adolf Hitler fasziniert.
Der Streit um die Jubiläumsaufführung
Als “geschichtsvergessen” hatte es der Musik- und Theaterwissenschaftler und Universitätsprofessor Anno Mungen bezeichnet, dass Wagners Rienzi ausgerechnet zum 150. Jubiläum erstmals bei den Bayreuther Festspielen aufgeführt werde. Wagner selbst hatte Rienzi, seinen ersten großen Erfolg aus seiner Pariser Zeit 1830, später im neuen Festspielhaus aus musikalischen Gründen nicht aufführen wollen. Rienzi wird deshalb auch eine Ausnahme bleiben und nur in dieser Jubiläumssaison in Bayreuth zu erleben sein.
In seinem Buch „Von Bayreuth nach Auschwitz” schreibt Anno Mungen von den Deportationen aus Bayreuth nach Auschwitz bei denen auch jüdische Mitglieder des Bayreuther Festspielorchesters waren. “Wenn wir auf Rienzi gucken, wäre es sinnvoll und notwendig gewesen, dieses Stück, diese ganze Aufführung zu kontextualisieren in einer großen wissenschaftlichen Konferenz, an der wir uns als Universität Bayreuth natürlich auch gerne hätten beteiligen wollen.”
Die Kriegsfestspiele Adolf Hitlers
Bei den sogenannten Kriegsfestspielen von 1940 bis 1944 wurden die Festspiele mit finanzieller Unterstützung Hitlers in Bayreuth aufrechterhalten, ausschließlich für ein ausgewähltes Publikum, etwa aus Kriegsverletzten und Arbeitern und Arbeiterinnen aus der Rüstungsindustrie. Dazu zeigen Geschichts-Studierende gerade eine Ausstellung in der Bayreuther Klaviermanufaktur Steingräber. “Diese Kriegsfestspiele, waren in Bayreuth auch ein Aushängeschild der Kultur, um zu zeigen‚ es ist doch alles gar nicht so schlimm hier in Deutschland‘”, erläutert Mungen. Zur Rienzi-Premiere ist er nicht gegangen. Das gehe ihm zu nah, sagt er, aber vielleicht käme er zu einer späteren Vorstellung. Er begrüße aber eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema auf der Bühne.
Auch für Dramaturg Markus Kiesel war die kritische Auseinandersetzung ein wichtiges Thema. Diese Oper nicht aufzuführen oder gar ein Verbot würde nichts bringen, meint Kiesel: “Im Gegenteil, man muss den Sachen offen, kreativ und ehrlich ins Auge schauen und sie offen und auch kontrovers diskutieren. Wo, wenn nicht in Bayreuth?” Alexandra Szemerédy ergänzt: “Wir müssen einen Bogen von der Vergangenheit bis in die Zukunft spannen, wo sich Rechtspopulismus wieder stärker zeigt und zur Gefahr wird. Da muss man gerade dieses Stück auch wieder zeigen.”
Am Ende stirbt Rienzi, neue Wahlen finden statt, die Gewinner sind zwei Kandidaten aus dem Volk.
Der Ring des Nibelungen ohne Deutung
Macht, Gier, Niedertracht, Liebe bis in den Tod und der große Untergang der Welt – all das sind Themen, die Richard Wagner immer wieder in seinen Opern aufgegriffen hat. In seinem 16-stündigen Opernzyklus “Der Ring des Nibelungen”, für den er sein Festspielhaus extra erbauen ließ, finden all diese menschlichen Abgründe ihren Platz. Das Gold, das die Nixen im Rhein bewachen, wollen alle besitzen, weil es später in Form eines Ringes Macht verleiht, aber am Ende auch großes Unheil bringt.
Es gab in Bayreuth viele Inszenierungen, die Wagners Opernzyklus umgedeutet haben, allen voran die Parabel auf Gier und Niedergang des Kapitalismus von Patrice Chéreau 1977. Oder das Thema Ausbeutung bei Frank Castorf, das nicht den goldenen Ring, sondern Erdöl als Macht-Instrument des Kapitalismus sah.
Kann KI den Ring des Nibelungen neu erfinden?
Bei diesem Ring, den Kurator Marcus Lobbes arrangiert hat, gibt es keine Regie, also keine Deutung des Sujets. Lobbes und sein Team haben ein neues Bildgebungsverfahren mit künstlicher Intelligenz entwickelt, bei dem die Sänger auf der Bühne in einem holografischen 3-D-Raum stehen. “Das, was sich auf der Bühne darstellt, ist ein gesamtes tönendes Bild. Wir rollen einen Boden aus für die Sänger und Sängerinnen und für das, was orchestral passiert” erläutert Lobbes. Für die Projektionen hat das Team in den Archiven Bildmaterial der Ring-Aufführungen von 1876 bis 2024 ausgesucht, mit dem die KI arbeiten kann.
Im ersten Teil der Saga, dem “Rheingold”, sind Nixen in Badewannen, Seen und Bächen zu sehen, Gebilde aus Bäumen, Lianen und Pflanzen und viel Material wie Holz und Metall: Waldatmosphäre und Industrieromantik im Wechsel. Die Bilder bekommen Risse oder gehen im Morphing-Verfahren ineinander über. Mal taucht man als Zuschauer in faszinierende Bildwelten ein, dann wieder werden menschliche Gesichter durch Morphing einfach nur zermatscht.
Ob diese Technik für 16 Stunden trägt, muss sich noch zeigen. Die Bilder bewegen sich ständig, die Sänger und Sängerinnen stehen aber zu oft wie Statisten nur an einem Ort im Raum, um die Bildübertragung nicht zu stören. “Die Positionierung der Sänger ist festgelegt, aber sie können noch miteinander agieren”, sagt Lobbes. Nach der Vorstellung fragt sich eine Frau, ob sich dann bei der nächsten Vorstellung Siegfried und Sieglinde nur noch Kusshände zuwerfen werden. Immerhin kann der Ring mit einer hochkarätigen Besetzung aufwarten: Sänger wie Klaus Florian Vogt, Jochen Schmeckenbecher und Evelin Novak stehen ebenso auf der Bühne wie Dirigent Christian Thielemann am Pult. Und wie sagt eine Zuschauerin: “Wenn es mir zu viel wird mit der KI, dann mache ich einfach die Augen zu und genieße die Musik”.
Quelle:
www.dw.com




