Am 20. Juli 2026 reiste der spanische Premier Pedro Sánchez zu Gesprächen nach Algerien. Ziel der Unterredungen mit Präsident Abdelmadjid Tebboune und Ministerpräsident Sifi Ghrieb war es, die 2022 im Zusammenhang mit dem Westsahara-Konflikt ausgebrochene diplomatische Krise zwischen beiden Ländern endgültig beizulegen und die Beziehungen neu zu ordnen. Damals hatte Spanien zum Ärger Algeriens den Autonomieanspruch Marokkos zur besten Lösung des Konflikts erklärt.
Ob Spaniens Annäherung an Algerien Marokko so sehr verärgerte, dass Rabat trotz der in den vergangenen Jahren enorm verbesserten Beziehungen zu Spanien Zehntausende Migranten die Grenze zur Exklave Ceuta stürmen ließ, ist umstritten. Die spanische Tageszeitung El País stellte kürzlich diesen Zusammenhang zumindest als Möglichkeit in den Raum.
“Die Spannungen in Ceuta fallen unmittelbar mit Pedro Sánchez’ Reise nach Algerien zusammen, einem regionalen Rivalen des alawitischen Königreichs”, heißt es in einem Kommentar. Wenige Zeilen später folgt die Mahnung: “Jegliche Versuchung, Einwanderung erneut als Druckmittel einzusetzen, ist inakzeptabel.”
Marokko weist Vorwürfe zurück
Ein Sprecher des marokkanischen Innenministeriums wies die Vorwürfe zurück. Verantwortlich seien vielmehr der “böswillige Missbrauch” sozialer Netzwerke, irreführende Informationen und Fehlinterpretationen eines Urteils des spanischen Obersten Gerichtshofs, erklärte Rachid El Khalfi. Auch von der DW interviewte Experten schließen aus, dass Marokko den Grenzsturm absichtlich herbeigeführt habe.
Eine tiefer liegende Rivalität
Unabhängig von der jüngsten Krise verweisen die gegenseitigen Vorwürfe jedoch auf die tiefe Rivalität zwischen Algerien und Marokko. Im Zentrum steht der Konflikt um den Status der Westsahara, der mit dem Rückzug Spaniens 1975 begann. Während Marokko das Gebiet als unverzichtbaren Bestandteil seiner territorialen Integrität betrachtet und dafür internationale Anerkennung sucht, unterstützt Algerien das Selbstbestimmungsrecht der Sahrauis und die Polisario.
Einem Aufsatzdes spanischen Forschungsnetzwerks für internationale Sicherheit und internationale Beziehungen (UNISCI) zufolge ist der Westsahara-Konflikt längst zum Symbol einer tieferliegenden Rivalität zwischen Algerien und Marokko um die politische Führungsrolle im Maghreb geworden. Beide Staaten werteten einen Erfolg der Gegenseite als strategische Niederlage.
Weil der Konflikt zugleich eng mit der innenpolitischen Legitimation beider Regime verknüpft sei – in Marokko mit der territorialen Integrität, in Algerien mit dem Selbstverständnis als antikolonialer Staat -, werde ein Kompromiss immer schwieriger. “Der Westsahara-Konflikt hat sich zu einem Kampf um die regionale Hegemonie im Maghreb entwickelt”, heißt es in der Analyse.
Die Spannungen blockierten seit Jahrzehnten die wirtschaftliche Integration Nordafrikas. Institutionen wie die Arabische Maghreb-Union seien weitgehend handlungsunfähig geworden, gemeinsame Wirtschafts- und Sicherheitsprojekte kämen kaum voran. Dadurch verliere die gesamte Region an wirtschaftlicher Dynamik und internationalem Gewicht.
Verhältnis zu Israel
Zusätzliche Brisanz erhielt die Rivalität 2020 durch die Normalisierung der Beziehungen zwischen Marokko und Israel, in deren Folge Israel die Ansprüche Marokkos auf die Westsahara anerkannte. “Algerien sah Israels zunehmend enge Beziehungen zu Marokko als Bedrohung seiner Sicherheit”, heißt es in einer Analyse des Thingstanks International Crisis Group (ICG). Im Mittelpunkt der algerischen Sorge stehe weniger die diplomatische Normalisierung als die Aussicht auf eine dauerhafte militärische und geheimdienstliche Kooperation, die das regionale Kräftegleichgewicht zulasten Algeriens verschieben könnte.
Die ICG-Analyse beschreibt das Verhältnis beider Staatenals klassisches Sicherheitsdilemma: Beide Staaten verstünden ihre militärischen und außenpolitischen Maßnahmen als defensiv, nähmen die Schritte der jeweils anderen Seite jedoch als Bedrohung wahr. Daraus entstehe eine Spirale aus Aufrüstung, Abschreckung und wachsendem Misstrauen – und das, obwohl keine Regierung ein unmittelbares Interesse an einem offenen Krieg habe. Gerade diese Logik mache den Konflikt so gefährlich. Denn schon kleinere Zwischenfälle oder auch Fehlkalkulationen könnten eine unbeabsichtigte Eskalation auslösen.
Verhältnis zu Europa
Die Rivalität zwischen Marokko und Algerien beschränkt sich längst nicht mehr auf den Westsahara-Konflikt. Der European Council on Foreign Relations (ECFR) beschreibt sieals Wettbewerb um internationale Partner und politischen Einfluss, in dem Europa zu einem wichtigen Bezugspunkt geworden ist. Beide Staaten bemühten sich, ihre strategische Bedeutung für die Europäische Union mit unterschiedlichen außenpolitischen Stärken zu unterstreichen.
Marokko positioniere sich als zentraler Partner in den Bereichen Migration, Terrorismusbekämpfung und wirtschaftliche Kooperation. Algerien verweise auf seine Rolle als Energielieferant sowie auf seinen sicherheitspolitischen Einfluss im Maghreb und im Sahel. Die Beziehungen zur Europäischen Union würden damit selbst zu einem Bestandteil der marokkanisch-algerischen Konkurrenz um regionalen Einfluss und internationale Unterstützun.
Quelle:
www.dw.com



