Leonie Kirschstein war schon vorher klar, dass die Zahlen sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen nicht sinken werden. Die Psychologin arbeitet bei dem eingetragenen Verein “Zartbitter e.V.”, der seit knapp vier Jahrzehnten Anlaufstelle für junge Opfer in Köln ist. Die Pionier-Organisation in Deutschland berät Betroffene, klärt in Schulen auf und führt sogar Theaterstücke zum Thema sexuelle Gewalt auf. Kirschstein, die seit drei Jahren für “Zartbitter” arbeitet, sagt der DW, dass Dunkelfeld sei noch weitaus höher:
“In der Kriminalstatistik tauchen nur Fälle auf, die bei der Polizei angezeigt wurden. Aber nicht die, die wir tagtäglich betreuen, wo es zum Beispiel um Peer-Gewalt geht: wo also sexuelle Übergriffe in der gleichen Altersgruppe stattgefunden haben. Diese werden in ganz vielen Fällen gar nicht angezeigt, vor allem, wenn die Kinder noch sehr jung sind. Dieser Anteil ist bei uns im Beratungsprozess der größte.” Darüber informiert wird heute auch in den sozialen Medien.
In jeder Schulklasse Deutschlands sitzen Opfer sexueller Gewalt
Das Thema sexuelle Übergriffe ist aktueller denn je: Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass bis zu eine Million Kinder und Jugendliche allein in Deutschland sexuelle Gewalt durch Erwachsene erfahren mussten oder erfahren. Das bedeutet, dass in jeder deutschen Schulklasse ein bis zwei Kinder sitzen, die Opfer sexueller Gewalt sind. Kirschstein, die sich auf die Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen spezialisiert hat, sagt:
“Wir bekommen jeden Tag neue Fälle herein, vor allem Eltern rufen für eine Erstberatung an. Ich erlebe leider immer noch ganz häufig, dass sich die Mädchen und Jungen fragen, ob sie alles richtig gemacht haben, ob sie also richtig “Nein” gesagt haben und dies auch so verstanden wurde. Insofern ist es bislang nicht so, dass die Scham die Seite gewechselt hat.”
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt fordert IP-Adressenspeicherung
Was Leonie Kirschstein beobachtet, deckt sich mit dem sogenannten “Bundeslagebild Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen 2025”, das an diesem Dienstag (21.07.) in Berlin veröffentlicht wurde. Das Ergebnis: Die Fallzahlen des sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen sind weiter besorgniserregend hoch, in vielen Bereichen sogar gestiegen. Allein die Zahl von sexuellen Missbrauchshandlungen an Minderjährigen unter 14 Jahren stieg auf 17.126 Fälle an (2024: 16.354).
Neue Höchstwerte gibt es auch bei Straftaten mit sogenannten “jugendpornografischen” Inhalten und beim sexuellen Missbrauch von Kindern ohne Körperkontakt. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) schlägt Alarm: “Die hohen Fallzahlen des sexuellen Missbrauchs an Kindern und Jugendlichen zeigen: Wir müssen unsere Kinder noch besser schützen – besonders in der digitalen Welt. Täter dürfen sich nicht in der Anonymität des Internets sicher fühlen. Im Kampf gegen diese widerwärtigen Straftaten brauchen unsere Sicherheitsbehörden wirksame Instrumente wie die IP-Adressenspeicherung – um Täter zu identifizieren, konsequent zu verfolgen und aktiven Missbrauch zu beenden.”
BKA-Präsident Holger Münch warnt vor Anstieg bei Cybergrooming
Um Internetkriminalität besser verfolgen zu können, treibt die Bundesregierung gerade ein Gesetz zur dreimonatigen Speicherung von IP-Adressen voran. Dobrindt gab sich bei der Pressekonferenz zuversichtlich, ein solches Gesetz noch im Herbst verabschieden zu können. Der Bundesinnenminister forderte zudem, das Amt einer EU-Beauftragten gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen zu etablieren.
Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), warnt indes vor Cybergrooming: also der gezielten Kontaktaufnahme Erwachsener zu Kindern und Jugendlichen im Internet, um sexuelle Kontakte anzubahnen.
“Die Täter sind mit über 98 Prozent überwiegend männlich, im Durchschnitt etwa 24 Jahre alt, die Betroffenen überwiegend weiblich und im Schnitt knapp zwölf Jahre alt. Der dominierende Risikofaktor ist fehlendes Risikobewusstsein, was das eigene Onlineverhalten angeht. Während jugendliche Täter eher aus Langeweile oder Ablenkung handeln, haben erwachsene Täter häufig sexuelle Interessen und suchen Minderjährige gezielt aus.” Oft, so Münch, käme es im Anschluss auch zu einem Treffen und zum Missbrauch.
Vor allem Jugendliche nicht ausreichend gesetzlich geschützt
Kerstin Claus, Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, fordert als Konsequenz der dramatisch hohen Zahlen, insbesondere Teenager in Deutschland besser zu schützen: gegen Cybergrooming und Sextortion, bei der Täter nach einer Kontaktaufnahme über Social Media oder Dating-Plattformen intime Fotos oder Videos des Opfers nutzen, um Geld oder weitere Aufnahmen zu erpressen.
“Sextortion nimmt drastisch zu und Cybergrooming trifft fast jeden Dritten zwischen 14 und 17 Jahren – ist aber bislang nicht strafbar.” Was nicht strafbar sei, werde nicht gezählt und was nicht gezählt werde, werde nicht bekämpft, so Claus. “Deshalb müssen Jugendliche vor Cybergrooming geschützt und Sextortion als eigene Sexualstraftat erfasst werden. Das Bundeslagebild kann das tatsächliche Ausmaß der sexuellen Gewalt, der Jugendliche im Netz tagtäglich ausgesetzt sind, nicht ansatzweise abbilden.”
Quelle:
www.dw.com




