Nach der heftigen Hitzewelle im Juni und den schweren Waldbränden im Süden Frankreichs setzt sich Europas Sommer der Klimakrisen fort.
Überall in Europa fehlt Wasser in den Flüssen. Rhein, Donau und Po verzeichnen historisch niedrige Wasserstände. Die Flüsse sind zentral für Güterverkehr, Landwirtschaft und Wasserversorgung. Und die Lage ist dramatisch.
Entlang der Donau können Fracht- und Kreuzfahrtschiffe an einigen Orten nicht mehr weiter fahren. In Ungarn, Rumänien und Kroatien tauchten sogar versunkene Schiffe und Autos wieder im trockenen Flussbett auf.
Dem offiziellen Niedrigwasserinformationssystem Niwis zufolge wird für die Donau nur an 2,4 Prozent der Messstellen kein Niedrigwasser verzeichnet.
Am Rhein-Pegel in Kaub im Westen Deutschlands wurde mit 24 Zentimetern ein Rekordtief gemessen. In den kommenden Tagen könnten die Werte auf 17 Zentimeter fallen.
An vielen Stellen im Flussbett, etwa in Köln und Düsseldorf, können Menschen inzwischen dort spazieren gehen, wo sonst starke Strömungen fließen.
Die Wasserkrise wird durch die Erderwärmung verstärkt, also durch das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas.
Auch die Natur leidet. Warum das die Kosten für sauberes Trinkwasser in die Höhe treiben kann und wie es weitergeht.
Die Folgen für die Natur
In Spanien, Frankreich, Italien, Deutschland und Osteuropa wird die anhaltende Trockenheit den Landwirten Millionen Hektar Getreideernte kosten.
Vertrocknete Felder, verlorene Ernten und trockengefallene Flussbetten gehören zu den sichtbarsten Folgen der Dürre.
Dabei leidet nicht nur die Wirtschaft, sondern ganze Ökosysteme.
Das Problem: Das verbleibende Flusswasser erwärmt sich stark, speichert weniger Sauerstoff und kann so Fischsterben verursachen, erklärt Jeanette Völker, Wissenschaftlerin beim Umweltbundesamt (UBA).
“Gerade am Rhein sieht man, wie die Kiesbänke trockenfallen. Das sind Habitate für Muscheln und wirbellose Tiere, die wiederum Nahrung für Fische sind. Dieses Trockenfallen ist eine massive Belastung. Muscheln können nicht so schnell ausweichen und sterben ab.”
Trockenheit, hohe Sonneneinstrahlung und hohe Nährstoffbelastungen durch Dünger aus der Landwirtschaft fördern außerdem massenhaftes Algenwachstum, so Völker.
Das zeigte sich schon 2022 an der Oder im Osten Deutschlands. Bei Hitze, niedrigen Wasserständen und Salzwassereinfluss vermehrte sich dort eine giftige, nicht heimische Alge mit dramatischen Folgen: Ganze Abschnitte des deutsch-polnischen Grenzflusses waren mit toten Fischen gesäumt. Rund 1.000 Tonnen Fisch verendeten.
Im Rhein gebe es derzeit jedoch noch ausreichend Sauerstoff, sodass ein ähnliches Desaster aktuell nicht absehbar sei.
Was trockenes Schilf mit den Trinkwasserpreisen zu tun hat
Der Rhein und die Donau werden von zahlreichen Nebenflüssen gespeist. Die aktuellen Bilder langer Sandstrände entlang des Rheins zeigen deshalb auch, wie schlecht es um die Wasserstände vieler Zuflüsse steht. Gerade sie sind für die Trinkwasserversorgung wichtig, auch weil ihre Ufer häufig noch bewachsen sind.
“Wir sind auf dieses Flusswasser angewiesen. Viel von unserem Trinkwasser ist sogenanntes Uferfiltrat”, erklärt Hagen Koch, Wissenschaftler für Klimaresilienz und Klimaanpassung am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung.
“Das heißt, in einiger Entfernung vom Fluss oder von Seen befinden sich Trinkwasserbrunnen. Dort wird Wasser gepumpt, das über viele Monate durch den Boden dorthin geflossen ist.” Das bedeutet: Schilf und Bodenschichten filtern das Wasser auf natürliche Weise vor.
Gleichzeitig steigen laut Völker die Schadstoffkonzentrationen, weil bei weniger Wasser ähnlich viel Abwasser eingeleitet wird. Dieses stammt beispielsweise aus Kläranlagen oder der Industrie.
“Wenn das Ökosystem beschädigt ist, also die Tiere und Pflanzen, die zur Wasserreinigung beitragen, bedeutet das erhebliche Mehrkosten. Für die Wasserversorgung von Millionen Menschen fallen dann zusätzliche Reinigungskosten an”, so Koch.
Der Klimawandelund beschädigte Ökosysteme erhöhen den Aufwand für die Trinkwasseraufbereitung. Branchenverbände rechnen deshalb mit Mehrkosten von bis zu 30 Prozent.
Bis 2035 könnten zusätzliche Investitionen von drei bis 14 Milliarden Euro nötig werden. Dazu gehören höhere Kosten für die Wasseraufbereitung, aber auch tiefere Leitungen und besser isolierte Wasserspeicher. So bleibt das Wasser auf konstant niedrigen Temperaturen, was das Wachstum von Keimen reduziert.
Für viele Branchen, darunter Bergbau und Landwirtschaft, gelten Ausnahmeregelungen. Sie beziehen in vielen Bundesländern Wasser, ohne dafür Entgelte zu zahlen.
In vielen deutschen Städten haben Behörden die Wasserentnahme aus Bächen und Flüssen für Privatpersonen stark eingeschränkt. Die Stadt Köln hat bereits im Juni wegen extremer Trockenheit die Entnahme von Wasser aus allen 24 Zuflüssen zum Rhein im Stadtgebiet verboten. Verstöße können mit bis zu 50.000 Euro geahndet werden.
Auch die Wirtschaft ächzt unter dem niedrigen Pegel
Der niedrige Wasserstand in deutschen Flüssen schadet der Wirtschaft schon heute erheblich.
Einige Schiffe fahren nur noch mit einem Fünftel ihrer üblichen Ladung. Das verzögert die Produktion und erhöht die Preise. Betroffen sind in Deutschland vor allem die Stahl-, Chemie- und Mineralölindustrie. Das Niedrigwasser gefährdet zunehmend auch die Energieversorgung.
Der ungarische Ministerpräsident Peter Magyar hat seine Landsleute und Unternehmen vergangene Woche zum Stromsparen aufgerufen. Dem Land drohe wegen der Abschaltung des Kernkraftwerks Paks infolge des niedrigen Donau-Pegels eine beispiellose Energiekrise.
Rumänien sprengt Steine: Was wirklich gegen Niedrigwasser hilft
Politiker versuchen derzeit mit kurzfristigen Maßnahmen auf die Situation zu reagieren. In Rumänien sprengte die Armee einen Felsen in einem Donauarm, um die Kühlwasserversorgung des Kernkraftwerks Cernavoda zu sichern.
Wegen zu wenig Kühlwasser drohte das Kraftwerk möglicherweise abgeschaltet werden zu müssen.
Bundesverkehrsminister hat Vertreter von Industrie, Häfen und Binnenschifffahrt zu einer Niedrigwasserkonferenz in Bonn eingeladen. Kurze und langfristige Lösungen sollen dort im Fokus stehen. Diskutiert wird auch eine Vertiefung der Fahrrinne des Rheins an besonders kritischen Stellen. So soll die Schifffahrt trotz Niedrigwassers aufrecht erhalte bleiben.
Umweltschützer haben dagegen zu Protesten gegen ein weiteres Ausbaggern des Rheins aufgerufen.
“Das sind kurzfristige Maßnahmen, die langfristig wenig bringen.” Hier muss man fragen, ob das nur “Aktionismus” ist, der manchmal wenig bringe oder langfristig sogar ins Gegenteil wirke. Auch der Frage des Klimaschutzes werde aktuell zu wenig Raum gegeben.
Kritiker warnen, dass tiefere Fahrrinnen den Wasserabfluss beschleunigen, das Grundwasser senken und Auen schneller austrocknen lassen. Sie fordern stattdessen eine Umstellung der Schifffahrt auf Schiffstypen, die für Niedrigwasser optimiert sind, sowie eine Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene. Auch Koch plädiert für Schiffe mit geringerem Tiefgang, verweist jedoch auf hohe Investitionen und lange Umsetzungszeiten.
Für Jeanette Völker führt kein Weg daran vorbei, die künstliche Begradigung von Flüssen teilweise rückgängig zu machen, um mehr Wasser in der Landschaft zu speichern. Außerdem müssten die Randbereiche großer Flüsse stärker in den Blick genommen werden.
Gerade rund um die zahlreichen Zuflüsse sei es wichtig, Feuchtgebiete zu erhalten, Moore wieder zu vernässen und Flüsse zu renaturieren, um den Landschaftswasserhaushalt zu verbessern. Davon könnte in Dürrephasen auch der Wasserstand im Rhein profitieren.
Angesichts der aktuellen Entwicklung rät Koch zudem dort, wo es ökologisch vertretbar ist, den Bau von Wasserspeichern und Talsperren zu prüfen.
Und letztlich bleibt der Klimaschutz entscheidend. Denn ohne ihn könnten viele Investitionen sprichwörtlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein.
Quelle:
www.dw.com



