Das in Cannes mit großem Lob und wichtigen Preisen bedachte Familiendrama „Everytime“ von Sandra Wollner erzählt mit berührenden Bildern und viel elliptischem Mut von Verlust, Trauer, Tod und wie man wieder ins Leben findet. Großen Anteil an der leisen Wucht des mysteriösen Films hat die Kamera von Gregory Oke, der oft auf lange, ruhige, nachhallende Einstellungen setzt.
Das mysteriöse Familiendrama „Everytime“ von der österreichischen Autorenfilmerin Sandra Wollner (ab 6. August im Kino) gewann bei den Filmfestspielen von Cannes in der Sektion „Un certain regard“ sensationell den Hauptpreis. Auch der Filmdienst ist von dem dritten Spielfilm der Regisseurin begeistert und vergab mit fünf Sternen die Höchstwertung für den Film, der am 6. August in den deutschen Kinos anläuft.
Darin geht es um die Mutter Ella (Birgit Minichmayr), die mit ihren beiden Töchtern Melli (Lotte Shirin Keiling) und Jessie (Carla Hüttermann) in Berlin wohnt und kurz vor dem Abflug in den Urlaub nach Teneriffa steht. In der Nacht vor der Abreise verbringt die ältere Melli mit ihrem Freund Lux (Tristán Lopez). Gemeinsam tanzen sie, nehmen Drogen und wollen ihren Abschied auf dem Dach eines Hochhauses bis zur letzten Sekunde hinauszögern.
Die Kamera bleibt in Deckung
Als es zu einem tragischen Unglück kommt, bleiben die Überlebenden mit Trauer und Schuldgefühlen zurück und holen ein Jahr später die Urlaubsreise auf die Kanaren nach. In ihrer Kritik lobt Cosima Lutz die elliptische Erzählweise und das nuancierte Spiel der Hauptdarsteller:innen. Besonders hebt sie dabei den unpathetischen Umgang mit Themen wie Verlust, Trauer und Tod hervor. Und stellt dabei die präzise Inszenierung der „in Deckung bleibende[n] Kamera“ heraus. Denn „Everytime“ setzt oft auf lange, ruhige Kamerabewegungen aus der Ferne. Ein zentraler Schlüsselmoment wurde aus einem Kilometer Entfernung gedreht. Auch später lassen die Bilder viel Raum, um die trauernden Figuren nicht durch intime Aufdringlichkeit zu verletzen.
Für die Bilder zeichnet der britische Kameramann und Tontechniker Gregory Oke verantwortlich. Oke hat selbst auch schon mehrere Kurzfilme inszeniert, fiel als Kinematograf aber erst durch das Filmdrama „Aftersun“ (2022) von Charlotte Wells auf. Wollner war von dieser Arbeit hin und weg, wie sie im Interview mit Kamil Moll verrät. In „Aftersun“ arbeite Oke zwar mehr mit Nahaufnahmen, doch Wollner war sich sicher, dass sie Filme auf ähnliche Weise betrachten.
Auch inhaltlich ähneln sich beide Filme. In „Aftersun“ verbringt ein elfjähriges Mädchen die Sommerferien mit ihrem jungen Vater in einem türkischen Badeort. Das als Rückschau erzählte lyrische Spielfilmdebüt von Charlotte Wells verbindet Camcorder-Aufnahmen mit realen und imaginären Erinnerungen an eine gemeinsam verbrachte Zeit, die bis zuletzt lückenhaft bleibt.
Die visuellen Einfälle von Gregory Oke beinhalten stets Momente der Irritation. In „Everytime“ verbinden sich die bewussten Leerstellen schließlich zu einem mysteriösen Geisterfilm. Ab 6. August lassen sich diese Bilder in den deutschen Kinos bestaunen.
Quelle:
www.filmdienst.de




