Schon seit ihrer Entdeckung im Jahr 1911 sorgen die „Blood Falls“ am ostantarktischen Taylor-Gletscher für Aufsehen. Denn immer wieder tritt an der Gletscherzunge blutrotes Salzwasser aus dem Eis aus. Ihre Farbe verdanken diese Blutfälle den hohen Eisenkonzentrationen im Wasser. Dieses stammt aus einem Reservoir tief unter dem Eis und ist dank seines hohen Salzgehalts flüssig, obwohl die Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt liegen. Frühere Studien deutetenbereits darauf hin, dass es sich um uraltes Meerwasser handeln könnte, das am Ende einer vergangenen Warmzeit vom sich bildenden Gletscher eingeschlossen wurde.
Dem Leben in den Blutfällen auf der Spur
Nun liefert eine Studie biologische Belege für dieses Szenario. Ein Team um Angela Zoumplis von der University of California in San Diego hat das Wasser der Blutfälle auf genetische Spuren von Mikroorganismen hin untersucht. Dafür analysierten die Forschenden 167 Wasser-, Sediment- und Luftproben aus den Blutfällen, der Region rings um den Gletscher sowie aus einer ostantarktischen Meeresbucht.
Das Ergebnis: „Wir identifizierten eine ausgeprägte marine mikro-eukaryotische Gemeinschaft, die auf rot gefärbtes Eis, Schlamm und Sediment am Ausläufer des Taylor-Gletschers beschränkt ist“, berichtet das Forschungsteam. Im Wasser der Blutfälle fanden sich genetische Spuren von Meeresplankton wie Kieselalgen, Haptophyten, Dinoflagellaten und Wimpertierchen. Diese gehen wahrscheinlich auf urzeitliche Meeresorganismen zurück. An allen umliegenden Standorten dominierten dagegen Mikroben, die an Land und in Süßwasser vorkommen.
Vor Urzeiten isoliert
Laut Zoumplis und ihrem Team passt der Befund gut zu der Hypothese, dass das Taylor-Tal während einer vergangenen Warmzeit von Meerwasser bedeckt war und danach infolge sinkender Meeresspiegel und Vergletscherung isoliert wurde. „Auch lange nach der physischen Trennung vom Ozean bewahrt das subglaziale, von Sole gespeiste System am Ausläufer des Taylor-Gletschers noch biologische Signaturen marinen Ursprungs“, erklären die Forschenden. Zugleich stießen sie insbesondere bei den Kieselalgen auf genetische Unterschiede zwischen den Populationen aus den Blutfällen und denen aus dem Ozean – ein Hinweis auf die lange Isolation.
Die Forschenden betonen, dass es sich bei den nachgewiesenen Meeresorganismen nicht nur um fossile Überreste, sondern um lebendige Organismen handelt. So wiesen sie aktive Gene nach, die unter anderem an der Photosynthese, an der Reparatur von Zellschäden und an der Stressreaktion auf extremen Salzgehalt beteiligt sind. Die Bewohner des roten Blutfall-Wassers sind demnach trotz langer Isolation vom Meer noch heute aktiv.
Kein relevanter Transport mit dem Wind
Zoumplis und ihre Kollegen prüften auch eine Alternativhypothese, der zufolge die Meeresorganismen erst in neuerer Zeit in die Blutfälle gelangt sind und beispielsweise von starken Winden vom Ozean ins Taylor-Tal geweht wurden. Doch dagegen spricht nicht nur die in der Analyse offenbarte genetische Isolation. Auch die untersuchten Luftproben legen nahe, dass der Wind heutzutage keine relevante Rolle beim Transport von Mikroorganismen ins Taylor-Tal spielt. Allenfalls könnten sehr starke Winde aus ferner Vergangenheit einen ergänzenden Beitrag zur Verteilung der Meeresorganismen ins Landesinnere geleistet haben.
„Die heutige marine Lebensgemeinschaft am Taylor-Gletscher spiegelt wahrscheinlich eine Kombination verschiedener Prozesse wider: das langfristige Fortbestehen von Abstammungslinien, die auf Meeresvorstöße zurückgehen, eine mögliche frühere windgetriebene Umverteilung innerhalb des Tals sowie sehr begrenzte heutige windgetriebene Einträge“, erklärt das Team. „Das bringt die heutigen mikrobiellen Gemeinschaften der Antarktis mit vergangenen Klimaveränderungen in Verbindung.“ Damit könnten die mikrobiellen Gemeinschaften in den Blutfällen Einblicke geben, wie Lebewesen gravierende Umweltveränderungen überleben und sich an ein Leben unter Extrembedingungen anpassen.
Quelle: Angela Zoumplis (University of California, San Diego, USA) et al., Nature Geoscience, doi: 10.1038/s41561-026-02054-6
Quelle:
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