Dass dieser Videoclip viral gehen würde, war klar: An einem verregneten Julitag stellt sich eine junge Frau in Freizeitkleidung einem langsam fahrenden Polizeitransporter in den Weg, in dem sich mehrere verhaftete Studierende befinden. Sie legt ihre Handfläche auf den Kühler des Wagens und zwingt ihn zu stoppen. Die Szene wird von zahlreichen Mobiltelefonen eingefangen, auch sie hebt ihr Smartphone und zeichnet die Begegnung auf. Innerhalb weniger Stunden verbreiten sich die Aufnahmen in ganz Indien und darüber hinaus.
Diese Momentaufnahme vom 22. Juli 2026 wurde zu einem der prägenden Bilder der Cockroach Janta Party, der sogenannten “Kakerlaken-Bewegung” in Indien: Hunderttausende Studierende gingen auf die Straße, um Transparenz und Rechenschaft zu fordern, nachdem es im Zusammenhang mit medizinischen Aufnahmeprüfungen zu Unregelmäßigkeiten gekommen war.
Die Kraft dieses Moments entfaltete sich nicht allein durch die Aktion der Studentin, sondern auch durch die Kürze der Zeit, in der sich die Aufnahmen verbreiteten. Eine einzige Geste, eine junge Frau, die sich den Autoritäten entgegenstellt, wurde zu einem Symbol, das millionenfach geteilt wurde. Auch wenn das Video das Zeichen einer Generation ist, die mit sozialen Medien groß geworden ist – der Impuls dahinter ist doch um vieles älter.
Ob Petitionen oder revolutionäre Plakate, Fotos, Regenschirme oder Memes, Studentenbewegungen haben sich schon immer die ihnen zur Verfügung stehenden Werkzeuge und Symbole zu eigen gemacht und sie als Ausdrucksmittel ihres Protests genutzt.
Dissens bei Hofe
Lange bevor das Fernsehen und die sozialen Medien den Widerstand über Landesgrenzen hinaustrugen, fanden Studierende Wege, ihrem Unmut Ausdruck zu verleihen. Im alten China taten sich während der Östlichen Han-Dynastie Gelehrte der Kaiserlichen Akademie (Taixue) mit reform-orientierten Beamten zusammen. Sie wollten sich gegen mächtige Eunuchen am Hofe stellen, die als korrupt und politisch zu einflussreich galten.
Die Einwände wurden damals durch öffentliche Kritik, politische Netzwerke und Petitionen vorgetragen. In einer Zeit, in der die politische Kommunikation offizielle Kanäle durchlaufen musste, gehörten Petitionen zu den Instrumenten, mit denen Missstände vor den Thron gebracht werden konnten. Die in formeller Sprache verfassten und über bürokratische Wege übermittelten Petitionen wurden so direkt in das Kommunikationssystem des Staates eingespeist.
Plakate zur Verbreitung von Botschaften
Über die Jahrhunderte entwickelten sich die Kommunikation und die Mechanismen des Protests weiter. Im Jahr 1968 forderten Studierende in Paris die Verwaltung der Universitäten und die konservative Ordnung der Nachkriegsgesellschaft heraus. Ihr Protest weitete sich über die gesamte französische Hauptstadt aus und ergriff auch die Arbeiterschaft. Einer der nachhaltigsten Beiträge der Bewegung entstand in einer Kellerwerkstatt an der École des Beaux-Arts.
Das Atelier Populaire (die “Volkswerkstatt”) druckte während der Proteste Tausende von Plakaten, oft während der Nachtstunden. Ihre kühnen Grafiken, Silhouetten und Slogans wurden zur visuellen Sprache der Bewegung. Häufig tauchten die Plakate und ihre Botschaften über Nacht an Dutzenden Orten auf und verliehen den Protesten eine große visuelle Präsenz. Oft fehlte der Name des Urhebers. Die Plakate waren ein Gemeinschaftswerk und trugen so dazu bei, eine gemeinsame öffentliche Stimme zu entwickeln.
Ein Bild geht um die Welt
Proteste entwickelten zudem mehr Kraft, als sie Landesgrenzen überwanden. Im Juni 1976 demonstrierten Schwarze südafrikanische Studierende in Soweto gegen die Bildungspolitik des Apartheid-Regimes. Sie wandten sich gegen Afrikaans als verpflichtende Unterrichtssprache an Schwarzen Schulen. Es war die Sprache eines Unterdrückerregimes und für viele eine Barriere auf dem Weg zu Bildungsgleichheit.
Tausende Studierende waren auf den Straßen, als die Polizei das Feuer eröffnete. Mitten im Chaos fing der Fotograf Sam Nzima eine Szene ein, die um die Welt gehen sollte: das Bild des 13-jährigen Hector Pieterson, der nach einem tödlichen Schuss vom Tatort weggetragen wird. Die Aufnahme wurde zu einem der prägenden Bilder der Apartheid. Für viele Menschen außerhalb Südafrikas wurde es zu der Linse, durch die sie die Proteste der Studierenden betrachteten und verstehen lernten. Das Bild trug dazu bei, international ein Bewusstsein für die Apartheid zu schärfen und Widerstand dagegen zu wecken.
Wenn Bilder zu Symbolen werden
Im Frühjahr 1989 versammelten sich auf dem Tiananmen-Platz in Peking immer mehr Studierende und forderten demokratische Reformen, Meinungsfreiheit und ein Ende der Korruption. Die Proteste wuchsen an und damit wuchs auch der Bedarf an Symbolen, mit denen die Studierenden ihre Botschaft über den Platz hinaus tragen konnten.
In den letzten Wochen der Besetzung des Tiananmen-Platzes errichteten die Studierenden eine Statue, die Göttin der Demokratie. Sie stand direkt gegenüber dem Porträt von Mao Zedong und wurde mit ihren zehn Metern Höhe zu einem kraftvollen Symbol der Bewegung.
Doch neben dem Symbol der Studierenden schuf die Geschichte ein weiteres. Nachdem die Proteste brutal vom Militär niedergeschlagen worden waren, ging das Foto eines einzelnen Mannes um die Welt. Es zeigt, wie er sich einem Konvoi von Panzern entgegenstellt. International wurde der noch immer namenlose Mann als “Tank Man” bekannt.
Solche Symbole wurden nicht von globalen Medien geschaffen, aber sie sorgten für deren Verbreitung. Kameras, Zeitungen und Fernsehsender machten lokale Zeichen des Aufbegehrens zu bleibenden Bildern des Widerstands.
Alltagsgegenstände als Symbol
Mit der Zeit wandelte sich die Kommunikation bei Protesten. Die Außenkommunikation wird nicht länger nur von den Organisatoren bestimmt, stattdessen wirken die Teilnehmenden und auch Zuschauenden immer stärker an ihrer Gestaltung mit.
Als Studierende in Chile 2011 Bildungsreformen forderten, nutzten sie Flashmobs, Aufführungen und öffentliche Spektakel, um die Aufmerksamkeit auf ihr Anliegen zu lenken. Mit diesen neuen Ausdrucksformen bekamen Proteste auch neue Formen der Teilnahme.
Bei den Protesten 2014 in Hongkong gegen Pekings Pläne, das Wahlrecht zu ändern, verwandelten die Protestierenden Alltagsgegenstände in politische Symbole. Was als praktische Antwort auf Pfefferspray und Tränengas begann, wurde schnell zum prägenden Bild der Regenschirm-Bewegung.
Angelehnt an das Beispiel der John-Lennon-Wall, die nach dem Mord an dem Sänger im Jahr 1988 in Prag entstand und den Menschen eine Gelegenheit gab, ihren Unmut mit dem kommunistischen Regime zu äußern, wurden in ganz Hongkong Mauern zu John-Lennon-Walls, zu Orten der öffentlichen Meinungsäußerung, an denen Menschen auf Haftzetteln ihre Botschaften der Unterstützung und des Protests hinterließen.
Von der Beleidigung zum Symbol
Auch politische Programme können ausschlaggebend dafür sein, welche Symbole sich in der Öffentlichkeit durchsetzen – so wie zuletzt in Indien. Studierende, die gegen Unregelmäßigkeiten bei zukunftsentscheidenden Prüfungen protestierten, griffen eine gegen sie gerichtete Beleidigung auf und machten sie sich zu eigen: Der Begriff “Kakerlake”, auf Englisch “Cockroach”, wurde im Internet schnell zum bekanntesten Erkennungszeichen der Cockroach Janta Party, der sogenannten “Kakerlaken-Bewegung”.
Memes und Video-Clips verbreiten sich oft schneller als offizielle Stellungnahmen. Und das nutzten die Studierenden, um auf Kritik zu antworten, sich über ihre Gegner lustig zu machen und für Unterstützung zu werben. Wie die Plakate in Paris oder die Regenschirme in Hongkong zeigt dieses Beispiel, wie Memes eine abschätzige Bezeichnung in ein wirkmächtiges Protestsymbol verwandeln können.
Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.
Quelle:
www.dw.com



