Tom Krebs, Wirtschaftswissenschaftler, betrachtet die aktuelle Lage Deutschlands als die schwerste Wirtschafts‑krise der Nachkriegszeit und diagnostiziert damit ein Ende des neoliberalen Kapitalismus. Der Professor, der Physik in Hamburg und Wirtschaft an der Columbia University studierte und heute an der Universität Mannheim lehrt, plädiert für eine Neuordnung der wirtschaftlichen Steuerung: weg von marktliberaler Zurückhaltung, hin zu einer stärker gesteuerten Marktwirtschaft.
Seine Forderung nach einer „geplanten Marktwirtschaft“ zielt darauf ab, staatliche Gestaltungskraft und marktwirtschaftliche Mechanismen zu verbinden. Damit ist kein zentralistisch gelenktes System gemeint, sondern eine Wirtschaftsform, in der öffentliche Investitionen, strategische Industriepolitik und regulatorische Eingriffe stärker als bislang genutzt werden, um strukturelle Schwächen zu beheben und Übergänge — etwa in der Energie- und Digitalwirtschaft — aktiv zu begleiten.
Aus Krebs’ Perspektive sind es nicht nur kurzfristige Konjunkturschwankungen, sondern längerfristige Umbrüche, die ein Umdenken erforderlich machen: Anpassungsdruck durch globalen Wettbewerb, technologische Transformationen und die Notwendigkeit großer Investitionen in Infrastruktur und Klimaschutz. Vor diesem Hintergrund sieht er die bisherigen Instrumente des Neoliberalismus als unzureichend, um die anstehenden Herausforderungen zu meistern.
Die vorgeschlagene Wende hätte weitreichende Folgen für Haushalts‑ und Wirtschaftssteuerung. Ein aktiverer Staat würde stärkere Prioritäten bei Investitionen und Regulierung setzen, zugleich aber politische und institutionelle Hürden überwinden müssen. Diskussionspunkte sind dabei die Finanzierung größerer öffentlicher Vorhaben, die Abstimmung auf europäischer Ebene und die Frage, wie staatliches Handeln effizient und rechtsstaatlich kontrolliert werden kann.
Die Debatte um die Perspektiven der deutschen Wirtschaftsordnung dürfte durch Krebs’ Analyse neuen Anschub erhalten. Seine Diagnose — Krise, Systemwechsel, stärkere staatliche Rolle — bietet einen Rahmen für politische und fachliche Auseinandersetzungen über die Gestalt der kommenden Wirtschafts‑ und Gesellschaftspolitik in Deutschland.




