Auch wenn der Konflikt an den von David gegen Goliath erinnert, der Iran hat es in nur wenigen Wochen geschafft, die Weltwirtschaft aus dem Tritt zu bringen. Die Folgen lassen sich grob zusammenfassen: höhere Preise und weniger Wachstum.
Die ganze Weltwirtschaft sei inzwischen betroffen, heißt es in einem Blog des Internationalen Währungsfonds (IWF). Allerdings würden nicht alle gleichermaßen leiden. So sei, wer Energie importiert mehr betroffen als Energieexporteure, arme Länder stärker als reiche und wer nur geringe oder keine Reserven hat, spüre die Folgen stärker als diejenigen, die große Reserven haben.
Weniger Energie – teure Produktion
Eine wesentliche Ursache ist die Störung der weltweiten Energieversorgung. Der Iran-Krieg habe die die größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarktes verursacht, heißt es von der Internationalen Energieagentur (IEA). Auch das weltweite Angebot an Flüssigerdgas (LNG) sei um rund 20 Prozent zurückgegangen.
“Die Auswirkungen der faktischen Schließung der Straße von Hormus trifft die Länder Asiens besonders stark, weil bis zu 90 Prozent der Öl- und Gasimporte vom Golf stammen”, heißt es von Germany Trade & Invest (GTAI), der Außenwirtschaftsagentur des Bundes. Vor allem in Süd- und Südostasien zeigen sich die Folgen laut GTAI bereits spürbar anhand steigender Energiepreise und Versorgungsengpässen.
In vielen Ländern greifen die Regierungen daher mit Maßnahmen wie der Freigabe von Reserven und Subventionen ins Wirtschaftsgeschehen ein.
Der größte Rohstoffimporteur China ist weniger abhängig vom Nahen Osten. Da die Volksrepublik über Pipelines mit Russland verbunden ist und große Reserven habe, sei sie weniger auf Tankerlieferungen angewiesen, so die GTAI.
Störung der Lieferketten trifft Halbleiterindustrie
Viele Lieferketten seien durch den Krieg beeinträchtigt, heißt es vom IWF. Tanker und Containerschiffe müssten umgeleitet werden und der Flugverkehr über die wichtigen Drehkreuze am Golf sei gestört. Das erhöhe Fracht- und Versicherungskosten und verlängere Lieferzeiten.
Das trifft die Asien-Pazifik Region, deren Lieferketten eng mit dem Nahen Osten verknüpft waren. Beispielsweise bei Grundstoffen für Dünger, die Kunststoffproduktion oder bei Gasen für die wichtige Halbleiterindustrie.
Trifft es die energieintensive Halbleiterindustrie Asiens, bekommen das am Ende auch die Industrieländer zu spüren. Für Elektronikgeräte, Autos, Flugzeuge und auch KI werden Chips und Halbleiter aus Taiwan, China und Südkorea gebraucht. “Rund 90 Prozent der modernen Chips werden in Taiwan produziert”, sagte Tanjeff Schadt von PwC gegenüber tagesschau.de. Ohne Gaslieferungen aus Katar, muss Taiwan möglicherweise bald Energie rationieren.
Zudem wird für die Chipherstellung Helium gebraucht. Große Teile des Weltangebots wurden bisher in Katar produziert.
Für die Herstellung von Smartphones sind die Produktionsstraßen in Indien, China oder Vietnam nötig.
Lieferketten und Nahrungsmittelproduktion gestört
Die gestörten Lieferketten treffen auch Güter des täglichen Bedarfs und kritische Produktionsmittel. So gelangen unter anderem nicht mehr genügend Düngemittel auf den Weltmarkt, weil der Handel mit Harnstoff, Ammoniak sowie Phosphat durch die Straße von Hormus verläuft, die nun blockiert ist.
Zudem wird die Hälfte des weltweiten Schwefels durch die Straße von Hormus transportiert. Schwefel wird ebenfalls gebraucht, um Düngemittel herzustellen, aber auch für die Produktion von Chemikalien oder die Raffinierung kritischer Mineralien.
Mineraliendünger habe sich auf den Weltmärkten seit Jahresbeginn um rund 30 bis 40 Prozent verteuert, sagt Philipp Spinne, der Geschäftsführer des Deutschen Raiffeisenverbands (DRV). Direkte Auswirkungen auf Europa sind gering. “Europa bezieht seit Jahren kaum Düngemittel aus der Konfliktregion”, heißt es beim Industrieverband Agrar, sondern produziert Dünger selbst. Da für die Produktion aber Gas benötigt wird, könnten auch in Europa die Preise steigen, wenn der Krieg lange dauert. Das würde auch die Lebensmittelpreise erhöhen.
In einkommensschwachen Ländern machen Nahrungsmittel im Durchschnitt etwa 36 Prozent des Konsums aus, in Schwellenländern 20 Prozent und in Industrieländern neun Prozent. Damit geben in vielen Ländern in Afrika, Teilen des Nahen Ostens und Mittelamerika Menschen einen großen Teil ihres Einkommens für Lebensmittel aus. Sie werden von höheren Lebensmittelpreise entsprechend stärker getroffen.
Aber auch in Europa würde ein weiterer energiebedingter Preisanstieg die bestehenden Belastungen durch die Lebenshaltungskosten noch verschärfen, so der IWF.
OECD rechnet erst 2027 mit Wachstumseinbruch
Trotz dieser Folgen glaubt die OECD, dass das globale BIP-Wachstum 2026 weitgehend stabil bei 2,9 Prozent bleiben und 2027 auf drei Prozent ansteigen wird. Das Wachstum werde getrieben von technologiebezogenen Investitionen und schrittweise sinkenden effektiven Zollsätzen. Der Iran-Krieg bremse jedoch die Wirtschaft und sorge für erhebliche Unsicherheit hinsichtlich der globalen Nachfrage. Voraussetzung für diese Prognose waren die Annahmen, dass die derzeitigen Störungen auf dem Energiemarkt vorübergehend sind und sich die Preise ab Mitte 2026 wieder normalisieren.
Die G20-Inflation wird 2026 voraussichtlich vier Prozent betragen und damit um 1,2 Prozentpunkte höher liegen als bisher erwartet, heißt es von der OECD. Für 2027 wird ein Rückgang auf 2,7 Prozent erwartet, da der Energiepreisdruck voraussichtlich nachlassen wird.
Für die USA wird mit einem BIP-Wachstum in diesem Jahr von zwei Prozent gerechnet und 2027 von 1,7 Prozent. Im Euroraum wird ein Wachstum von 0,8 Prozent in 2026 und 1,2 Prozent im Jahr 2027 erwartet. Chinas Wachstum soll sich auf 4,4 Prozent im Jahr 2026 und 4,3 Prozent im Jahr 2027 verlangsamen.
Die Golfstaaten rutschen im ersten Halbjahr einer Prognose zufolge wegen des Iran-Kriegs in eine Rezession. Die britische Denkfabrik Oxford Economics erwartet ein Wachstum von minus 0,2 Prozent für die Länder des Golf-Kooperationsrates (Saudi-Arabien, Oman, Katar, Bahrain, Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate), eine Revision der Wachstumserwartungen um 4,6 Prozentpunkte im Vergleich zum Zeitpunkt vor dem Krieg.
Deutschlands Wirtschaft schwächelt
Für die eigene Wirtschaft sind die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute weniger optimistisch und haben ihre Konjunkturprognosen deutlich korrigiert. In ihrer Gemeinschaftsdiagnose für die Bundesregierung erwarten sie für das laufende Jahr nur noch ein Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von 0,6 Prozent. In der Herbstprognose wurde noch ein mehr als doppelt so starkes Plus erwartet. Für 2027 senkten die Ökonomen ihre Vorhersage ebenfalls deutlich, und zwar von 1,4 auf 0,9 Prozent.
Wegen der höheren Energiepreise wird die Inflation steigen, glauben die Institute. Sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr dürften die Verbraucherpreise um 2,8 Prozent zulegen. Bereits im März kletterte die deutsche Inflationsrate auf 2,7 Prozent. Das ist der höchste Wert seit Anfang 2024. Die Bundesbank warnte kürzlich, die Inflationsrate dürfte “in nächster Zeit deutlich in Richtung drei Prozent ansteigen”.
Ifo-Umfrage: Neun von zehn Firmen rechnen mit zusätzlichen Belastungen
Diese Entwicklung spiegelt auch eine Umfrage des Münchner Ifo-Instituts. “Viele Firmen stellen sich auf zusätzliche Belastungen in den kommenden Monaten ein,” heißt es. Neun von zehn Industriebetrieben in Deutschland erwarten, dass ihre Geschäfte durch den Iran-Krieg beeinträchtigt werden, vor allem wegen höherer Energiepreise.
Mehr als ein Drittel der befragten Unternehmen glaubt, dass sie von Einschränkungen bei Schifffahrtswegen und Lieferschwierigkeiten bei Vorprodukten und Rohstoffen betroffen sein werden. Eine Beeinträchtigung des Luftfrachtverkehrs befürchten 16 Prozent. Rund ein Viertel geht von einer abnehmenden Nachfrage auf wichtigen Exportmärkten aus. Darüber hinaus rechnen viele Firmen mit finanziellen Risiken, etwa durch unsichere Fracht- und Logistikkosten, steigende Versicherungsprämien oder erhöhte Zahlungsrisiken.
“Die Ergebnisse verdeutlichen, dass sich die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs bereits jetzt abzeichnen und sich über verschiedene Kanäle noch verstärken könnten”, sagte Klaus Wohlrabe, Leiter der Ifo Umfragen. “Je länger die Unsicherheit anhält, desto größer werden die wirtschaftlichen Probleme für die Unternehmen.”
Quelle:
www.dw.com


