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TechnologieZahlen, bitte! Atlantropa: 14.200 Meter breiter Damm für eine neue Welt

Zahlen, bitte! Atlantropa: 14.200 Meter breiter Damm für eine neue Welt

Während die Welt im Sommer 2026 neugierig nachschaut, wo Ceuta eigentlich liegt, sei auf ein anderes Stück Geschichte verwiesen. 95 Jahre zuvor erschien in den sozialistischen Monatsheften der Artikel „Europa-Afrika: Ein Weltteil“. In ihm beschrieb der Architekt und Pazifist Hermann Sörgel den Bau eines 14,2 Kilometer langen Staudammes in der Meerenge von Gibraltar, mit dem der Kontinent Panropa entstehen würde.

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In dieser Rubrik stellen wir immer dienstags verblüffende, beeindruckende, informative und witzige Zahlen aus den Bereichen IT, Wissenschaft, Kunst, Wirtschaft, Politik und natürlich der Mathematik vor.

Mit dem Staudamm sollte ein Wasserkraftwerk entstehen, das ganz Europa mit Strom versorgt, ferner ein Eisenbahntunnel für die direkte Verbindung Berlin-Kapstadt ohne Umsteigen. Der Staudamm sollte dafür sorgen, dass das Mittelmeer kontrolliert abgesenkt und 660.000 Quadratkilometer Neuland zur landwirtschaftlichen Nutzung gewonnen wird.

Die Utopie von Panropa sollte Europa beflügeln und Afrika für die Europäer erschließen: „Vor allem aber braucht die europäische Menschheit in ihrer Hoffnungslosigkeit und seelischen Depression wieder ein großes Ziel zur Wiederaufrichtung, zur Freude am Leben.“

Nur ein Jahr nach diesem Artikel veröffentlichte Sörgel ein ganzes Buch über „Atlantropa“, wie der neue Kontinent in seiner Vorstellung heißen sollte. In „Atlantropa“ beschrieb er nicht nur den 100 Meter hohen Damm, der östlich vom spanischen Tarifa entlang der seichtesten Stelle der Meerenge über 14.200 Meter zum marokkanischen Tanger führen sollte und der mit einer Höhe von 100 Metern und einer Breite von 1600 Metern geplant war.

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Die Landgewinnung und Wasserkraft-Karte, so wie sie sich Erbauer Herrman Sörgel vorstellte. Von dem wahnwitzigen Materialeinsatz, den ein solches Projekt bedingen würde, wären die Folgen für die Anrainer in der Realität kaum absehbar gewesen.

(Bild: Devilm25, CC BY 3.0)

Im Buch war von einem zweiten Staudamm zwischen Sizilien und Tunesien die Rede, der das westliche Becken des Mittelmeeres vom östlichen trennen sollte, ein dritter am Bosporus. Auch ein Verwaltungszentrum des Jahrtausendprojektes wurde von Sörgel visioniert. Es sollte in der neutralen Schweiz entstehen und dem Völkerbund untergeordnet sein.

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Der gut vernetzte „Weltarchitekt“ Sörgel brachte andere bekannte Architekten wie Peter Behrends dazu, sich mit Skizzen und Entwürfen (PDF-Datei) an Atlantropa zu beteiligen. Mit einer für die damalige Zeit modernen Multimedia-Show verschaffte sich Sörgel die nötige Aufmerksamkeit. Sie reichte schließlich so weit, dass Albert Einstein einen Brief an Sörgel schrieb, in dem er sich nach den wissenschaftlichen Grundlagen für die Annahme erkundigte, dass das Mittelmeer abgesenkt werden kann.

Als Pazifist erhoffte sich Sörgel, dessen Vater das 1924 erbaute Walchensee-Großkraftwerk konstruiert hatte, auf die europäische Völkerverständigung durch die dann überreichlich vorhandene Elektrizität. Sie sollte von 1000 Turbinen erzeugt werden. Überzeugt davon, dass die Vorräte Europas an Kohle und Öl bald erschöpft sein werden, sollte sein Atlantropa die bevorstehende Energiekrise meistern und das Raubtier Mensch befriedigen.

Gegenüber Afrika trat er indes als typischer Kolonialist auf: „Europa, das mechanisierteste Land der Erde, muss sich die Herrschaft über Afrika, das jungfräulichste Land der Erde, sichern. Das geschieht durch die Länder- und Wirtschaftsbrücke, wie sie das Atlantropaprojekt schafft. Afrika bildet nicht nur wegen seiner Lage mit Europa eine Schicksalseinheit; es ist auch das einzige Gebiet der Erde, wo für Europa noch ein ganz großes Betätigungsfeld wartet. Europa ist überinstrumentiert, Afrika unausgebeutet.“

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Fortschritt Anno 1932: Künstlerischer Blick auf den fiktiven Bau des Staudamms zwischen Gibraltar und Tanger. Die Arbeiter werkeln flankiert von Kränen, Zügen und mehreren Flugzeugen im Tiefflug. Wehe dem, der unter den Arbeitsbedingungen seinen Gehörschutz im Frühstücksraum vergessen hat.

(Bild: Josef Mayer, CC BY-SA 4.0)

In der Folgezeit bemühte sich Sörgel mit seinem eigens gegründeten Atlantropa-Institut um Unterstützung für seinen Plan. In Rom stellte er ihn dem Diktator Mussolini vor, der gar nicht erbaut auf den Gedanken reagierte, dass Italiens Hafenstädte verlanden würden. Eigens darum entwarf Sörgel einen Kanal, der Venedig mit dem Mittelmeer verbinden sollte. Auch mit den Nationalsozialisten wollte er sich arrangieren, indem er beim „Grossimperium Deutschland“ die Welt mit dem Buch „Die drei großen A“ aufteilte: Amerika, Atlantropa, Asien.

1943 bekam er durch die Nazis Schreibverbot. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte Sörgel unverdrossen den Alliierten das Atlantropa-Projekt schmackhaft machen, doch fand er unter prominenten Architekten und Wissenschaftlern keine Mitstreiter mehr.

Das Potenzial der Atomkraft hatte Sörgels Wasserkraft abgelöst. Nach seinem ungeklärten Tod bei einem Fahrradunfall im Jahre 1952 wurde das Atlantropa-Institut aufgelöst. Umstritten ist, ob sich Hermann Sörgel vom 1920 erschienenen Buch des britischen Science-Fiction-Autors H.G. Wells „Die Geschichte unserer Welt“ inspirieren ließ oder von Otto Jessens Buch „Die Straße von Gibraltar“. Wells hatte Geologie und Zoologie studiert und behauptete in dem Buch, dass das Mittelmeer zu Lebzeiten der Neandertaler ausgetrocknet war. Damit lag er um mehrere Millionen Jahre falsch, schuf aber ein Thema, das mehrere Science-Fiction-Autoren beeinflusste, etwa Wolfgang Jeschke mit seinem Buch „Der letzte Tag der Schöpfung“ und John Knittel mit „Amadeus“.

Auch heute inspirieren die gigantischen Staudamm-Pläne. In der „alternativen Geschichte“, eine Art fiktives Was-wäre-Wenn-Wikipedia wurde Sörgels Gibraltar-Damm zwar nach dem Zweiten Weltkrieg 1948 fertiggestellt, doch sei er wegen anhaltender Dürreperioden im Jahr 2028 gesprengt worden.

(mawi)

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Quelle:

www.heise.de