Tourreporter
John Degenkolb bestreitet zum elften Mal die Tour de France. Es ist sein letzter Start beim wichtigsten Radrennen der Welt, dass auch seine Karriere definiert hat.
John Degenkolb wirkt ganz entspannt. Gerade hat er die 9. Etappe der Tour de France beendet. Jenes Teilstück, dass aufgrund der großen Hitze in Frankreich um 30 Kilometer verkürzt worden ist – ein Novum in der Tourgeschichte. Degenkolb kommt jetzt die Straße hinter dem Ziel in Ussel heruntergerollt zum Mannschaftsbus – er lächelt.
Zum elften Mal bestreitet Degenkolb die Tour. Er ist jetzt 37 Jahre alt, und die Ausgabe 2026 ist wohl auch seine letzte Teilnahme. Anfang Mai hat er zwar seinen Vertrag beim niederländischen Team Picnic-Post NL um ein weiteres Jahr verlängert, aber eine weitere Reise nach Frankreich wird er dennoch nicht unternehmen als Radprofi.
“Versuche, jeden Moment zu genießen”
“Ich glaube, dass man schon jetzt davon ausgehen kann, dass das dieses Jahr das letzte Mal sein wird, dass ich bei der Tour de France mit dabei sein werde. Und das ist auch gut so”, hat Degenkolb vor dem Grand Départ im Interview mit der Sportschau gesagt.
Und auch jetzt in Ussel widerspricht er nicht. “Ich versuche, jeden Moment so gut es geht zu genießen”, sagt er. “Und es gibt auch ganz viele Momente, wo ich sage, es ist schön, dass das letzte Mal dieser Moment ist. Aber es gibt auch viele Momente, die ich definitiv missen werde.” Er sei froh, dass er den Mut gehabt habe, noch einmal voll auf die Tour de France zu setzen: “Ich bin auf jeden Fall happy.”
Im vergangenen Jahr verpasste Degenkolb die Tour nach einem schweren Sturz bei der Flandern-Rundfahrt, bei dem er mehrere komplizierte Brüche am rechten Arm erlitt. Es war lange unklar, ob er überhaupt wieder aufs Rad würde steigen können. “Dass ich mich jetzt hier noch mal so krass belasten kann bei der Tour de France, ist schon cool.”
Die Tour hat auch Degenkolbs Karriere definiert
Ein letzter Tanz also beim wichtigsten Radrennen der Welt, das auch Degenkolbs Karriere definiert hat. 2018 feierte er in Roubaix einen Etappensieg, den er als “etwas Geniales und Besonderes” beschreibt. “Das war definitiv der emotionalste Sieg meiner Karriere”, sagt Degenkolb. Damals brach er in Tränen aus und erklärte schluchzend: “Ich habe so lange darauf gewartet. Ein großer Sieg nach langer Zeit, in der ich so viel durchmachen musste.”
Degenkolb jubelt über seinen Etappensieg in Roubaix bei der Tour de France 2018.
Zwei Jahre zuvor hatte Degenkolb einen schweren Unfall im Trainingslager in Spanien, auch da stand seine Karriere auf der Kippe. Ein Auto war frontal mit einer Gruppe von Fahrern seines Teams Giant-Alpecin zusammengestoßen. Degenkolb erlitt schwere Verletzungen unter anderem wurde ihm der linke Zeigefinger fast abgerissen.
Damals befand sich Degenkolb auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Im Jahr zuvor hatte er die beiden Klassiker Mailand-Sanremo und Paris-Roubaix gewonnen. Und erst mit dem Tour-Etappensieg in Roubaix endete die lange Leidenszeit nach dem Unfall.
Es sei eine “unfassbare Genugtuung” gewesen für all das, was man über viele Jahre aufgeopfert habe. “Das ganze Umfeld muss so viele Abstriche immer machen, weil der John ist halt Radfahrer und der muss halt trainieren und am Sonntagmorgen muss er raus, da kann er nicht mit zum Frühstück kommen oder was weiß ich all das”, sagt Degenkolb. Das sei der Preis, den man als Radprofi zahlen müsse. Auch deshalb die Emotionen damals.
Degenkolbs Generation und der Kampf um Vertrauen
Degenkolbs Karriere als Radprofi mit all ihren Entbehrungen fiel in ihren Anfangsjahren in eine Zeit, in der der deutsche Radsport am Boden lag wegen der Dopingskandale um Lance Armstrong und Jan Ullrich. Deren Duelle waren Ende der Neunziger und am Beginn der Nullerjahre ein Straßenfeger. Sie hatten auch den jungen John Degenkolb an den Radsport gefesselt. Und nun musste er sich gemeinsam mit anderen wie Marcel Kittel, Tony Martin und André Greipel um die Aufräumarbeiten rund um diesen Scherbenhaufen kümmern.
John Degenkolb und seine Familie im Zielbereich nach dem Rennen von Paris-Roubaix 2026.
“Im ersten Moment hat sich das total komisch angefühlt, über Sachen zu sprechen, die einen persönlich gar nicht betroffen haben”, sagt Degenkolb im Rückblick. “Aber ich habe das von Anfang an immer als sehr wichtig und hilfreich empfunden, weil ich im Umkehrschluss dann in der Zukunft auch davon profitiert habe, und natürlich auch die Generation, die nach mir gekommen ist.”
Um das verlorene gegangene Vertrauen wiederzugewinnen ließen sich Kittel, Martin und Degenkolb sogar an einen Lügendetektor anschließen. Sie wollten transparent sein, sich den Fragen stellen. Und in der Tat kam das Vertrauen zumindest ein wenig zurück. “Das macht mich rückblickend betrachtet schon stolz, dass ich den Mut und den Ehrgeiz hatte, diese Aufgabe anzunehmen.”
Die großen Veränderungen des Radsports
Eine grundsätzliche Skepsis dem Radsport gegenüber ist dennoch geblieben, gerade in Anbetracht der immer schneller werdenden Rennen, der enormen Watt pro Kilogramm, die der außergewöhnliche Tadej Pogacar auf die Pedale bringt. Das weiß auch Degenkolb, auch wenn er den Anti-Dopingkampf des Radsports für vorbildlich hält. “Einen komplett sauberen Radsport oder einen komplett sauberen Spitzensport, den wird es niemals geben”, glaubt er.
Die nahezu übermenschlichen Leistungen von Pogacar und anderen Topakteuren des Radsports werden oft mit der Entwicklung des Materials, der Trainingssteuerung, der professionellen Ernährung erklärt. Fakt ist, dass sich der Radsport rasant verändert hat seit 2011, als Degenkolb seine Profikarriere begann.
Die Professionalität sei “wahnsinnig nach oben gegangen”, sagt Degenkolb. “Man versucht an jeder Ecke und an jeder Kante irgendwie noch mal das letzte ein Prozent rauszuholen. Das führt unterm Strich dazu, dass eben auch wahnsinnige Zeiten, wahnsinnige Wattwerte gefahren werden. Und wenn man diesen Trend nicht mitgeht, dann kann man auch nicht mehr mithalten.”
Alles auf die Straße werfen für das Ziel Paris
Mithalten kann Degenkolb noch. Einen Tourtstart bekommt man auch als verdienter Fahrer nicht geschenkt. “Ich bin vom Kopf her voll bereit, noch mal komplett all in zu gehen und dort auch noch mal alles auf die Straße zu werfen, was ich an Körnern habe”, hat er im Sportschau-Interview vor der Tour gesagt.
In der ersten Tourwoche hat er sich wie alle anderen durch die extreme Hitze kämpfen müssen. Sein Hauptziel ist es, Paris zu erreichen und seinem Team, dem ein Abstieg aus der World Tour droht, als Road Captain den Weg durch die 21 Etappen zu weisen, damit vielleicht ein Etappensieg dabei herausspringt. “Das ist das erklärte Ziel”, sagt Degenkolb.
John Degenkolb auf der 3. Etappe bei der Tour de France 2026.
Nur einmal hat er die französische Hauptstadt bei seinen bisherigen zehn Teilnahmen nicht erreicht. 2020 stürzte er auf der ersten Etappe in Nizza und musste direkt wieder abreisen. “Das war natürlich der absolute worst case“, sagt Degenkolb.
Sollte er auch diesmal wieder Paris erreichen, wird er die größte Bühne, die sein Sport zu bieten hat, verlassen – so wie es aussieht für immer. “Es ist ja nicht das Karriereende, aber es wird wahrscheinlich das letzte Mal Paris sein. Deswegen wird es mit Sicherheit ein krasser, bewegender Moment”, sagt Degenkolb. Darauf freut er sich, ganz entspannt – trotz der Strapazen.
Quelle:
www.sportschau.de





