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Analyse & RecherchenInterviewsGianni Infantino: Der mächtigste Mann im Weltfußball

Gianni Infantino: Der mächtigste Mann im Weltfußball

Gianni Infantino steht als FIFA-Präsident weiter im Amt. Trotz massiven Drucks, insbesondere aus Europa, sprach ihm die FIFA-Geschäftsleitung nach einer Krisensitzung in Rabat am Mittwoch geschlossen das Vertrauen aus. Auslöser der Krise waren die Pläne des Weltverbands, Teile des Geschäfts mit der Männer-Weltmeisterschaft an private Investoren zu verkaufen.

Woher kommt Gianni Infantino?

Giovanni Vincenzo Infantino wurde am 23. März 1970 in Brig in der Schweiz als Sohn italienischer Eltern geboren. Viele Jahre später berichtete er als FIFA-Präsident, dass er in seiner Kindheit in der Schweiz wegen seiner italienischen Herkunft diskriminiert wurde. Infantino studierte Rechtswissenschaften an der Universität Freiburg in der Schweiz, bevor er 1997 Generalsekretär des Internationalen Zentrums für Sportstudien an der Universität Neuenburg wurde.

Was machte Infantino vor seiner Zeit bei der FIFA?

Infantino, der sechs Sprachen spricht, wechselte im Jahr 2000 zur UEFA, dem europäischen Fußballverband. Dort arbeitete er sich bis zum Generalsekretär hoch, ein Amt, das er ab 2009 innehatte.

Unter UEFA-Präsident Michel Platini stand Infantino meist nicht im Rampenlicht. Dennoch wurde er vielen Fußballfans in Europa ein Begriff, weil er regelmäßig die Auslosungen der Champions League und der Europameisterschaften moderierte, die live im Fernsehen übertragen wurden.

Wie wurde Infantino FIFA-Präsident?

Den Weg an die Spitze des Weltverbands ebnete der FIFA-Korruptionsskandal von 2015. Mehrere Funktionäre wurden angeklagt, sieben von ihnen kurz vor dem FIFA-Kongress zur Präsidentenwahl in einem Hotel in Zürich festgenommen. Zwar wurde Sepp Blatter zunächst für eine fünfte Amtszeit wiedergewählt, wenige Tage später kündigte er jedoch seinen Rücktritt an. Deshalb setzte die FIFA für Februar 2016 einen außerordentlichen Kongress an.

Als Infantino seine Kandidatur bekannt gab, galt er zunächst als Außenseiter. Favorit war sein damaliger Chef bei der UEFA, Michel Platini. Dieser zog seine Bewerbung jedoch einen Monat vor der Wahl zurück, nachdem sowohl er als auch Blatter wegen einer umstrittenen Geldzahlung von der Ethikkommission gesperrt worden waren. 

Der ehemalige Fifa-Präsident Sepp Blatter steigt aus einem Auto
Sepp Blatter, der die FIFA im Schatten eines Korruptionsskandals verließ, zählt zu den Kritikern InfantinosBild: Stefan Wermuth/REUTERS

In den Tagen vor der Abstimmung galt Scheich Salman bin Ibrahim al Chalifa aus Bahrain als Favorit unter den sieben Kandidaten. Infantino gewann die Wahl schließlich im zweiten Wahlgang. Er war mit dem Versprechen angetreten, den von Skandalen erschütterten Weltverband zu reformieren und die Zahlungen an die Mitgliedsverbände zu erhöhen.

“Wir werden das Ansehen und den Respekt für die FIFA wiederherstellen. Die ganze Welt wird uns für das applaudieren, was wir künftig bei der FIFA erreichen werden”, sagte Infantino damals vor den Delegierten im Zürcher Hallenstadion.

Was hat Infantino als FIFA-Präsident erreicht?

Unter Infantino erzielte die FIFA in den vergangenen zehn Jahren Rekordeinnahmen. Ihren bisherigen Höhepunkt erreichten sie mit der Weltmeisterschaft 2026, dem ersten Turnier mit 48 Mannschaften und 104 Spielen. Vier Jahre zuvor in Katar hatten noch 32 Teams teilgenommen und 64 Partien bestritten.

Das größere Teilnehmerfeld sorgte zwangsläufig für höhere Einnahmen. Hinzu kam das dynamische Preissystem für WM-Tickets, das zu teils drastischen Preissteigerungen führte. Zudem stieg die FIFA selbst in den Ticket-Zweitmarkt ein und kassierte bei jedem Verkauf jeweils 15 Prozent vom Käufer und vom Verkäufer.

Die endgültigen Einnahmen wird die FIFA erst mit ihrem Geschäftsbericht für 2026 veröffentlichen. Sie dürften die rund 5,8 Milliarden US-Dollar aus dem WM-Jahr 2022 deutlich übertreffen. Infantino selbst sprach zuletzt von einer Summe, die etwa doppelt so hoch ausfallen könnte.

Welche Kontroversen gab es?

Während der Weltmeisterschaft geriet Infantino in die Kritik, weil er für Spielbesuche quer durch die USA flog. Umweltorganisationen schätzen, dass seine Flüge zwischen 300 und 500 Tonnen Kohlendioxid verursacht haben.

Für eine andere der großen Debatten des Turniers sieht sich Infantino dagegen nicht verantwortlich. Die Sperre von US-Stürmer Folarin Balogun nach dessen Roter Karte im Sechzehntelfinale gegen Bosnien und Herzegowina wurde nach einem Anruf von US-Präsident Donald Trump ausgesetzt, der eine “Überprüfung” verlangt hatte. Infantino betonte anschließend, die Entscheidung sei von einem unabhängigen FIFA-Gremium getroffen worden.

Folarin Balogun (r.) sieht im Spiel gegen Bosnien und Herzegowina die Rote Karte
Die Sperre von US-Stürmer Folarin Balogun (r.) wurde nach einem Anruf von Donald Trump bei Gianni Infantino ausgesetztBild: Phil Noble/REUTERS

Auch die Trinkpausen, die die Spiele faktisch in vier Viertel teilten, kamen bei vielen Fans schlecht an. Weitere Kritik entzündete sich daran, dass Infantino sich nicht in Streitigkeiten um Visa für reisende Fans, Funktionäre und einen Schiedsrichter aus Somalia sowie um den Umgang mit der iranischen Nationalmannschaft in den USA einschaltete.

Schon vor der WM 2026 hatte Infantino mehrfach für negative Schlagzeilen gesorgt. Zu den bekanntesten Kontroversen zählen:

Bereits wenige Wochen nach seinem Amtsantritt 2016 sprach ihn die FIFA-Ethikkommission von Vorwürfen im Zusammenhang mit der Nutzung von Privatjets frei.
Vor dem FIFA-Kongress 2017 in Bahrain setzte Infantino die Vorsitzenden der Ethikkommission, Hans-Joachim Eckert und Cornel Borbely, ohne Begründung ab.
Ein Jahr später verständigte er sich grundsätzlich mit einem Finanzkonsortium aus dem Nahen Osten und Asien auf einen Deal über die Vermarktungsrechte der Klub-WM und einer globalen Nations League. Das Geschäft hätte Berichten zufolge ein Volumen von 25 Milliarden US-Dollar gehabt, kam letztlich jedoch nicht zustande.
Im Juli 2020 warf die Schweizer Bundesanwaltschaft Infantino vor, durch geheime Treffen mit Bundesanwalt Michael Lauber Amtsmissbrauch begünstigt zu haben. Drei Jahre später wurde das Verfahren mangels Beweise eingestellt.
Für besonders viel Kritik sorgte schließlich die Auslosung der Weltmeisterschaft im Dezember 2025. Dort überreichte Infantino US-Präsident Donald Trump den neu geschaffenen FIFA-Friedenspreis. Für viele Kritiker war dies der vorläufige Höhepunkt der viel kritisierten engen Beziehung zwischen dem FIFA-Präsidenten und Trump.

Warum geriet Infantino unter Rücktrittsdruck?

Infantinos Probleme begannen mit den Plänen, Teile des WM-Geschäfts an Investoren zu verkaufen. Die UEFA verurteilte das Vorhaben innerhalb weniger Minuten, bevor sie später mit einem Boykott sämtlicher FIFA-Wettbewerbe drohte – einschließlich der Männer- und Frauen-Weltmeisterschaften.

UEFA-Präsident Aleksander Ceferin (l.) und FIFA-Präsident Gianni Infantino (l.) stehen beim EM 2024-Spiel Schweiz gegen Italien nebeneinander
UEFA-Präsident Aleksander Ceferin (l.) stellte sich gegen die Pläne von FIFA-Präsident Gianni Infantino (r.)Bild: Nick Potts/PA Images/IMAGO

Nachdem Infantino die Pläne wieder aufgegeben hatte, verschärfte die UEFA ihren Ton. Sie erklärte, das Vertrauen in die “derzeitige FIFA-Führung” verloren zu haben. Die Aufgabe, das Vertrauen in die FIFA wiederherzustellen, habe gerade erst begonnen. Zudem drohte Europas Fußballverband über seine Anwälte in den USA mit rechtlichen Schritten gegen den aus seiner Sicht “dubiosen, hinter verschlossenen Türen ausgehandelten und intransparenten Deal”.

Wie gelang es Infantino, seine Position zu festigen?

Der FIFA-Präsident berief am Mittwoch in Rabat führende Funktionäre des Weltverbands zu einer Krisensitzung ein. In der anschließend veröffentlichten Erklärung räumte die FIFA ein, dass im Zusammenhang mit den Plänen für private Investoren “Fehler gemacht wurden” und der “Prozess anders hätte gehandhabt werden müssen”.

Zugleich hieß es, die Teilnehmer hätten dem Präsidenten “erneut ihre volle Unterstützung” ausgesprochen. Außerdem betonte die FIFA, sie werde “keine Angriffe auf ihre Integrität, ihre gute Regierungsführung und rechtsstaatlichen Verfahren mehr dulden” und alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um ihren Namen und ihren Ruf zu schützen.


Quelle:

www.dw.com