In der ägyptischen Antike waren Tonscherben ein beliebtes Schreibmaterial für Notizen und Übungstexte. Mehr als 43.000 dieser antiken Notizen haben Archäologen nun im oberägyptischen Athribis entdeckt – so viele wie noch nie zuvor an einer Fundstätte. Auf den Scherben, sogenannten Ostraka, finden sich Steuerlisten, Lieferbescheinigungen, religiöse Texte und Übungstexte von Schülern aus der Zeit vor 2300 bis 1000 Jahren. Sie geben tiefe Einblicke in den Alltag des antiken Ägypten.
Athribis in Oberägypten war einst ein wichtiges Kultzentrum. Der rund zehn Kilometer westlich des Nils und gegenüber der Stadt Achmim gelegene Ort umfasste einen großen Tempelbezirk, eine Nekropole sowie eine Siedlung und Steinbrüche. In dem von Ptolemaeios XII, dem Vater der berühmten Kleopatra, errichteten Tempeln von Athribis wurden die Fruchtbarkeitsgöttin Min-Re, die als Tochter des Sonnengottes Re geltende Löwengöttin Repit und der Kindgott Kolanthes verehrt. Seit 2003 führen Archäologen unter Leitung von Christian Leitz von der Universität Tübingen in Kooperation mit ägyptischen Forschern dort Ausgrabungen durch.
Neues Grabungsareal erweist sich als Schatzgrube für Ostraka
Jetzt berichten die Archäologen des Athribis-Projekts über den bislang umfangreichsten Fund beschrifteter Tonscherben weltweit. Solche sogenannten Ostraka wurden in der Antike als Schreibmaterial genutzt, meist für kurze und alltägliche Notizen, Abrechnungen, Listen oder Übungstexte. Bei ihren Ausgrabungen seit 2005 haben sie in Athribis insgesamt 43.000 solcher Ostraka entdeckt – über 42.000 davon allein in den vergangenen acht Jahren. Damit übertrifft Athribis den bis dahin ergiebigsten Fundort für Ostraka, das ehemalige Arbeiterdorf Deir el-Medina im Tal der Könige.
Besonders viele dieser Ostraka entdeckte das Team, als es westlich des Tempels von Ptolemäus XII. eine weitere Grabungsfläche in Arbeit nahm. Dabei legten die Archäologen eine großflächige Deponie von Keramikscherben frei, daran anschließend lagen Lehmziegelbauten, Wohnräume und Magazinstrukturen – Teile einer Siedlung. Vor etwa drei Jahren wurde das Ausgrabungsareal noch einmal nach Westen erweitert, dabei fand das Team den Löwenanteil der Ostraka.
Tiefe Einblicke in den antiken Alltag
Der überwiegende Teil der Ostraka aus Athribis ist in demotischer Schrift verfasst, der gängigen Verwaltungsschrift der Ptolemäer- und Römerzeit. Die ältesten dieser Inschriften sind Steuerbelege aus dem 3. Jahrhundert vor Christus. Aber auch ein beträchtlicher Anteil griechischer Notizen sowie seltenere Texte in hieratischer, hieroglyphischer, koptischer und arabischer Schrift haben die Archäologen gefunden. Die jüngsten Texte sind arabische Gefäßbeschriftungen aus dem 9. bis 11. Jahrhundert unserer Zeit. Einen kleinen, aber bedeutenden Teil bilden zudem Scherben mit figürlichen und geometrischen Darstellungen.
Die Funde aus Athribis sind aber nicht nur wegen ihrer enormen Anzahl bedeutend, sondern auch in Bezug auf die Vielfalt der auf diesen Tonscherben festgehaltenen Inhalte. „Die Ostraka zeigen uns eine erstaunliche Vielfalt an Alltagssituationen“, erklärt Leitz. „Wir finden Steuerlisten und Lieferungen, daneben kurze Mitteilungen über alltägliche Abläufe, Übungen von Schülerinnen und Schülern, religiöse Texte und priesterliche Bescheinigungen über die Qualität von Opfertieren.“ Unter den Funden sind auch mehr als 130 überwiegend demotisch-hieratische Horoskope. Solche bei der Geburt eines Kindes erstellten Prognosen liefern wichtige Informationen zur antiken Astronomie und Astrologie. Athribis gilt nun als der weltweit bedeutendste Fundort dieser Textgattung.
„Die Mischung macht diese Funde so wertvoll“, sagt Leitz. „Ihr Alltagsbezug eröffnet uns einen unmittelbaren Blick in das Leben der Menschen von Athribis und macht die Ostraka zu Quellen für eine umfassende Sozialgeschichte der Region.“
Weitere Funde erwartet
Die Archäologen gehen davon aus, dass sie in Athribis noch mehr von diesen antiken Notiz-Scherben finden werden. „Die Funde von Athribis zeigen eindrucksvoll, welche Kraft in gemeinsamer, langfristiger Forschung steckt. Aus unscheinbaren Tonscherben entsteht durch Expertise, Geduld und Leidenschaft ein lebendiges Bild vergangener Lebenswelten“, kommentiert Karla Pollmann, Rektorin der Universität Tübingen, die Funde.
Schon jetzt ist die schiere Menge der Ostraka eine Herausforderung. Denn um diese Inschriften zu dokumentieren und dreidimensional zu digitalisieren, sind eine spezialisierte Ausstattung, hohe Rechenkapazitäten und geschultes Personal nötig. „Prinzipiell besteht die Möglichkeit, die Digitalisierung und Katalogisierung der Ostraka durch die Verwendung von KI-Systemen zu beschleunigen“, sagt Leitz. „Der Aufwand, ein System entsprechend zu trainieren und zu unterhalten wäre hoch, wenn auch nicht ohne Reiz.“
Quelle: Eberhard Karls Universität Tübingen
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