Die ukrainischen Streitkräfte zerstören nach und nach die Infrastruktur von Wildberries, Russlands größtem Online-Marktplatz. In den letzten zwei Wochen wurden wichtige Einrichtungen des Unternehmens mit Drohnen angegriffen. Mit Stand vom 3. August sind 12 der 15 größten Lager des Versandhändlers in verschiedenen Regionen betroffen. Sieben davon haben den Betrieb noch nicht wieder aufgenommen, wie das unabhängige russische Investigativportal Agentstvo berichtet.
Schätzungen zufolge hat Wildberries möglicherweise mindestens 15 Prozent seiner Lagerfläche, also 860.000 Quadratmeter, verloren. Unter anderem wurde das größte Logistikzentrum in Elektrostal bei Moskau vollständig zerstört. Es versorgte nicht nur die bedeutende Region rund um die russische Hauptstadt, sondern diente auch als wichtiger Umschlagplatz für Waren aus China.
Experten gehen davon aus, dass der Wiederaufbau und die Beseitigung aller Schäden mindestens 60 Milliarden Rubel (ca. 650 Millionen Euro) kosten werden. Das ist etwa ein Drittel des jährlichen Gewinns von Wildberries. Noch gravierender ist der Schaden für Unternehmer, die Waren in den beschädigten Logistikzentren gelagert haben. Laut Experten beläuft sich dieser auf fast 300 Milliarden Rubel (ca. 3,3 Milliarden Euro). Wildberries übernimmt aber dafür keine Haftung. Das Unternehmen hatte entsprechende Bestimmungen in den Verträgen mit seinen Geschäftspartnern vorgesehen.
Wildberries gilt als das “russische Amazon”
Wildberries wird oft das “russische Amazon” genannt. Wie Amazon ist Russlands größter Online-Marktplatz eine Plattform, auf der jeder seine Produkte anbieten kann – von Selbstständigen und einzelnen Firmen bis hin zu großen Unternehmen. Die etwas kleinere Plattform Ozon konkurriert in Russland mit Wildberries. Bei den russischen Verbrauchern nehmen beide eine größere Stellung ein, als sie Amazon bei amerikanischen oder europäischen Verbrauchern hat.
Laut dem Analysten für Marktplatzbetreiber Marketplace Pulse beträgt der Anteil von Amazon am US-amerikanischen E-Commerce-Markt knapp 36 Prozent. Amazon hat keine weiteren Konkurrenten in einer vergleichbaren Größe. Der Marktanteil von Wildberries in Russland beträgt nach Angaben der Tageszeitung Kommersant, die sich auf das russische Forschungsinstitut Euler bezieht, 45 Prozent. Ozon erreicht 32 Prozent. Somit kontrollieren nur zwei Portale, mit Ausnahme der noch kleineren Yandex.Market und Cooper, fast 80 Prozent des russischen Marktes.
Warum greift die Ukraine Wildberries an?
Nach den ersten Angriffen Ende Juli bezeichnete der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in sozialen Medien die getroffenen Lagerhäuser als “Logistikzentren, die an der Versorgung der russischen Armee mit Komponenten für Drohnen, Navigationsgeräte und Ausrüstung beteiligt sind”. Dmitrij Peskow, Sprecher des russischen Präsidenten, erklärte, dass “dem nicht so ist”. Doch dies steht im Widerspruch zur Realität. Solche Waren sind auf der Handelsplattform verfügbar und lassen sich über die Suchfunktion leicht finden.
Der ukrainische Präsidentenberater Mychajlo Podoljak sagt im DW-Interview, die Unterbrechung der Versorgung der Front sei eines der Ziele der Angriffe auf Russlands größten Online-Marktplatz, aber es gebe weitere. Die Schädigung eines “Unternehmens mit einem Umsatz von 6,2 Billionen Rubel (ca. 67 Milliarden Euro)” würde, so Podoljak, auch dessen Gläubiger treffen, darunter Großbanken wie die Sberbank, die VTB und die Alfa-Bank. Dies könnte zu einer “dramatischen Entleerung” des Staatshaushalts führen. Wildberries selbst gibt seinen Umsatz für 2025 mit 6,1 Billionen Rubel an.
Podoljak geht davon aus, dass die Brände in den Lagerhäusern zudem Unzufriedenheit in der Bevölkerung auslösen. Viele Menschen, die nichts mit Politik zu tun hätten und einfach nur Geld verdienen wollten, hätten in einem Moment alles verloren. Auch ihre Chancen seien dahin, die sie in ihrem Land hätten, wenn es keinen Krieg führen würde.
Die Zerstörung von Wildberries sollte, so Podoljak, außerdem ein Signal an die Eliten sein. Zu den Nutznießern des Unternehmens gehöre nicht nur der kremlnahe Geschäftsmann Sulejman Kerimow, über den russischen Medien schon ausführlich geschrieben haben, sondern auch die Beamten der Präsidialverwaltung Anton Wajno und Aleksej Gromow. Dass sie mögliche Verbindungen zu Wildberries haben, darüber wurde früher nicht berichtet.
Ein ideales Ziel für ukrainische Angriffe?
Das Geschäftsvolumen von Wildberries und seinem Hauptkonkurrenten Ozon ist wahrlich enorm. Beobachter halten den geschätzten Umsatz von Wildberries, also den Gesamtwert aller verkauften Waren und erbrachten Dienstleistungen, für etwas überhöht. Trotzdem geht es um Billionen von Rubel. Ozon veröffentlicht als börsennotiertes Unternehmen geprüfte Jahresabschlüsse. Dessen Umsatz betrug im Jahr 2025 4,16 Billionen Rubel (ca. 45 Milliarden Euro).
Die Online-Marktplätze erlebten nach Moskaus Militärinvasion in der Ukraine einen Aufschwung. Wegen der westlichen Sanktionen und auf eigenen Beschluss verließen viele bekannte Unternehmen Russland. Daraufhin erlaubten die russischen Behörden sogenannte Parallelimporte, also die Einfuhr von Waren ohne Zustimmung der Rechteinhaber. Kleidung, Elektronikartikel, Haushaltsgeräte und Kosmetikprodukte bekannter Hersteller waren so wieder in Läden oder online erhältlich. Die Versandhändler boten sie jedoch zu deutlich niedrigeren Preisen an, wodurch sich ihr Umsatz rasant beschleunigte. Bei Wildberries lag er im Jahr 2025 im Vergleich zu 2021 sieben Mal höher.
Die Ukraine betrachtet Wildberries offenbar als ideales Ziel für Drohnenangriffe. Im Gegensatz zu Ozon setzte das Unternehmen auf den Bau gigantischer Logistikzentren. Sie sind leicht zu treffen und brennen stark. Die größten Lagerhäuser entsprechen einer Fläche einiger Dutzend Fußballfelder.
Außerdem hat das Unternehmen enorme Schulden angehäuft, und es ist fraglich, ob es diese noch bedienen kann. In einer Erklärung zum Jahr 2025 hieß es, dass es seine Verpflichtungen gegenüber den Gläubigern teilweise verletzt habe, diese jedoch keine vorzeitige Rückzahlung verlangten. Allein die Hauptgesellschaft des Online-Marktplatzes hatte Ende 2025 kurzfristige Verbindlichkeiten in Höhe von 802 Milliarden Rubel (8,6 Milliarden Euro), die sich innerhalb eines Jahres verachtfacht hatten, und langfristige Verbindlichkeiten in Höhe von 28 Milliarden Rubel (ca. 303 Millionen Euro). Laut russischen Medien ist die Bank VTB der Hauptkreditgeber. Taras Skworzow, ein Top-Manager der staatlichen Sberbank, einem weiteren großen Kreditgeber von Wildberries, erklärte, die Bank “erwäge eine Aufstockung der Rückstellungen” für die gewährten Kredite. Man bereitet sich also darauf vor, dass Wildberries diese nicht zu den ursprünglichen Bedingungen zurückzahlen kann.
Nach Angaben von Reuters hat die Mitinhaberin von Wildberries, Tatjana Kim, die Regierung um Hilfe gebeten. Präsidentensprecher Dmitrij Peskow erklärte, dass “die Regierung die Situation im Blick behält, ein Dialog stattfindet, aber bislang noch keine konkreten Entscheidungen in dieser Sache getroffen wurden”. Quellen von Reuters vermuten, dass die Rettung von Wildberries der VTB übertragen wird. Wildberries hat mit der Bank jüngst eine “strategische Partnerschaft” geschlossen. Für sie stellen weitere Angriffe auf Wildberries somit erhebliche Probleme dar, und das Ausmaß der Probleme wird davon abhängen, wie lange die Angriffe andauern werden.
Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk
Quelle:
www.dw.com



