Ihr Name ist schon zu Lebzeiten eine Legende. Als Mata Hari 1905 in Paris erstmals ins Rampenlicht tritt, ist die feine Gesellschaft fasziniert von der jungen Frau. “Sie tanzte mit Schleiern und juwelengeschmückten Büstenhaltern – und das ist fast alles. Niemals vor ihr hat es jemand gewagt, mit dieser bebenden Ekstase und ohne Schleier vor den Göttern zu verweilen. Und mit welch wundervollen Bewegungen, gewagt und züchtig zugleich”, kann man in der Pariser Presse lesen. Und wie die Journalisten sind auch alle anderen überzeugt, die fremdartige Darbietung einer Tempeltänzerin bewundert zu haben.
In Wirklichkeit allerdings steht eine dunkelhaarige Niederländerin auf der Bühne, die dringend Geld braucht. Sie macht sich zunutze, dass das Paris der Belle Époque verrückt ist nach Exotischem und gibt sich als Inderin aus. Sie sei die Tochter eines hoch angesehenen Brahmanen, erfindet sie sich einen Lebenslauf. “Meine Mutter, die erste Bajadere (Tänzerin, Anm. d. Red.) im Tempel von Randa Swany, starb mit vierzehn im Jahr meiner Geburt. Nachdem die Tempelpriester die Leiche eingeäschert hatten, adoptierten sie mich und tauften mich auf den Namen Mata Hari, das bedeutet Auge der Morgenröte (ein malaysisches Wort, Anm. d. Red).”
Von klein auf habe sie die heiligen Tempeltänze erlernt, lügt sie – und lässt bei ihren Aufführungen einen Schleier nach dem anderen fallen. Später wird sie sagen: “Ich habe nie gut getanzt. Dass die Menschen kamen, um mich zu sehen, verdanke ich nur der Tatsache, dass ich es als erste wagte, mich unbekleidet der Öffentlichkeit zu präsentieren.”
Wie die Tochter eines niederländischen Hutmachers zu Mata Hari wird
In den Salons reißt man sich um Mata Hari – und niemand ahnt, dass sie eigentlich Margaretha Geertruida Zelle heißt und aus dem niederländischen Städtchen Leeuwarden stammt. Dort erblickt die Tochter eines Hutmachers am 7. August 1876 das Licht der Welt. Ihr Vater, der mit Börsenspekulationen sehr reich geworden ist, überschüttet sie mit Geschenken; zu ihrem sechsten Geburtstag bekommt sie sogar eine Kutsche – gezogen von Ziegen.
Doch mit 13 endet das luxuriöse Leben. Margarethas Vater geht bankrott und verlässt die Familie, zwei Jahre später stirbt die Mutter. Das Mädchen kommt zu Verwandten. Eines Tages entdeckt sie in der Zeitung eine Anzeige: “Offizier aus Niederländisch-Ostindien (das heutige Indonesien, Anm. d. Red.), zurzeit auf Heimaturlaub, sucht die Bekanntschaft eines netten Mädchens zwecks späterer Heirat. Vermögenssituation gleichgültig.” Aus Margaretha und dem Kolonialoffizier John Rudolf Mac Leod, einem niederländischen Adligen schottischer Abstammung, wird schnell ein Paar. 1897 begleitet die junge Frau ihren 20 Jahre älteren Gatten in die damalige Kolonie Niederländisch-Indien.
Doch der Traum vom paradiesischen Leben in Fernost erfüllt sich für Margaretha nicht. Die Beziehung ist von Streitigkeiten belastet, dann stirbt auch noch der zweijährige Sohn an einer Vergiftung. Als die MacLeods 1902 nach Europa zurückkehren, ist die Ehe gescheitert. John Rudolf verlässt seine Frau und nimmt die Tochter mit. Unterhalt zahlt er keinen, Margaretha ist auf sich allein gestellt.
Zunächst verdingt sie sich in Paris als Modell für Maler, dann versucht sie es beim Zirkus und schließlich erschafft sie die Kunstfigur Mata Hari, die sie berühmt machen wird. Von nun an tritt sie in den besten Häusern von Wien über Monte Carlo und Berlin bis Mailand auf und übernachtet in den teuersten Hotels. Sie tanzt auf den Soirées der Bankiersfamilie Rothschild und vor dem deutschen Kaiser Wilhelm II. und seiner Familie. Ihr Erfolg hat ihr Zugang zu den höchsten Kreisen verschafft. Sie schläft mit Diplomaten und hochrangigen Militärs – und die lassen sich ihre Gesellschaft etwas kosten.
Aus Geldnot Agentin im Ersten Weltkrieg
Doch irgendwann beginnt Mata Haris Stern zu sinken. Jüngere Tänzerinnen kopieren sie, und das sensationsgierige Pariser Publikum ist schon auf den nächsten Zug aufgesprungen. Als 1914 der Erste Weltkrieg beginnt, kann Mata Hari ihren luxuriösen Lebensstil längt nicht mehr finanzieren. Und so sagt sie nicht nein, als der deutsche Konsul in den Niederlanden ihr anbietet, für ihre Schulden aufzukommen. Er will noch mehr zahlen, wenn sie sich mit wichtigen Männern der Gegenseite trifft und sie aushorcht: 20.000 Francs Einstiegshonorar verspricht er ihr – viel Geld damals. Aus Mata Hari wird Agentin H 21.
Als auch der französische Geheimdienst sie als Agentin anwirbt und ihr ebenfalls eine große Summe bietet, wird Mata Hari zur Doppelspionin. Doch sie verschätzt sich. Die Franzosen haben sie nur angeworben, um sie der Spionage für die Deutschen zu überführen. Und auch der britische Geheimdienst beobachtet sie bei ihren Reisen durch Europa und wird misstrauisch. Am 13. Februar 1917 wird sie verhaftet.
Am 15. Oktober schließlich wird Mata Hari mit 41 Jahren im Festungsgraben des bei Paris gelegenen Schlosses Vincennes wegen Hochverrats hingerichtet. Laut Augenzeugen soll sie dem 12-köpfigen Erschießungskommando hocherhobenen Hauptes entgegengetreten sein und ihnen sogar einen Luftkuss zugeworfen haben. Eine Augenbinde verweigert sie, stattdessen richtet sie ihre letzten Worte an den Kommandanten, der den Soldaten den Befehl zum Feuern gibt: “Ich danke Ihnen, Monsieur!”
Ob Mata Hari wirklich eine Meisterspionin war, ist zweifelhaft. Was auch immer sie weitergegeben haben mag: Ihre Informationen haben den Verlauf des Ersten Weltkriegs wohl kaum beeinflusst. Das geht aus zeitgenössischen Akten des britischen Geheimdienstes hervor, die erst Jahrzehnte später veröffentlicht wurden. Vermutlich war Mata Hari ein willkommenes Bauernopfer, weil die Kriegsbegeisterung merklich nachließ und dem französischen Militärgericht ein Sündenbock wie gerufen kam. Sie selbst hat bis zuletzt abgestritten, spioniert zu haben. Auf jeden Fall aber war sie eine Meisterin der Selbstinszenierung – bis zum letzten Atemzug.
Quelle:
www.dw.com



