Aus dem Schatten ihrer berühmten Eltern Roberto Rossellini und Ingrid Bergman spielte sich Isabella Rossellini endgültig mit ihrem suggestiven Auftritt in „Blue Velvet“ frei. Durch eine ambitionierte Rollenauswahl schaffte sie es im Verlauf ihrer langen Karriere außerdem, nicht auf ihre Supermodel-Schönheit reduziert zu werden. In jüngerer Zeit glänzte sie zudem mit eigenen künstlerischen Projekten, in die sie ihre Faszination für die Verhaltensforschung einfließen ließ.
Ihr erster Auftritt ist eigentlich kein wirklicher Auftritt, eher eine Abschottung – oder vielmehr der Versuch, ein Eintreten zu verhindern. „Yes, what is it?“, fragt Isabella Rossellini durch den schmalen Spalt einer Wohnungstür. Von dem Gesicht der Frau, die sie spielt, ist in diesem Moment kaum die Hälfte zu sehen: ein rot geschminkter Mund, der Ansatz ihrer dichten schwarzen Locken und ein erschrockenes Auge, der Rest verschwindet im Dunkeln. Die Frau, deren bloßer Name, Dorothy Vallens, bereits ein unergründliches Schillern umgibt, will den vor der Tür stehenden Jeffrey (Kyle MacLachlan) – und das Publikum – gar nicht hineinlassen. Aber das ist unmöglich. Dorothy Vallens hat die Wirkmacht eines Magneten. Jeffrey, die Zuschauer und den Film zieht es unaufhaltsam hinein, auf die andere Seite der Tür.
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Ihre wahre Existenz im Kino beginnt mit „Blue Velvet“
Isabella Rossellini, geboren am 18. Juni 1952 in Rom als Tochter berühmter Eltern – des Regisseurs Roberto Rossellini und der Schauspielerin Ingrid Bergman –, hatte schon ein paar Rollen gespielt, etwa bei Vincente Minnelli und den Gebrüdern Taviani, doch ihre wahre Existenz im Kino beginnt erst mit „Blue Velvet“ (1986) von David Lynch. Als misshandelte Nachtclubsängerin Dorothy Vallens verstört sie mit widersprechenden Zeichen: verletzlich und fordernd, glamourös und sichtbar beschädigt. Ein Opfer brutaler sexualisierter Gewalt, das selbst virusartig vom Spiel der Gewalt befallen wird. Rossellini wollte, so hat sie es später erzählt, sowohl wie eine gevierteilte Kuh aussehen, die in einer Metzgerei hängt, als auch anziehend wirken. Für die Szene, in der sie schwer verwundet splitternackt durch einen Vorgarten taumelt, hatte sie ein drastisches Foto aus dem Vietnamkrieg im Kopf: Ein Mädchen rennt nach einem Napalm-Angriff weinend auf die Kamera zu, ihre Haut hängt in Fetzen herab.
Die Filmografie von Isabella Rossellini umfasst mehr als hundert Titel. Sie spielte besorgte Ehefrauen, Geliebte von Gangstern, Nonnen und die 71-jährige Hüterin eines magischen Elixiers der ewigen Jugend. Noch in den kleinsten Nebenrollen, selbst in den belanglosesten Filmen, umgibt sie ein inneres Glimmen. Doch so intensiv und glaubwürdig sie ihre Figuren auch verkörpert: Das Schauspiel als sichtbares Spiel zieht sich durch nahezu alle Rollen.
Rossellinis hypnotische Qualität liegt weniger in einem authentischen Ausdruck verborgen als in einer Uneigentlichkeit, einem prononcierten „als ob“. Ihr eigenwilliger Akzent – Rossellini wuchs mit Französisch und Italienisch auf, lernte Englisch zuerst in Schweden, bevor sie nach New York zog – verleiht den Figuren, die sie spielt, ein zusätzliches Element von Mysterium und Exotik. Unter anderem spielte sie mit russischem, deutschem und ungarischem Akzent. Manchmal intoniert sie ihre Stimme wie eine beschwörende Märchenerzählerin.
Auf die Schauspielerei angewandtes Modeling
Prägend für Rossellinis Darstellung ist das (Körper)bewusstsein des Models, dem Beruf vor (und neben) ihrer Karriere als Schauspielerin. Für Modemagazine und Cover stand sie für Fotograf:innen wie Richard Avedon, Annie Leibovitz, Peter Lindbergh und Ellen von Unwerth vor der Kamera. Und bis zu ihrer Entlassung kurz nach ihrem 40. Geburtstag war sie vierzehn Jahre das exklusive Werbegesicht für die französische Kosmetikfirma Lancôme; rund zwei Jahrzehnte später wurde sie erneut engagiert.
In „Wild at Heart“ (1990), ihrer zweiten Zusammenarbeit mit David Lynch, mit dem sie in dieser Zeit auch eine private Beziehung verband, tritt sie in einer kleinen, aber umso markanteren Nebenrolle auf: als Perdita Durango. Wie in „Blue Velvet“ trägt sie eine Perücke, dieses Mal ein leuchtend gelb-blondes zotteliges Ding, unter dem ihre schwarzen Haare hervorschauen. Die Technik, mit der sich Rossellini der abstoßend schönen Figur annäherte – Vorlage waren die Selbstporträts der Malerin Frida Kahlo –, nennt Rossellini „auf die Schauspielerei angewandtes Modeling“. Ihre Vorliebe für Lügen – ein Lieblingswort in ihrer Autobiografie „Some of Me“ –, so Rossellini, treibe sie in beiden Berufen an.
Oft verbinden sich Rossellinis Nähe zu Grenzüberschreitung und Verwandlung mit Skurrilität und Komik. In den Filmen des kanadischen Experimentalfilmers Guy Maddin, mit dem sie wiederholt zusammenarbeitet, erhält sie den Raum, diese Seite frei zu entfalten. Auf „The Saddest Music in the World“ (2003) folgte mit „My Dad is 100 Years Old“ (2005) Rossellinis persönliche Hommage an ihren Vater Roberto Rossellini. Dieser Film ist eine denkbar unhagiografische Form der Nachlassarbeit, liebevoll und kauzig. In den „Hosenrollen“ von Fellini, Chaplin und Hitchcock spricht sie mit verstellter Stimme mit ihrem Vater, verkörpert durch einen riesigen sprechenden („schwangeren“) Bauch, über Neorealismus und anderes.
Wechsel auf den Regiestuhl
Nachdem interessante Rollenangebote ab dem 50. Lebensjahr deutlich abnahmen, begann die studierte Verhaltensforscherin – Rossellini hat einen Master in Animal Studies– eigene Filme zu drehen. Die Kurzfilmserien „Green Porno“ (2008), „Seduce me“ (2010) und „Mammas“ (2013) kreisen in Form skurriler Zoologie-Lektionen um die Komplexität und Vielfalt nicht-menschlicher Lebewesen. In absurd komischen Tierkostümen und Kulissen aus Stoff und Papier schlüpft Rossellini in die Rollen von Fliege, Regenwurm, Wal und Bettwanze und führt mit riesigen Kugeln auf den Augen oder in Wollschläuche gezwängt, in die exzentrischen Paarungsrituale der (vielfach queeren) Tier-, Meeres- und Insektenwelt ein.
Parallel zu ihren zahlreichen Aktivitäten – vom Beauty-Podcast über die One-Woman-Show „Darwin’s Smile“ bis hin zu Social-Media-Videoclips mit Schafen, Hühnern und anderen Lebewesen auf ihrer biologischen Farm in Brookhaven, Long Island – hat sich Rossellinis Karriere als Schauspielerin vor einigen Jahren bemerkenswert wiederbelebt. Die besorgte jüdische Mutter in James Grays „Two Lovers“ (2008) und die melancholische Aristokratin Flora in „La Chimera“ (2023) von Alice Rohrwacher zählen zu ihren schönsten Rollen. Spektakulär ist ihr Auftritt in „Joy“ (2015) von David O. Russell.
In Edward Bergers „Konklave“ (2024) lässt Rossellini das Spiel der männlichen Stars nach einer ziemlichen Anstrengung aussehen. Ihre subtile Darstellung einer Nonne, die unsichtbar – fürs Publikum aber umso sichtbarer – im Hintergrund werkelt, bevor sie vor den versammelten Kardinälen ihre Stimme erhebt, wurde prompt mit einer „Oscar“-Nominierung bedacht. Derzeit steht sie für „Three Incestuous Sisters“ vor der Kamera, ihre zweite Zusammenarbeit mit Alice Rohrwacher. Drehort ist unter anderem die Vulkaninsel Stromboli, wo die Beziehung ihrer Eltern und in gewisser Weise auch die Geschichte von Isabella Rossellini begann.
Quelle:
www.filmdienst.de



