Durch unseren gesamten Körper zieht sich ein weitverzweigtes Kanalsystem – die Lymphgefäße. Über sie entsorgen unsere Zellen, Gewebe und Organe Abfallstoffe und überschüssige Flüssigkeit. Umgekehrt können Immunzellen über diese Bahnen ihre Ziele erreichen. Die kleinsten Ästchen des Lymphsystems sind nur 50 Mikrometer weit und liegen in den Zellzwischenräumen der Gewebe. Von dort aus wird die Lymphe über immer größere Leitungen bis in die herznahen Venen transportiert.
Eigentlich galt das menschliche Lymphsystem lange als gut untersucht und kartiert. Doch in den letzten Jahren haben Forschende an verschiedenen Stellen unseres Körpers zuvor unerkannte Lymphstrukturen entdeckt – von winzigen Kanälchen in unseren Schädelknochen über flüssigkeitsgefüllte Netzwerke in unserem Bindegewebe bis zu einem 2009 entdeckten Ableitungssystem der vorderen Augenkammer.
Wo landen die Abfallstoffe unserer Netzhaut?
Jetzt haben Forschende ein weiteres Drainage-System des Auges entdeckt. Dieses leitet Flüssigkeit aus der hinteren Augenkammer und der Netzhaut ab – und klärt damit die seit langem offene Frage, wie dieser Augenbereich seine molekularen Abfälle entsorgt. „Die Netzhaut ist einer unserer metabolisch aktivsten Körperteile. Dadurch produziert sie ständig Abfallstoffe, die entfernt werden müssen“, erklärt Co-Autor Neeru Gupta von der University of Toronto. Doch bisher konnten keine lymphatischen Gefäße im Augenhintergrund nachgewiesen werden.
Auf der Suche nach diesem Abwassersystem haben Gupta, seine Kollegin BabishaaSauntharrajan und ihr Team nun eine ganze Batterie an modernsten Nachweismethoden eingesetzt. Dafür injizierten sie Mäusen fluoreszente Biomarker in den Augenhintergrund, die selektiv nur auf lymphatisches Gewebe reagieren. Diese Fluoreszenzmarker wurden mit der Gewebeflüssigkeit mitgeschwemmt und verrieten so, wo und in welchen Leitungen die Augenflüssigkeit entsorgt wurde.
20 Minuten nach Injektion einer Markersubstanz (Gelb) in den Augenhintergrund verlässt sie über Lymphkanäle das Auge zusammen mit dem Kammerwasser. — © Sauntharrajan et al./ Translational Vision Science & Technology, CC-by-nc-nd 4.0
Verborgenes Netzwerk in der Zwischenschicht
Dies enthüllte: Es gibt im Augenhintergrund tatsächlich ein eigenes Abwasser-Entsorgungssystem – ein zartes Netzwerk aus feinen lymphatischen Gefäßen. Die Fluoreszenzmarker verrieten, dass sich dieses Netzwerk im sogenannten suprachoroidalen Raum der hinteren Augenkammer verbirgt. Diese dünne Schicht liegt zwischen der von Blutkapillaren durchzogenen Aderhaut des Auges und der äußeren Lederhaut. „Der suprachoroidale Raum fungiert als entscheidende Schnittstelle für den Flüssigkeitstransport und die Druckgradienten im Auge“, erklärt das Team.
In ihren Fluoreszenzaufnahmen konnten Sauntharrajan und ihre Kollegen direkt mitverfolgen, wie Augenflüssigkeit aus der hinteren Augenkammer in den suprachoroidalen Raum gelangte und über die feinen lymphatischen Gefäße abgeleitet wurde. Über die Augenhöhle, die Bindehäute und die Lymphbahnen entlang der Nase gelangt diese Flüssigkeit innerhalb weniger Minuten bis in die Lymphknoten im Kiefer- und Halsbereich.
Direkte Verbindung zu nahen Lymphknoten
„Wir waren überrascht, eine so direkte Verbindung von der Augenflüssigkeit bis ins Lymphsystem zu finden“, sagt Gupta. „Das belegt, dass auch der Augenhintergrund einen aktiven Entsorgungsweg besitzt.“ Dies sei der erste experimentelle Nachweis für ein solches System im hinteren Augenbereich. Das Team hat dieses neu entdeckte Ableitungssystem des Auges den „posterioren okulären lymphatischen Ausfluss“ (POLO) getauft.
Damit haben die Forschenden eine weitere Komponente der komplexen Leitungssysteme in unserem Körper entdeckt – und eine lange geltende Annahme widerlegt. „Diese grundlegende Entdeckung zeigt, dass unser Auge keineswegs ein geschlossenes System ist wie zuvor angenommen“, erklärt Gupta. Stattdessen verfügt es gleich über zwei gesonderte lymphatische Drainage-Systeme: das uveolymphatische System der vorderen Augenkammer und den jetzt identifizierte posteriore okuläre lymphatische System.
Relevant für Makuladegeneration, Glaukom und Co
Die Entdeckung des neuen Ableitungssystems hat auch medizinische Bedeutung. Denn Augenerkrankungen wie der Grüne Star, die Makuladegeneration und andere Netzhautschäden sind eng mit sich aufstauender Augenflüssigkeit, nicht abtransportierten Abfallstoffen und den dadurch verursachten Gewebeschäden und Entzündungen verknüpft, wie das Team erklärt. Die neuen Erkenntnisse legen nun nahe, dass auch das Ableitungssystem im suprachoroidalen Raum an ihnen beteiligt sein könnte.
„Dies gibt uns einen ganz neuen Rahmen, um diese Krankheiten zu verstehen und liefert einen potenziellen Ansatzpunkt für ihre Therapie“, erklärt Gupta. Man kann nun beispielsweise erforschen, ob und wie dieses Abwassersystem des Auges zu Netzhauterkrankungen beiträgt und wie sich dies verhindern lässt.
Quelle: Babishaa Sauntharrajan (University of Toronto) et al., Translational Vision Science & Technology, 2026; doi: 10.1167/tvst.15.7.23
Quelle:
wissenschaft.de



