Wie hilfreich ist Künstliche Intelligenz beim Kreieren von Geschichten oder deren künstlerischer Umsetzung? In Bayreuth wurde gerade die erste „Ring“-Inszenierung, in der eine KI mitmischte, mit Buh-Rufen bedacht. Trotzdem bleibt das Thema virulent. Unter dem Motto „Framing the Future of Filmmaking“ diskutierte die Creators Conference der Produktionsallianz in München, bei der Daniel Kehlmann „über die Kraft des Erzählens im KI-Zeitalter“ sprach.
Als der Schriftsteller Daniel Kehlmann Anfang 2020 nach Palo Alto ins Silicon Valley reiste, war die Arbeit mit Large Language Models (LLM) für die Öffentlichkeit noch nicht zugänglich. Die Ergebnisse seines Selbstversuchs präsentierte Kehlmann 2021 in der Stuttgarter Zukunftsrede. Das Erzählexperiment, mit Hilfe eines LLMs eine Kurzgeschichte zu schreiben, scheiterte nicht nur an der schwachen Rechenleistung des Computers. Auch inhaltlich schwächelten die künstlich generierten Inhalte. Rückblickend sind die Ergebnisse aber noch immer maßgeblich für das Verständnis des maschinellen Lernens. Die Basis bildete damals das Conditional Transformer Language Model (CTLM) des KI-Forschers Bryan McCann, das auf dem frei verfügbaren Wissen von Online-Büchern und Foren basierte.
Um die Grenzen der KI zu testen, spielte Kehlmann eine Art Schreib-Ping-Pong mit dem Computer. Ein Satz stammte von ihm, ein Satz kam von einem LLM. Die Auswahl der von der LLM gebrauchten Wörter entstammte einer Art „Metawörterbuch“ (Kehlmann), das auf Wahrscheinlichkeiten und einem komplizierten Regelsystem beruhte. Der Computer erfasst dabei „Token“ genannte Wortfragmente statistisch, überträgt sie in Zahlen und verarbeitet sie dann mittels Vektorrechnung. Das alles kann man in Kehlmanns Büchlein „Mein Algorithmus und Ich“ nachlesen, in dem er die Entstehungsschritte nachvollziehbar beschreibt und kommentiert. Die Probleme dieses KI-Experiments veranschaulicht Kehlmann darin mit zahlreichen Beispielen.
Kehlmann bemängelte vor allem die Gedankensprünge innerhalb der Geschichte, wenn etwa plötzlich eine nicht eingeführte Figur auftaucht oder die Sätze nicht aufeinander bezogen sind. Die sprachlichen Berechnungen ignorierten die Plot-Logik, wodurch die narrative Konsistenz in dem Text fehlte. Kehlmann beschreibt den Ton der so generierten Story mit dem „Hauch einer David-Lynch-Atmosphäre“. Dialoge funktionierten allerdings besser – schließlich reden Menschen auch im echten Leben oft aneinander vorbei.
Drei Jahre nach Kehlmanns Experiment ging der Schauspieler Lukas Zumbrock einen Schritt weiter. Er stellte sich 2024 die Frage, ob eine KI ganze Drehbücher verfassen kann, und tippte in ChatGPT den Prompt ein: „Schreibe ein Drehbuch für einen Kurzfilm, der es wert ist, erzählt zu werden.“ Daraus entstand die Kurzgeschichte „Der Flügel des Träumers“ über einen ehemaligen Pianisten, der seine Liebe zur Musik wiederentdeckt. Zumbrock verfilmte das KI-Drehbuch ohne Änderungen. Im Nachhinein bilanzierte er, dass die Dialoge des neunminütigen Dramas zu hölzern waren und die KI daher nicht den Menschen ersetzen könne. Es fehle die Poesie, so Zumbrock.
Redundanzen in der Sprache
Doch wie sieht das bei seriellem Erzählen aus? Dafür sei es entscheidend, so Inka Fromme, die Headautorin der Serie „In aller Freundschaft“, die „DNA einer Serie“ herauszuarbeiten. In dem Video „Wenn Künstliche Intelligenz das Drehbuch schreibt“ führt sie aus, dass man zur Serien-DNA eine Prise Unerwartetes hinzufügen müsse, um die Emotionen der Zuschauer in Wallung zu bringen, indem Vertrautes durch überraschende Wendungen aufgebrochen werde.
Der Serienplot basiere auf Figurenlinien, die horizontal verlaufen. Gerne lassen sich Serien von anderen Erfolgsserien inspirieren. Statt eines Menschen könnte die KI dieses Wissen auswerten und eine Erfolgsserie fortschreiben.
Aber reichen die Erzählmittel einer LLM aus, um glaubhaft eine Serie zu schreiben? Technisch gesehen kann die Maschine aus vielen Daten durchaus lernen, doch inhaltlich steht Fromme den LLMs kritisch gegenüber. Eine KI beruhe auf Häufigkeiten von Wörtern; wiedererkennbare Strukturen würden sich damit nur vervielfältigen. Denn auch heute noch errechnet künstliche Intelligenz wie bei Kehlmanns Silicon-Valley-Aufenthalt Wahrscheinlichkeiten und verknüpft die Worte miteinander. Solche Redundanzen sind auch technisch nachprüfbar. Wenn ein Text mit Hilfe von Gemini verfasst ist, erkennt Google dies durch eine Art Wasserzeichen; Google erstellt eine Green-List und eine Red-List von einigen tausend Wörtern, wobei die Worte auf der grünen Liste bei der Textgenerierung eher bevorzugt werden.
Kehlmann warnte bei der Creators Conference, dass LLMs inzwischen öfter vortäuschten, ein Mensch zu sein. Das Rezept dafür sei einfach: „Die KI muss einfach ein bisschen weniger höflich sein und ein paar Fehler machen. Dann denkt jeder, das ist ein Mensch.“ Das habe der britische Mathematiker Alan Turing schon 1950 beobachtet; der von ihm erfundene Turing-Test dient dazu, herauszufinden, ob ein Computer sich als Mensch ausgeben kann, ohne entlarvt zu werden. Es brauche, fordert Kehlmann, eine staatliche Regulierung auf EU-Ebene, die eine solche Verwendung von KIs ausschließe.
Was folgt daraus fürs Schreiben von Texten?
Seit dem 2. August 2026 gilt in der Europäischen Union der AI Act, eine Kennzeichnungspflicht für KI-erzeugte und KI-manipulierte Inhalte. Die Arbeit an dem Gesetz begann 2018, der erste Gesetzesvorschlag erfolgte 2021, die Regelungen wurden 2024 beschlossen. Kehlmann verwies bei der Veranstaltung deshalb darauf, dass diese Gesetze schon jetzt veraltet sein könnten, da die Entwicklung von künstlicher Intelligenz rasend schnell fortschreitet: „Es ist eine der großen technischen Revolutionen der Menschheit, ob wir das wollen oder nicht.“ Kehlmann, der zu Recherchezwecken durchaus auf künstliche Intelligenzen baut, räumte trotz seiner grundsätzlichen Neugier ein: „Wenn man mir einen Roman oder einen Film geben würde, die beide vollständig KI-generiert sind, hätte ich wenig Interesse daran“; Kunst beruht für ihn nach wie vor auf menschlicher Ansprache.
Einen Grenzfall markiert das Stück „Der Fall McNeal“ des US-amerikanischen Schriftstellers Ayad Akhtar. Das Theaterstück thematisiert den Einfluss von KI auf den Beruf des Autors. Akhtar schrieb fast den gesamten Text ohne Zuhilfenahme von künstlicher Intelligenz, nutzte aber ein LLM für den zweizeiligen Abschiedsmonolog der Hauptfigur. Auch im Stück lässt diese sich den Monolog von einer KI schreiben. In einem Talk im Berliner Deutschen Theater (DT) unter dem Titel „Art, AI, and the Stories We Tell“ äußerte sich Ayad Akhtar über die Arbeit am Stück. Er gab zu verstehen, dass es sehr lange gedauert habe, bis die KI zwei sehr gute Zeilen ausgespuckt habe. Erst im Kontext des gesamten Stückes konnte der Abschlussmonolog verfasst werden. Daniel Kehlmann fasste die Reaktion auf die maschinell generierten Zeilen in „Der Fall McNeal“ prägnant zusammen: Kollegen hätten angemerkt, dass diese beiden KI-generierten Zeilen ein Grund seien, sich das Stück nicht anzusehen.
Dogma25 – Rückkehr zu alter Kreativität
Eine Gegenentwicklung zu KI-basierten Modellen präsentierten Tom Tykwer, Kurdwin Ayub, Helene Hegemann, Nora Fingscheidt und İlker Çatak schon im Frühjahr 2026 mit dem neuen „Keuschheitsgelübde“ Dogma25, das sich auf die dänische Dogma95-Bewegung bezieht. Dessen Grundimpuls einer Restriktion beim Filmemachen wird von den fünf Dogma25-Gründern wieder aufgegriffen und um neue Regeln ergänzt. So sollen Filme auf einem handschriftlichen Skript beruhen, das ohne Zuhilfenahme des Internets entstanden ist. Auch darf es nicht länger als ein Jahr dauern, bis ein Film fertiggestellt ist.
Diese Rückbesinnung auf alte Produktionsweisen wird als Statement für die Kunst verstanden: „In einer Welt, in der formelhafte Filme, die auf Algorithmen und künstlich erzeugter visueller Ästhetik basieren, immer mehr an Bedeutung gewinnen, ist es unsere Mission, uns für das Unvollkommene, das Einzigartige und die menschliche Handschrift einzusetzen… Wir treten für das Kompromisslose und Unvorhersehbare ein und kämpfen gegen jene Kräfte, die darauf abzielen, die Filmkunst zu einem hochgradig standardisierten Konsumgut herabzuwürdigen.“ Um eine hohe Identifikation mit einem Film zu gewährleisten, dürfe das Filmteam deshalb auch nicht mehr als aus zehn Menschen bestehen.
Auch Regisseur İlker Çatak, einer der fünf Dogma25-Unterzeichner, gab bei der Creators Conference in München Einblicke in seine Arbeit. Er wehre sich in seinen Filmen gegen einfache Lösungen. Çatak distanzierte sich von eindimensionalen, instrumentalisierten Figuren. Es sei wichtig, mehrdimensionale Figuren zu schaffen und deren Ambivalenzen hervorzuheben. Das Leben sei ja auch nie eindeutig. In seinem aktuellen Film „Gelbe Briefe“ gerät ein gefeiertes Künstlerehepaar in der Türkei ins Visier des Staates. Während der Mann an seinen Überzeugungen festhält, sucht seine Frau finanzielle Unabhängigkeit und kehrt der politischen Kunst den Rücken. Çatak war es wichtig, dass beide Seiten des Künstlerpaars verständlich sind, damit man ihre jeweilige Situation und ihr Handeln nachempfinden kann. Von schlichten Unterscheidungen wie gut oder böse hält der Regisseur wenig, weshalb seine Filme fast zwangsläufig Diskussionen anstoßen.
Ambivalenz als Antwort
Çataks Antwort auf die Frage, was Kino für ihn bedeute, verwundert vor diesem Hintergrund nicht: „Für mich ist Kino der Raum, der mir gelassen wird, um mir den Rest auszumalen.“ Es liebe Filme, die keine Antworten präsentieren, sondern Fragen stellen. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu künstlich generierten Inhalten, denn KIs geben Antworten und werfen keine Fragen auf.
Quelle:
www.filmdienst.de



