“In Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es jeder einsehen.” Das notierte Theodor Herzl 1897 in seinem Tagebuch, nach dem ersten Zionistenkongress in Basel, dessen Hauptinitiator und Mitorganisator er war.
51 Jahre später, am 14. Mai 1948, als David Ben-Gurion in Tel Aviv den Staat Israel ausrief, hing über seinem Kopf nur ein einziges gerahmtes Foto – das Porträt des Begründers des politischen Zionismus, Theodor Herzl.
Heute, am 5. August 2026, genau 77 Jahre nachdem Herzl selbst in Jerusalem beigesetzt wurde, werden bei einer offiziellen Staatszeremonie die sterblichen Überreste von Simon und Rivka Herzl, seinen Großeltern, neben ihm bestattet. Israelischen Medienberichten zufolge wird die Zeremonie von Staatspräsident Izchak Herzog im Beisein von Premierminister Benjamin Netanjahu und weiteren hochrangigen Regierungsvertretern geleitet.
Würdevoller Abschied in Belgrad
Simon und Rivka Herzl waren vor wenigen Tagen in Belgrad, der Hauptstadt Serbiens, exhumiert worden, wo sie auf dem jüdischen Friedhof im Bezirk Zemun ruhten. Bei der Abschiedszeremonie am 30. Juli 2026 sprach Jakov Hagoel, der Vorsitzende der Zionistischen Weltorganisation, deren erster Präsident einst Theodor Herzl war, dem serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic und dem serbischen Außenminister Marko Djuric seinen Dank aus. Er würdigte ihre Unterstützung bei der Erfüllung von Theodor Herzls letztem Wunsch sowie ihre aufrichtige Freundschaft gegenüber Israel.
Die israelische Botschafterin in Serbien, Avivit Bar-Ilan, erinnerte daran, dass Simon und Rivka Herzl mehr als ein Jahrhundert lang in aller Würde auf dem jüdischen Friedhof in Zemun ruhten. Die jüdische Gemeinde in Serbien, deren Oberrabbiner Isak Asiel ebenfalls an der Verabschiedung teilnahm, habe das Andenken an sie stets treu bewahrt.
Serbiens Außenminister Marko Djuric erinnerte in einer Mitteilung seines Ministeriums daran, dass Serbien 1917 das erste Land war, das die Balfour-Deklaration und das Recht des jüdischen Volkes auf die Schaffung einer eigenen Heimstätte unterstützte. “In diesen schwierigen Zeiten, in denen das jüdische Volk in vielen Teilen der Welt mit einem beispiellosen Druck konfrontiert ist, steht Serbien stolz an der Seite des jüdischen Volkes”, so Djuric.
Die Verbindung der Familie Herzl zu Belgrad bleibt dauerhaft und sichtbar. Im Juli 2018, während des ersten Besuchs eines israelischen Staatsoberhaupts in Serbien, weihte Israels damaliger Präsident Reuven Rivlin gemeinsam mit seinem serbischen Amtskollegen Vucic feierlich die Theodor-Herzl-Straße in Zemun ein.
Die Wurzeln der Familie Herzl in Zemun
Die Familie Herzl ließ sich Mitte des 18. Jahrhunderts in Zemun nieder, das damals am Rande der Habsburgermonarchie an der Grenze zum Osmanischen Reich lag. Großvater Simon Herzl (1797-1879) war ein prominentes Mitglied der dortigen jüdischen Gemeinde – und ein Gefolgsmann und enger Freund des aus Sarajevo stammenden berühmten Rabbiners Jehuda Schlomo Alkalai.
Alkalai gilt heute als einer der ersten Pioniere des modernen Zionismus. Jahrzehnte bevor Theodor Herzl den politischen Zionismus formulierte, schrieb und predigte er in Zemun über die Notwendigkeit der physischen Rückkehr der Juden in das Heilige Land und der Wiedererrichtung des Staates Israel. Zudem reiste er durch Europa, um Unterstützung für seine Ideen zu gewinnen. Historiker gehen davon aus, dass der junge Theodor Herzl über seinen Großvater Simon mit Alkalais Ideen in Berührung kam.
Von der Assimilation zum Zionismus
Theodor Herzls Vater Jakob wurde in Zemun geboren und zog später in die ungarische Hauptstadt Budapest, wo 1860 sein Sohn Theodor zur Welt kam. Anschließend zog die wohlhabende Familie nach Wien, wo Theodor im Alter von 24 Jahren in Rechtswissenschaften promovierte. Er war sich des wachsenden Antisemitismus in Österreich-Ungarn durchaus bewusst und merkte schnell, dass für Juden eine Karriere in der Justiz sowie in anderen staatlichen Institutionen nur begrenzt möglich war. Er arbeitete fortan als Journalist und Schriftsteller.
Dennoch glaubte Herzl – wie der Großteil der gebildeten Elite der liberalen europäischen Juden an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert – zunächst, dass die vollständige Assimilation in die europäischen Gesellschaften das Problem des Antisemitismus dauerhaft lösen würde. Die radikale Kehrtwende in seinem Denken vollzog sich in Paris. Als Korrespondent der Wiener Zeitung Neue Freie Presse wohnte Herzl im Januar 1895 persönlich der öffentlichen militärischen Degradierung von Alfred Dreyfus bei, einem französischen Hauptmann jüdischer Herkunft, der fälschlicherweise des Hochverrats zugunsten Deutschlands beschuldigt wurde.
Der Antisemitismus und die Massenhysterie, die diese Affäre im Herzen des liberalen Frankreich begleiteten, erschütterten Herzl zutiefst. Er erkannte, dass Assimilation keinen Schutz bot – und schloss daraus, dass Juden nur dann langfristig sicher sein können, wenn sie einen eigenen Staat besitzen. Bereits im folgenden Jahr veröffentlichte er sein programmatisches Werk “Der Judenstaat” und gründete kurz darauf die Zionistische Organisation (ZO). Unermüdlich versuchte er, die Unterstützung der damaligen Weltmächte zu gewinnen, führte Verhandlungen mit dem deutschen Kaiser, dem osmanischen Sultan und dem Papst.
Herzl starb 1904 im Alter von nur 44 Jahren in Wien. In seinem Testament verfügte er, eines Tages in Israel bestattet zu werden – und dass seine Liebsten an seiner Seite ruhen sollten. Dieser Wunsch wurde ihm erfüllt: An zentraler Stelle auf dem Herzlberg in Jerusalem, dem Nationalfriedhof und Pantheon Israels, liegen neben ihm seine Eltern, seine Ehefrau, zwei seiner drei Kinder und sein einziger Enkel. Eine Tochter und ein Schwiegersohn wurden im Holocaust ermordet; ihr Grab ist unbekannt. Nun ruhen auch Großvater Simon und Großmutter Rivka dort, wo ihr Enkel vor mehr als einem Jahrhundert die Zukunft seines Volkes – der Juden – vorausgesehen hat.
Quelle:
www.dw.com




