Der griechische Philosoph Empedokles und seine Vier-Elemente-Lehre gelten als prägend für das Weltbild der Antike. Doch von seinen Schriften blieb fast nichts erhalten. Umso spannender ist die Entdeckung von 30 zuvor unbekannten Versen des Empedokles auf einem gut 2000 Jahre alten Papyrus aus Kairo. Der Text enthält einen bislang verloren geglaubten Abschnitt des naturphilosophischen Lehrwerks „Physika“.
Der im fünften Jahrhundert vor Christus auf Sizilien geborene Empedokles von Agrigent war Naturforscher, Dichter und Philosoph. Als vorsokratischer Naturphilosoph befasste sich der antike Gelehrte mit Fragen zur Kosmologie, zur Entstehung der Welt und den Gesetzen der Natur, aber auch mit religiösen Themen. Im Rahmen seiner Überlegungen entwickelte Empedokles die Vier-Elemente-Lehre, nach der alles Leben und alle Materie auf einer Mischung aus vier Urstoffen beruht: Feuer, Wasser, Erde und Luft. Nach Empedokles handelt es sich dabei um in sich unveränderliche Grundsubstanzen, die in einem ewigen Kreislauf alle Entwicklungen der Natur prägen.
Doch der genaue Inhalt und Wortlaut von Empedokles‘ Lehren ist unbekannt. Denn von den Werken des antiken Philosophen ist fast nichts erhalten geblieben. „Bislang basierte unser Wissen über das Werk von Empedokles ausschließlich auf indirekten Quellen wie fragmentarischen Zitaten, Zusammenfassungen oder Anspielungen, verstreut in den Werken von Autoren wie Platon, Aristoteles oder Plutarch“, erklärt Nathan Carlig, Papyrologe an der Universität Liége in Belgien. Den Überlieferungen zufolge soll Empedokles zwei Hauptwerke in Versform verfasst haben: die „Reinigungen“ (Katharmoí) und „Über die Natur” (Peri phýseōs oder Physiká).
Antike Verse auf einem ägyptischen Papyrus
Jetzt hat Carlig bei Forschungen am Französischen Institut für Orientalische Archäologie in Kairo ein Papyrusfragment entdeckt, auf dem ein zuvor unbekannter Abschnitt der Physiká von Empedokles niedergeschrieben ist. Das rund 2000 Jahre alte Papyrusstück lag zuvor unerkannt in den Archiven des Instituts. Dem Forscher zufolge handelt es sich um die weltweit einzige Kopie dieser Inhalte aus der Physiká. Weitere Fragmente aus dem ersten Teil dieses Werks finden sich nur noch im sogenannten Empedokles-Papyrus von Straßburg.
Carlig hat nun die rund 30 auf dem in Kairo entdeckten Papyrus erhaltenen Verse des Empedokles erstmals genauer analysiert, übersetzt und in einer kommentierten Fassung herausgegeben. „Das Papyrusfragment P.Fouad inv. 218 ermöglicht es uns, den Philosophen in seinem Originaltext zu lesen, ohne den Umweg über oft partielle oder voreingenommene Quellen.“ In dem neu aufgefundenen Text behandelt Empedokles die Theorie der Teilchen-Effluvien und der Sinneswahrnehmungen, insbesondere des Sehens. Laut Carlig legen die Analysen des Textes nahe, dass Empedokles als Vorläufer von atomistischen Philosophen wie Demokrit betrachtet werden könnte.
Weitreichende Bezüge
Aufgrund vergleichender Studien konnte der Forscher auch inhaltliche Verbindungen der Empedokles-Verse zu anderen antiken Gelehrten und Philosophen identifizieren. So zitiert Plutarch (2. Jh. n. Chr.) eine Passage aus dem Werk und auch in einem Dialog von Platon und einem Text von Theophrastos, einem Schüler des Aristoteles, beide aus dem 4. Jh. v. Chr. finden sich Bezüge zu Empedokles Werk. Zuvor unerkannte Anklänge an den Naturphilosophen hat Carlig sogar beim antiken Komödiendichter Aristophanes und beim lateinischen Philosophen Lukrez entdeckt.
„Es ist gewissermaßen eine ‚zweite Renaissance‘ der antiken Literatur“, sagt Carlig. Die Veröffentlichung dieser Forschung eröffne nun neue Perspektiven für das Verständnis der Lehre von Empedokles und darüber hinaus seines Gesamtwerks. „Dies hilft dabei, den Philosophen besser in die Geschichte der griechischen Philosophie einzuordnen und seine Beziehung zu Vorgängern und Nachfolgern genauer zu bestimmen“, so der Forscher.
Quelle: Université Liège, Veröffentlichung: L’Empédocle du Caire (P.Fouad inv. 218), Association Égyptologique Reine Élisabeth, 2025
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