Werbungspot_imgspot_img
GesundheitÜbergewicht erhöht Krebsrisiko stärker als gedacht

Übergewicht erhöht Krebsrisiko stärker als gedacht

Darmkrebs, Brustkrebs oder Leberkrebs – Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas) erhöhen das Risiko, an diesen Krebsarten zu erkranken. Für zehn weitere Krebsarten ist ebenfalls ein höheres Risiko belegt.

Bisher nahmen Forschende an, dass zwischen zwei und acht Prozent aller Krebserkrankungen auf ein zu hohes Körpergewicht zurückzuführen sind. Eine neue Studie des Teams um den Epidemiologen Hermann Brenner, der am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) arbeitet, weist nun darauf hin, dass dieser Anteil zu gering ist.

Demnach können bis zu 11,5 Prozent auf Übergewicht zurückzuführen sein. Jede zehnte Krebserkrankung könnte damit mit überschüssigen Körperfett zusammenhängen. 

Die DKFZ-Forschenden “haben nicht nur die bestehenden Risikoschätzungen aktualisiert, sondern sie haben hinterfragt, ob der Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krebs bisher möglicherweise unterschätzt worden ist”, sagt der Epidemiologe Michael Leitzmann von der Universität Regensburg, der nicht an der Studie beteiligt war. Er beschäftigt sich am Institut für Epidemiologie und Prävention mit den Zusammenhängen zwischen Ernährung, Körpergewicht, körperlicher Aktivität und der Entwicklung chronischer Erkrankungen. Als Mitglied des Fachausschuss “Krebsprävention und Früherkennung” hat er die Deutsche Krebshilfe beraten.

Bauchfett erhöht Krebsrisiko besonders stark

Im Vergleich zu vorangegangenen Studien hat das DKFZ-Team die Untersuchungsmethoden verändert. Bisherige Forschungen nutzten den Body-Mass-Index (BMI) der Teilnehmenden als Indikator für Übergewicht. Er wird aus Körpergröße und -gewicht berechnet. Das Problem ist: Der BMI unterscheidet nicht zwischen Fett- und Muskelmasse. Außerdem lässt der BMI auch keine Schlüsse darauf zu, wie sich das Fett am Körper verteilt.

Das allerdings ist wichtig, denn Fett ist nicht gleich Fett. Fettzellen, die sich um den Bauch herum ansammeln, sind mehr als ein passiver Speicher für überschüssige Kalorien wie an anderen Körperstellen. “Sie lösen einen sogenannten chronischen entzündlichen Stoffwechselzustand aus”, erklärt Leitzmann. Er beschäftigt sich am Institut für Epidemiologie und Prävention mit den Zusammenhängen zwischen Ernährung, Körpermasse, körperlicher Aktivität und der Entwicklung chronischer Erkrankungen. 

Überschüssiges Bauchfett funktioniert wie eine Drüse, die verschiedene Signalmoleküle freisetzt, sogenannte Adipokine. Diese gelangen über den Blutkreislauf an unterschiedliche Orte im Körper, wo sie andere Stoffwechselprozesse beeinflussen. Unter anderem das Wachstum und die Teilung von Zellen und die Hemmung des programmierten Zelltodes. “Alles Mechanismen, die zur Entstehung und dann auch zum Wachstum von Tumoren beitragen können”, sagt Leitzmann.

Die DKFZ-Forschenden fokussierten sich deshalb neben dem BMI auch auf den Taillenumfang und das Taille-Hüfte-Verhältnis. Die Daten von 458.543 Frauen und Männern aus der britischen Gesundheitsdatenbank UK Biobank flossen in die Untersuchung ein. Im Mittel wurden die Probanden zwölf Jahre lang beobachtet. In dieser Zeit traten 50.000 neue Krebserkrankungen auf.

Wie lässt sich Krebs verhindern?

To view this video please enable JavaScript, and consider upgrading to a web browser that supports HTML5 video

Warum frühere Studien das Krebsrisiko unterschätzten

Die Forschenden wollten zudem eine weitere methodische Verzerrung früherer Studien ausschließen: Die Tatsache, dass Krebs bereits vor der Diagnose – also schon während der Entstehung – zu Gewichtsverlust führen kann. Gut möglich also, dass vorherige Studien keinen Zusammenhang zwischen Fettleibigkeit und Krebs erkannt haben, weil die Probanden bei Studieneintritt durch einen sich entwickelten Krebs bereits an Gewicht verloren hatten.

Aus diesem Grund schloss das Team die ersten Jahre nach Studieneintritt der Teilnehmenden aus den Untersuchungen aus. Berücksichtigt wurden nur Krebserkrankungen, die sieben Jahre nach Beginn der Beobachtungen auftraten. So wurde der statistische Zusammenhang zwischen Übergewicht und Krebs deutlicher.

Stärkerer Zusammenhang bei Frauen gefunden

Die Studie deutet darauf hin, dass der Anteil von Frauen, die übergewichtig sind und an Krebs erkranken, höher ist als der von Männern. Michael Leitzmann mahnt bei der Interpretation dieser Hinweise zur Vorsicht. Es müsse weitere Studien geben, mit einem ähnlichen Design, um zu schauen, ob sich die Ergebnisse replizieren, also wiederholen lassen. 

Trotzdem äußert Leitzmann eine Idee, weshalb das Übergewicht bei Frauen schwerer wiegen könnte. Übergewicht wird unter anderem für Brust-, Gebärmutter- und Eierstockkrebs verantwortlich gemacht. “Diese Krebsarten, von denen Frauen betroffen sind, sind hormonabhängig”, sagt Leitzmann. So kann das Hormon Östrogen das Wachstum von Brustkrebs anregen. Überschüssiges Bauchfett wiederum trägt zu einem erhöhten Östrogenspiegel bei.

Prävention von Übergewicht kann Krebsfälle deutlich reduzieren

Dass Übergewicht das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen oder Typ-2-Diabetes erhöhe, sei mittlerweile den meisten Menschen bekannt, sagt der Epidemiologe Michael Leitzmann. Umgekehrt bedeutet das natürlich auch: Wer sein Gewicht reduziert, reduziert auch die Gefahr eines Herzinfarktes, Schlaganfalls oder einer Zuckerkrankheit.

Auch wenn die Studie des DKFZ das größere Risiko durch Adipositas betont, sieht Leitzmann vor allem die Chance, die die Ergebnisse der Forschenden auch präsentieren: “Daraus leitet sich ganz klar für mich ab, dass wir mit der Prävention von Adipositas einen größeren Beitrag zur Krebsprävention werden leisten können, als bislang angenommen.”


Quelle:

www.dw.com