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GesundheitWie zwei Kriege und El Niño den Hunger weltweit beeinflussen

Wie zwei Kriege und El Niño den Hunger weltweit beeinflussen

Das Wetterphänomen El Niño gewinnt im gesamten Pazifikraum zunehmend an Stärke und könnte in diesem Jahr historische Ausmaße erreichen. Die wichtigsten Agrarregionen der Welt stehen entweder vor einer Dürre oder vor Überschwemmungen. Das Wetterphänomen werde in diesem Jahr mit einer Wahrscheinlichkeit von 63 Prozent “sehr stark” ausfallen, erklärte die Nationale Behörde für Ozeanographie und Meteorologie der USA (NOAA). In Verbindung mit Ölpreisen in Höhe von 100 US-Dollar (88 Euro) könnte das die Lebensmittelinflation um 1,5 Prozentpunkte in die Höhe treiben, warnte die US-Bank JP Morgan.

El Niño kommt einher mit den großen bewaffneten Konflikten in der Ukraine und in Nahost. Deren Auswirkungen auf die weltweite Versorgung mit Nahrungsmitteln sind bisher geringer ausgefallen als befürchtet. Doch diese dritte Krise könnte der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Globale Nahrungssicherheit dreifach gefährdet

Eine der weltweit bedeutendsten Herkunftsregionen für Getreideexporte steht durch Russlands Krieg gegen die Ukraine weiterhin unter Beschuss. Fortwährende Angriffe auf ukrainische Anbauflächen und Häfen gefährden eine der größten Kornkammern der Erde. Der Iran-Krieg hat die Preise für Energie und Düngemittel in die Höhe getrieben. Weltweit steigen dadurch Lebensmittelpreise und den Ackerböden fehlen wichtige Nährstoffe. El Niño verschiebt jetzt die Wettermuster bei Regenfällen und Temperaturen weltweit. Kürzlich warnte die Weltbank, das Phänomen könne die Reisproduktion in den betroffenen Regionen um 20 bis 50 Prozent mindern.

Maximo Torero, Chefökonom der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) warnt vor einer “Verbundwirkung”, die bis Ende des Jahres zu “einer sehr komplexen Situation” führen könnte. “Wir machen uns große Sorgen wegen El Niño und des verspäteten Monsuns in Indien”, sagt er zur DW. Die Regenzeit ist für die Reisaussaat elementar, doch es wird davon ausgegangen, dass El Niño den Monsun verlangsamt und schwächt. Im Juni lagen die Niederschlagsmengen lokalen Medien zufolge bereits um 40 Prozent unter dem Normalwert. Fast ein Drittel der Reisproduktion weltweit entfällt auf Indien. Der Großteil davon wird vor Ort verzehrt.

Die FAO geht davon aus, dass neben Südasien die Sahelzone in Afrika, das südliche Afrika, Südostasien und der zentralamerikanische Trockenkorridor am stärksten von möglichen Auswirkungen des El Niño betroffen sein werden. Die Wahrscheinlichkeit einer Dürre in den nächsten Monaten liege in einigen dieser Regionen bei über 50 Prozent.

Größte Ernte der Geschichte

Trotz aller geopolitischen Spannungen liegen die Lebensmittelpreise nach Angaben der FAO noch fast 20 Prozent unter dem Höchstwert von 2022. Zudem brachte die Welt im vergangenen Jahr die größte Getreideernte ihrer Geschichte ein. Möglich war das, weil Landwirte mehr Land bewirtschafteten, das Wetter günstig war und pro Hektar mehr Getreide produziert wurde. Obwohl die Ernte in diesem Jahr voraussichtlich etwas geringer ausfallen wird, wird sie dennoch die zweitgrößte der Geschichte werden.

“Wir beobachten Verbesserungen in der landwirtschaftlichen Produktivität”, sagt Simone Bunse, leitende Forscherin am Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI), zur DW. Dabei verweist sie insbesondere auf Indien und Lateinamerika. “Sie haben dazu beigetragen, die Lebensmittelproduktion aufrechtzuerhalten und die Unterernährung zu reduzieren. Einige der lokalen Auswirkungen der Konflikte werden dadurch ausgeglichen.”

Millionen leiden noch immer Hunger

Eine zentrale Hürde bei der Verhinderung von Hunger weltweit sind Kriege. Von den 266 Millionen Menschen, die laut Zahlen der Vereinten Nationen von akutem Hunger bedroht sind, leben mehr als die Hälfte in Konfliktregionen. Am stärksten betroffen sind nur eine Handvoll Länder, darunter die Demokratische Republik Kongo, Sudan und Jemen. Dort erreichen die Lebensmittel nicht mehr die Menschen, die sie am dringendsten benötigen.

Landwirt durchsucht trockenes Maisstroh als Futter für Vieh
Die Wahrscheinlichkeit, dass große Teile des südlichen Afrikas von einer Dürre betroffen sein werden, sehen UN-Fachleute bei 50 ProzentBild: Jekesai Njikizana/AFP/Getty Images

“Wir produzieren weltweit genügend Kalorien, um alle satt zu machen”, erläutert Torero. “Diese Kalorien sind weltweit jedoch nicht gleichmäßig verteilt. Und das ist das Problem.” In Kriegen werden oft die Nahrungsquellen vor Ort zerstört. Millionen Menschen werden vertrieben, die Infrastruktur wird beschädigt und der Zugang zu humanitärer Hilfe erschwert.

Hunger wird in einigen Krisengebieten wie im Sudan oder dem Gazastreifen aber auch als Waffe eingesetzt. “Konfliktparteien zerstören gezielt landwirtschaftliche Flächen, Herden, Wassersysteme, Lagerhäuser oder Transportwege. Sie behindern den Zugang zu Märkten und blockieren humanitäre Hilfen”, sagt SIPRI-Forscherin Bunse zur DW.

Hohe Preise für Düngemittel

Ein weiterer Risikofaktor für die globale Lebensmittelversorgung ist die Verfügbarkeit von Düngemitteln. Etwa ein Drittel des weltweit eingesetzten Düngers wird normalerweise durch die Straße von Hormus transportiert. Nach der gescheiterten Waffenruhe zwischen den USA und Iran sind die Transportwege durch die Meerenge noch immer nicht sicher und auch im Roten Meer werden nun Schiffe angegriffen. 

Landwirte zahlen nun entweder teils stark erhöhte Preise für Düngemittel, warten mit dem Kauf oder stellen auf Pflanzen um, die weniger Dünger benötigen. Wird weniger Dünger eingesetzt, könnte dies Ertragseinbußen bei der Ernte zur Folge haben.

Allein der Konflikt in Nahost könnte Fachleuten zufolge dazu führen, dass weitere Millionen von Menschen bis 2030 von Hunger betroffen sein werden. Dabei sind die Auswirkungen von El Niño in dieser Prognose noch nicht berücksichtigt. Die Temperaturen im Pazifischen Ozean sollen um 3,6 Grad Celsius steigen, also um nahezu den doppelten Wert wie während des El Niño von 2015/2016. Das Klimadatenprogramm der Universität Berkeley in Kalifornien erwartet das Wetterphänomen diesmal in einer Stärke wie noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen.

Sollten die Preise für einen Barrel Öl wieder auf über 120 US-Dollar steigen, der Export von Getreide aus der Ukraine blockiert werden oder El Niño die Ernteerträge im nächsten Jahr reduzieren, weil weniger angebaut wird, könnte der Hunger weltweit sprunghaft ansteigen. Geschieht all das gleichzeitig, wären die Auswirkungen noch deutlich schlimmer. Für diesen Fall prognostiziert JP Morgan eine Lebensmittelinflation von mehr als fünf Prozent für das Jahr 2027. Besonders die Schwellenländer würden darunter leiden.

Zusätzliche Berichterstattung von Daniel Winter.Adaptiert aus dem Englischen von Phoenix Hanzo.


Quelle:

www.dw.com