Tourreporterin
Marlen Reusser ist die Lokalmatadorin beim Grand Départ in der Schweiz und gilt als eine der Favoritinnen auf das Gelbe Trikot. Als Edelhelferin steht ihr Liane Lippert zur Seite. Doch ein Sturz hätte fast alles zunichte gemacht.
Es gehört dazu wie das Amen in der Kirche: Jedes Jahr laden die Tour-Organisatoren am Tag vor dem Grand Départ zu einer Pressekonferenz mit den Fahrerinnen ein, die sie für die Top-Favoritinnen auf den Gesamtsieg halten. Mit dabei sind natürlich die üblichen Verdächtigen wie die ehemaligen Tour-Siegerinnen Demi Vollering und Kasia Niewiadoma, aber auch Newcomerinnen wie die Vuelta-Gewinnerin Paula Blasi oder eben Franziska Koch, deren Stern mit ihrem Sieg in Paris-Roubaix endgültig aufging.
Auf dem Podest neben Demi Vollering saß auch Marlen Reusser. Die Schweizerin war nicht nur da, weil sie die Lokalmatadorin schlechthin hier in Lausanne ist, sondern weil sie wie die anderen auch zu den Mitfavoritinnen auf das Gelbe Trikot zählt. Als sie von einer Journalistin gefragt wurde, ob sie sich oft unterschätzt fühle, musste sie schmunzeln. Und beantwortete die Frage anschließend mit einem klaren “Ja”. Anders Vollering. “Also ich würde Marlen nie unterschätzen.”
Endlich freie Fahrt um Gelb
Demi Vollering weiß, wovon sie spricht. Immerhin fuhren beide von 2022 bis 2024 gemeinsam für das lange dominierende Team SD Worx. Doch während Vollering damals bereits die Top-Anwärterin auf Titel war, fand sich Marlen Reusser lediglich in der Helferrolle wieder. Seit ihrem Wechsel 2025 zum spanischen Team Movistar ist nun alles anders. Vorbei sind die Zeiten, als sie zum Wasser holen zu den Teamfahrzeugen geschickt wurde. Das übernehmen inzwischen andere. Ihr Blick ist nun voll auf das Gesamtklassement gerichtet.
Und das nicht zu unrecht. Erst in diesem Jahr gewann Reusser die Tour de Suisse, am Berg soll sie sich zudem stark verbessert haben. Die diesjährige Strecke liegt ihr. Umso mehr freue sie sich, in diesem Jahr auch als eine der Favoritinnen angesehen zu werden, wie sie der Sportschau noch am Medientag erzählte. “Ich werde oft so ein bisschen vergessen und bin dann saugut”, sprudelte es aus Reusser raus. “Es ist schön, dass man das so wahrnimmt, weil es mein inneres Gefühl widerspiegelt. Gleichzeitig ist es natürlich eine Art von Druck, aber auch das ist ja schön.”
Reussers Hassliebe zur Tour
Reusser pflegt eine Art Hassliebe zur Tour de France Femmes. Das dürfte sich auch in diesem Jahr nicht geändert haben. Nur knapp zwanzig Kilometer vor dem Ziel in Lausanne wäre ihr Traum vom Toursieg fast zerplatzt. Sie stürzte, vermied aber mit viel Glück die Bordsteinkante und damit Schlimmeres. Dabei konnte die promovierte Ärztin bereits zwei Etappen bei der Tour gewinnen – eben damals 2022 und 2023 als Fahrerin von SD Worx – danach klebte ihr jedoch irgendwie das Pech am Schuh beziehungsweise am Sattel. Vor zwei Jahren verpasste Reusser die Tour sowie die Olympischen Spiele aufgrund einer Post-Covid-Erkrankung.
Lange brauchte sie, um sich wieder in den Sport zurückzukämpfen. Zur Saison 2025 feierte sie ihr Comeback, nur um dann die Tour schon während der ersten Etappe wieder abbrechen zu müssen. Eine Lebensmittelvergiftung setzte sie außer Gefecht. “Für mich ist es die erste Edition, wo ich gesund und fröhlich hierhin komme und als Leaderin am Start bin”, so Reusser freudestrahlend. “Ich war drei Jahre lang noch im Dienst für meine Leaderin, war dann letztes Jahr sehr krank und jetzt endlich war es das erste Mal, dass ich die Tour von Beginn des Jahres an als Hauptziel angehen konnte.”
Grand Départ am Nationalfeiertag
Reusser ist im Kanton Bern aufgewachsen, welches knapp anderthalb Stunden mit dem Auto von Lausanne entfernt ist. Doch nicht nur deshalb waren auf der ersten Etappe alle Augen auf die 34-Jährige gerichtet. Denn der Grand Départ fand ausgerechnet auch noch am Schweizer Nationalfeiertag statt. Wirkte Reusser am Vortag also noch einigermaßen entspannt, merkte man ihr die Anspannung, wenn auch vorfreudiger Natur, kurz vor dem Etappenstart durchaus an.
“Es ist echt emotional für mich. Darüber bin ich selbst gerade ein bisschen überrascht. So viele Menschen mit so viel Energie hier zu spüren”, so eine bewegte Reusser. “Das sind so viele Emotionen, die auf mich einprasseln, das reißt mich gerade ein wenig mit. Das ist schon sehr schön und speziell.” Gänsehautfeeling pur also bei Reusser. Womit sie in Lausanne, wunderschön am Genfer See gelegen, nicht allein gewesen sein dürfte. Denn spätestens als die Schweizer Nationalhymne, gespielt von einem Orchester, ertönte, war die Bühne für einen feierlichen Auftakt der Tour de France Femmes bereitet.
Lippert fährt für Reusser
Mit Liane Lippert, selbst Etappensiegerin 2023, hat Reusser übrigens eine Edelhelferin in ihren eigenen Reihen. Dabei hätte die Deutsche selbst gute Aussichten auf Etappensiege, doch Reusser ins Gelbe Trikot zu bringen, ist nun einmal das erklärte Ziel. Und so standen in Lausanne nicht Lipperts Ambitionen im Mittelpunkt, sondern Reussers, die von ihren Teamkolleginnen nach dem Sturz wieder an das Peloton herangeführt werden musste. Lippert fuhr nach einem Defekt dagegen mit dem Gruppetto ins Ziel und zeigte sich nach dem Rennen am Teambus sichtlich enttäuscht.
Zum Auftakt hat es, auch wenn es märchenhaft gewesen wäre, also nicht mit dem Gelben Trikot geklappt. Doch das dürfte Reusser kalt lassen. Ihre Etappen kommen erst noch. Allen voran das Zeitfahren am Dienstag, ist sie in dieser Disziplin 2025 doch Weltmeisterin geworden. Und auch körperlich scheint es ihr gut zu gehen, das zumindest sagte die sportliche Leitung ihres Teams. Selbst danach fragen konnte man sie allerdings nicht. Reusser ist direkt nach der Ziellinie anstatt zum Teambus ins Hotel gefahren.
Quelle:
www.sportschau.de



