Der Krieg gegen Iran war in den USA von Anfang an unbeliebt. Doch auch viele in den Streitkräften traf er offenbar wie ein Schock. Zahlreiche Soldaten versuchen nun, den Kriegsdienst zu verweigern.
Taylor Highland, Mitte 30, traf die Entscheidung zum Ausstieg aus den Streitkräften im Frühjahr, nachdem die USA und Israel den Krieg gegen Iran begonnen hatten. Auslöser war der Angriff auf eine Mädchenschule im südiranischen Minab, gleich am ersten Kriegstag. Mehr als 150 Menschen kamen ums Leben, die meisten von ihnen Kinder.
Highland – nicht sein richtiger Name – sagt, dass ihn dieser Vorfall fassungslos gemacht habe. Er beschloss, sich die Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung genauer anzusehen: “Ich wollte herausfinden, ob meine Überzeugungen deckungsgleich sind mit den Gründen, mit denen der Dienst an der Waffe üblicherweise verweigert wird.”
Gehen, “selbst wenn ich der Einzige bin”
Taylor Highland ist in Texas stationiert und Familienvater. Die Armee hat sein Medizinstudium bezahlt, im Gegenzug dient er beim Militär. Seit mehr als zehn Jahren ist er dabei.
Dort, wo Highland als Jugendlicher aufwuchs, galt der Militärdienst als der “Gipfel des Patriotismus”, erzählt er. Ob der Pfarrer in der Kirche, der Anführer bei den Pfadfindern oder andere Erwachsene mit Vorbildcharakter – alle waren Veteranen: “Es fügte sich zusammen, dass ich Geld für das Studium brauchte und als Jugendlicher diese Werte vermittelt bekommen hatte. In das Militär einzutreten, erschien mir als eine gute Möglichkeit, meinem Land zu dienen.”
Jetzt wartet Highland auf die Entscheidung, ob sein Antrag auf Kriegsdienstverweigerung genehmigt wurde. Zwar liebe er es, als Arzt Menschen zu helfen. Doch die Rolle eines Arztes beim Militär begann er irgendwann zu hinterfragen: “Ich half den Menschen bei der Genesung, aber es ging dabei immer nur darum, dass sie sich gerade so weit erholten, um wieder von anderen beschossen zu werden oder wieder auf andere schießen zu können.”
Egal, ob in einem militärischen Konflikt Zivilisten oder Soldaten zu Schaden kommen – beides nehme die Gesellschaft auf eine zu leichte Schulter, meint Highland. Deshalb sei ihm irgendwann klar geworden, dass er gehen müsse – selbst wenn er der Einzige sei.
Zahl der Verweigerer nicht bekannt
Als Kriegsdienstverweigerer die US-Streitkräfte zu verlassen, ist grundsätzlich möglich. Doch das Verfahren ist langwierig. Meistens dauert es viele Monate, bis ein Antragsteller seinen Bescheid erhält, manchmal sogar noch länger. Während des Vietnam-Kriegs wählten Hunderttausende diesen Weg, um die Wehrpflicht zu vermeiden.
1973 wurde die Wehrpflicht abgeschafft. Deshalb sind es nun Soldaten im aktiven Dienst, die auf diese Weise das Militär vorzeitig verlassen wollen.
Unter seinen Kameraden ist Taylor Highland nicht der Einzige, der den Weg der Kriegsdienstverweigerung eingeschlagen hat. Allein er persönlich kenne etwa zwölf Soldaten, die ebenfalls diesen Weg gehen, sagt er. Und die würden wiederum andere kennen, die den Antrag entweder bereits gestellt haben oder darüber nachdenken.
In absoluten Zahlen mag das wenig sein angesichts der Tatsache, dass rund 1,3 Millionen Menschen im US-Militär dienen. Auch ist nicht bekannt, wie viele Soldaten jedes Jahr einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung stellen. Und ganz grundsätzlich gilt diese Möglichkeit des Ausstiegs als eine, die selten genutzt wird.
Bill Galvin sagt, die derzeitige Politik des Pentagons schade der Moral unter den Soldaten.
“Will nicht Teil einer Organisation sein, die so etwas tut”
Doch auch Bill Galvin berichtet, dass die Stimmung in der US-Truppe schlecht sei. Galvin, Mitte 70, arbeitet in Washington bei der GI Rights Hotline, einer Art Sorgentelefon für Militärangehörige. Früher habe man innerhalb von ein oder zwei Wochen ein oder zwei Anrufe bekommen, berichtet er. Jetzt riefen jeden Tag mehrere Soldaten an, um sich zu erkundigen, wie sie den Dienst verweigern könnten:
Vor allem der Angriff auf die Mädchenschule – das spricht fast jeder an und sagt: Ich will nicht Teil einer Organisation sein, die so etwas tut.
Allein im März, dem ersten Kriegsmonat, übernahm Galvins Organisation mehr als 80 neue Fälle zur weiteren Beratung – also Soldaten, die verweigern wollen. Das sind fast doppelt so viele wie sonst im ganzen Jahr.
Im Dezember erklärte das Pentagon, alle Teilstreitkräfte hätten ihre Jahresziele für die Anwerbung erreicht. Aber ob auch genügend Soldaten dabeibleiben oder ihren Vertrag verlängern – dazu gibt es keine offiziellen Zahlen. Nach Angaben des Ministeriums besteht allerdings auch da kein Grund zur Sorge.
Auswirkungen von Hegseths interner Politik
Unter Verteidigungsminister Pete Hegseth weht ein neuer Wind in der Armee. Hegseth hat allem, was er für “woke” hält, den Kampf angesagt, inklusive aller Anstrengungen für Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion.
Damit habe die Administration das Militär in die Kulturkämpfe gezogen, die in der US-Gesellschaft ausgefochten werden, sagte Kori Schake vom konservativen American Enterprise Institute, einer Denkfabrik in Washington, kürzlich dem Sender NPR. Spötter nennen Hegseth, der von der US-Regierung “Kriegsminister” genannt wird, den “Minister für Kulturkämpfe”.
Auch Galvin von der GI Rights Hotline hält Hegseths Kurs für falsch. Nach allem, was er täglich am Telefon höre, schade die Politik des Ministers der Moral unter den Soldaten: “Selbst, wenn man aus einem konservativen Umfeld kommt und vielleicht Sympathien für die Anti-Woke-Perspektive hegt, ist man unter Umständen in einer Einheit, in der einige der Leute, denen man sehr nahe steht, vielleicht schwul oder lesbisch sind. Da durchschaut man dann einige dieser Parolen.”
Einsätze unter Trump “beschädigen Kampfgeist”
Kritiker sagen: Den Kampfgeist der Truppe beschädigt hat es ebenfalls, dass die Regierung unter US-Präsident Donald Trump rechtlich fragwürdige Einsätze anordnete – wie die Stationierung der Nationalgarde in US-Städten, die Luftschläge gegen angebliche Drogenschmuggler in der Karibik, der Angriffskrieg gegen Iran.
Diesen Konflikt sähen viele seiner Kameraden skeptisch, berichtet Taylor Highland: “Sie sind nicht ganz überzeugt davon, warum das passiert. Das macht es ihnen schwer, all das andere zu rechtfertigen, was mit den Handlungen in einem Konflikt zusammenhängt.”
Eigentlich hätte Highland nur noch ein Jahr bei den Streitkräften gehabt. Weil er vorzeitig raus will, wird er die Kosten für sein Studium zurückzahlen müssen. Als Arzt kein Problem, sagt er, da sei er privilegiert. Er empfiehlt anderen Soldaten, die Zweifel an ihrer Arbeit bekommen, sich beraten zu lassen. Schließlich seien sie nicht allein.
US-Verteidigungsministerium oder Kriegsministerium?
Die von Präsident Trump vorangetriebene Umbenennung des US-Verteidigungsministeriums in Kriegsministerium (Department of War) geht voran. Die gesetzliche Grundlage nahm im Repräsentantenhaus die erste Hürde, nun muss nur der Senat noch zustimmen. Bereits im Herbst 2025 verfügte Trump per Dekret die Umbenennung. Wer unmittelbar nach der Unterzeichnung des Dekrets den X-Account des Ministeriums und die Website aufrief, sah den neuen Namen.
Solange aber die offizielle Umbenennung per Gesetz noch ausstand, wurde in Nachrichtentexten auf tagesschau.de überwiegend die bisherige Bezeichnung Verteidigungsministerium oder Pentagon verwendet, oft verbunden mit dem Zusatz, dass sich das Ministerium selbst Kriegsministerium nennt. Bei der schriftlichen Einblendung des Titels in Fernsehbeiträgen der tagesschau kam die Bezeichnung zum Einsatz, die auch die jeweilige Institution benutzt, also Kriegsministerium bzw. Kriegsminister Hegseth.
Sobald das entsprechende Gesetz auch die zweite US-Kammer passiert hat, ist die Namensänderung offiziell – und Pete Hegseth damit Kriegsminister. Der Name Kriegsministerium in den USA ist nicht neu. Er wurde auch bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg verwendet.
Quelle:
www.tagesschau.de



