Der Chef der staatlichen Naftogaz Ukraine AG, Serhij Korezkyj, ist nach dem Rücktritt von Julia Swyrydenko und ihrer Regierung neuer Ministerpräsident der Ukraine. Das Parlament ernannte ihn am Donnerstag zum Regierungschef.
Effektiver Krisenmanager
Der 48-jährige Korezkyj ist ein ukrainischer Unternehmer und Topmanager, der vom Wachmann zum Chef eines der größten Energieunternehmen des Landes aufstieg. Seine berufliche Laufbahn begann er als Sicherheitskraft bei der Treibstoff-Firmengruppe “Kontynium”, doch er arbeitete sich immer weiter hoch und wurde später sogar Generaldirektor der Gesellschaft.
2013 übernahm er die Leitung der Tankstellenkette WOG, für die er bis 2018 tätig war. Danach gründete er die ukrainische Café-Kette “Idealist Coffee & Co.” und wurde Mitbegründer des Schweizer Energiehandelsunternehmens “Centurion Group SA”. Ab April 2025 leitete er den Staatskonzern Naftogaz, nachdem er zuvor die Tochterfirma Ukrnafta erfolgreich aus milliardenschweren Verlustgeschäften geführt hatte.
Wolodymyr Fesenko vom ukrainischen Zentrum für Angewandte Politikforschung “Penta” hält Korezkyj für die derzeit beste Option im Ministerpräsidentenamt. Dem Politologen zufolge liegt Korezkyjs größter Vorteil in seinem Ruf als starker Krisenmanager. Genau so habe er sich 2022 an der Spitze von Ukrnafta etabliert – einem Unternehmen, das zuvor unter der Kontrolle des Oligarchen Ihor Kolomojskyj gestanden hatte. Innerhalb eines Jahres habe Korezkyj Ukrnafta aus einer schwierigen finanziellen und organisatorischen Schieflage geführt und wieder unter staatliche Kontrolle gebracht.
Laut Fesenko hat sich Korezkyj auch schon an der Spitze des ukrainischen Energie-Dachkonzerns Naftogaz bewährt – insbesondere im vergangenen Winter. Das Unternehmen sicherte die Gasförderung und -Versorgung großer Teile des Landes trotz ständiger russischer Angriffe auf die ukrainische Gasinfrastruktur. Dies habe Selenskyj beeindruckt und Korezkij zum Top-Kandidaten für das Amt des Regierungschefs gemacht, so der Experte.
Politisch neutral und ohne Konflikte
Experten heben hervor, dass sowohl Vertreter des Präsidenten-Teams als auch der Opposition Korezkyjs fachliche Qualitäten loben. Besonders wichtig sei, so Beobachter, dass Korezkyj politisch neutral sei. Er unterhalte keine Verbindungen zu einzelnen politischen Kräften oder oligarchischen Gruppen und werde wohl ein eher technokratischer Ministerpräsident ohne eigene politische Ambitionen sein.
Korezkyj neigt laut Wolodymyr Fesenko im Gegensatz zu seiner Vorgängerin Julia Swyrydenko zu größerer administrativer Unabhängigkeit. Er sei es gewohnt, über sein Personal und offene Fragen selbst zu entscheiden, anstatt jedes Detail zuerst mit dem Präsidenten abzustimmen. Dies komme Wolodymyr Selenskyj durchaus entgegen.
Wadym Denysenko vom ukrainischen Onlineportal DSNews betont, dass Serhij Korezkyj ein “Technokrat durch und durch” sei. “Er ist ein Workaholic, der seine Aufgaben sehr klar definiert und bei deren Umsetzung hohe Ansprüche stellt. Wunder wird er sicherlich nicht vollbringen, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit Desaster verhindern”, so Denysenko auf Facebook. Das größte Problem des neuen Premiers sei, dass er noch kein eingespieltes Team besitze. Dennoch glaubt Denysenko, dass Korezkyj eine gute Wahl sei, die sich im zu erwartenden Krisen-Winter noch als durchaus nützlich erweisen könnte.
Korezkyjs Erfahrungen im Energiebereich
Die Hauptaufgabe der Regierung Korezkyj ist die Stabilisierung des Energiesektors. Es wird erwartet, dass Russland seine Strategie der Zerstörung der ukrainischen Energieinfrastruktur fortsetzen, wenn nicht sogar ausweiten wird, was im Winter erhebliche Probleme für die Wärmeversorgung öffentlicher und privater Gebääude mit sich bringen wird.
Petro Oleschtschuk von der Taras-Schewtschenko-Universität in Kyjiw hält auch deshalb die Ernennung Korezkyjs für einen klugen Schachzug des ukrainischen Präsidenten. Wolodymyr Selenskyj vertraue die Leitung dieses Bereichs einem erfahrenen Wirtschaftsmanager im Energiewesen an, während sich Selenskyj selbst auf Diplomatie und Militär konzentrieren könne. Die Zuständigkeiten würden somit zwischen ihnen aufgeteilt, meint der Politologe.
Das sieht auch Wolodymyr Fesenko so. “Selenskyj rechnet mit einem sehr schwierigen Winter. Es gilt, den Betrieb des gesamten lebenswichtigen Systems – von der Energieversorgung bis zur kommunalen Infrastruktur – sicherzustellen. Die Krisenbewältigung im kommenden Winter wird die Hauptpriorität des neuen Premierministers sein”, sagt Fesenko gegenüber der DW.
Am 16. Juli legte der neue Regierungschef dem Parlament die Kandidaten für die Ministerämter zur Prüfung vor, mit Ausnahme der Außen- und Verteidigungsminister, deren Kandidaten in der Ukraine vom Präsidenten vorgeschlagen werden. Das Parlament unterstützte sämtliche von Korezkyj vorgelegten Kandidaturen. Präsident Selenskyj erklärte unterdessen, die Entscheidung über die Leitung der beiden noch offenen Ministerien werde zu einem späteren Zeitpunkt fallen.
Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk
Quelle:
www.dw.com



