Den Haushalt in Schuss halten, an die Vorsorgetermine für die Familie denken und dann auch noch Arbeiten gehen – egal ob es Spaß macht oder nicht. Viele Frauen erledigen all das ganz selbstverständlich. Nur eins bleibt oft auf der Strecke: das eigene Geld.
Während Frauen oft über alltägliche Ausgaben entscheiden, überlassen sie häufig ihrem Partner die Entscheidungen mit großer Tragweite – darüber, wieviel Geld wofür angelegt wird. Das könnte daran liegen, dass Frauen nicht genügend Finanzwissen haben, glauben einige Wissenschaftler. “Im Durchschnitt über alle europäischen Länder hinweg haben Frauen eine geringere finanzielle Bildung im Vergleich zu Männern”, sagt Tabea Bucher-Koenen, vom Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim (ZEW).
Wissenslücken bei den drei großen Finanzfragen
Um herauszufinden, wie es mit der Finanzkompetenz aussieht, werden häufig die “drei großen Fragen”, die für Entscheidungen in Haushalten entscheidend sind, gestellt. Diese Fragen zielen darauf ab, ob verstanden wird, wie das Prinzip des Zinseszins funktioniert, wie sich Inflation auf Ersparnisse auswirkt und welche Vorteile es bringt, seine Geldanlagen zu diversifizieren.
Nach Umfragen der Europäischen Zentralbank (EZB) können im Euroraum weniger als die Hälfte der Befragten, nämlich rund 48 Prozent, alle drei Fragen richtig beantworten. Dabei hat sich gezeigt, dass Frauen im Durchschnitt eine deutlich geringere Finanzkompetenz haben als Männer.
Dieses Ergebnis ist nicht neu. Auch andere Institutionen wie die Europäische Kommission haben das Finanzwissen von Männern und Frauen untersucht. Und egal, welche Fragen oder Methoden dabei verwendet worden sind, die Wissenslücke zwischen Männern und Frauen zeige sich immer wieder, sagt Bucher-Koenen.
Ein Problem unabhängig vom Alter der Frauen
Seit 20 Jahren zeige sich dieser Wissensrückstand der Frauen nun schon und es habe sich kaum etwas verändert, so die Wissenschaftlerin. Auch heute noch schneiden selbst junge Frauen mit einer guten Ausbildung, die eine höhere Wahrscheinlichkeit auf einen guten Job und ein höheres Einkommen haben, im Durchschnitt nicht besser ab.
“Das heißt, es braucht mehr als nur Allgemeinbildung beziehungsweise ein eigenes Einkommen, um sich mit Finanzthemen auseinanderzusetzen”, so Bucher-Koenen. Inzwischen gibt es aber auch Hinweise, dass es gar nicht nur am Wissen an sich liegt, dass Frauen schlechter abschneiden.
Viele der Tests zu Finanzwissen bestehen aus Multiple Choice Fragen, die auch die Antwort “Ich weiß es nicht” ermöglichen. Wird diese Antwortoption weggelassen, schneiden Frauen besser ab, wie man am ZEW herausgefunden hat. “Etwa 30 Prozent der Unterschiede in der finanziellen Bildung zwischen den Geschlechtern sind auf mangelndes Selbstbewusstsein zurückzuführen”, sagt Bucher-Koenen. Frauen scheinen also mehr zu wissen, als sie sich selbst zutrauen.
“Sowohl die Wissenslücke als auch die Lücke beim Selbstbewusstsein sind relevant für Finanzentscheidungen.” Die Frauen, die über Finanzwissen und über Selbstvertrauen verfügen, sind häufiger am Aktienmarkt aktiv und planen eher für die Altersvorsorge – auch das hat eine Studie des ZEW gezeigt.
EZB treibt Finanzbildung voran
Seit 2021 hat sich die Europäische Zentralbank das Thema auf die Fahne geschrieben. Unter anderem erhofft sie sich davon, dass ihre Geldpolitik besser wirkt, wie EZB-Direktorin Isabel Schnabel im März 2025 in einem Vortrag erläuterte. Ein Beispiel für die Zusammenhänge ist folgendes: Erhöht die EZB beispielsweise den Leitzins, geht sie davon aus, dass Haushalte mehr Geld sparen, weil sie dafür höhere Zinsen bekommen und dementsprechend weniger konsumieren. Kredite werden dagegen durch höhere Zinsen teurer. Das hält Haushalte von langlebigen Anschaffungen ab und Unternehmen von Investitionen.
Wenn nun Haushalte weniger auf Zinsänderungen reagieren, weil ihnen das Wissen fehlt, ist die Geldpolitik weniger wirksam. Zudem haben Banken einen geringeren Anreiz, Leitzinsänderungen an ihre Kunden weiterzugeben, was ebenfalls die Ziele der Geldpolitik abschwächt.
Mit Podcasts, Videos und einer App versucht die EZB Frauen für das Thema zu sensibilisieren. Außerdem hat sie sich mit anderen nationalen Notenbanken und Aufsichtsbehörden in Europa vernetzt, um die Finanzbildung von Frauen voranzutreiben.
Gründe für Finanzwissenslücke bei Frauen
Woran aber liegt es, dass Frauen sich nicht stärker um die Verwaltung ihres Geldes kümmern, obwohl ihnen das finanzielle Unabhängigkeit und Sicherheit verschaffen würde? Klare Antworten gibt es dazu nicht. Einige Studien haben gezeigt, dass das Problem schon sehr früh anfängt.
So sprechen Eltern häufiger mit Jungen als mit Mädchen über Finanzthemen. Zudem bekommen Mädchen im Durchschnitt später und weniger Taschengeld als Jungen. Dadurch haben sie weniger Anreiz, den Umgang mit Geld zu lernen.
Das liege nicht daran, dass Jungen von Natur aus mehr Interesse für solche Themen aufbringen, so Bucher-Koenen. Studien deuten darauf hin, dass Eltern und andere Erwachsene die Erwartung haben, dass sich Jungen für das Thema mehr interessieren. Traditionelle Rollenbilder, nach denen Finanzen Männersache sind, wirken immer noch. Ein Blick in die Geschichte verdeutlicht solche Rollenaufteilungen. Erst ab 1958 konnten Frauen in Deutschland ein eigenes Bankkonto eröffnen, in Frankreich ab 1965 und in Spanien erst ab 1975. Bis 1977 konnte ein Ehemann seiner Frau untersagen, arbeiten zu gehen.
In deutschen Schulen sei bis heute das Thema Finanzbildung nicht überall systematisch verankert, meint Bucher-Koenen. “Generell ist es wichtig, Offenheit und Bewusstsein für das Thema finanzielle Bildung zu schaffen.” Und deswegen ist es wichtig, dass jetzt auch so große und wichtige Player wie die Europäische Zentralbank, aber auch andere Institutionen dieses Thema für sich erkannt haben.
Dieser Artikel wurde aktualisiert.
Quelle:
www.dw.com



