Die fast vollständige Sperrung der Straße von Hormus infolge des amerikanisch-israelischen Angriffs auf den Iran hat eine weltweite Energiekrise ausgelöst. Länder auf der ganzen Welt haben Mühe, mit den steigenden Preisen fertig zu werden
Da gut 20 Prozent des weltweit geförderten Öls die Straße von Hormus nicht passieren kann, die Rohölpreise die 100-Dollar-Marke (86 Euro) pro Barrel erreichen und bereits 400 Millionen Barrel aus den Notfallreserven auf den Markt gekommen sind, bemühen sich Länder weltweit darum, Wege zur Senkung des Energiebedarfs zu finden.
Größter Versorgungsengpass der Geschichte
Die Internationale Energieagentur (IEA) hat dies als die “größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarktes” bezeichnet und mehrere Möglichkeiten aufgezeigt, wie Länder ihren Verbrauch senken können. Da jedoch jedes Land vor eigenen Herausforderungen in Sachen Energie- und Verkehrsinfrastruktur steht, gehen diejenigen, die bereits Maßnahmen ergriffen haben, sehr unterschiedlich vor. Andere müssen erst noch handeln.
Die IEA gibt an, dass der Straßenverkehr rund 45 Prozent des weltweiten Ölbedarfs ausmacht. So ist es kaum überraschend, wenn Länder hier ansetzen, um Einsparungen zu erzielen.
Kraftstoffrationierung ist eine beliebte Maßnahme
In Sri Lanka können private Autofahrer über ein QR-Code-basiertes System nur 15 Liter Benzin pro Woche beziehen. In Kambodscha wurde ein Drittel der Tankstellen geschlossen, und Myanmar hat ein “Gerade-Ungerade”-Rationierungssystem eingeführt, das auf dem Kfz-Kennzeichen basiert. Demnach dürfen Fahrzeuge mit ungeraden Kennzeichennummern an einem Tag tanken, solche mit geraden Nummern am darauffolgenden. In Neuseeland erwägt die Regierung die Einführung eines “autofreien Tages” pro Woche.
China verfolgt einen etwas anderen Ansatz und deckelt die Benzinpreise, nachdem diese an den Tankstellen seit Kriegsbeginn um 20 Prozent gestiegen waren.
Slowenien war Anfang der Woche der erste EU-Mitgliedstaat, der eine Kraftstoffrationierung einführte: Privatfahrer dürfen maximal 50 Liter pro Woche tanken, während für Unternehmen und Landwirte eine Obergrenze von 200 Litern gilt. Obwohl auch die Slowakei Beschränkungen für das Horten von Diesel eingeführt hat, bleibt Slowenien ein Sonderfall in Europa.
EU und Deutschland reagieren nur zögerlich
Der Internationale Straßentransportverband (IRU) hat die EU zu schnellem Handeln aufgefordert. “Sollte die Dieselversorgung unterbrochen werden, werden die Auswirkungen sofort in den gesamten Logistiknetzen der EU spürbar sein, was die Lieferketten verlangsamt und die Warenversorgung von Unternehmen, Geschäften und Haushalten beeinträchtigt”, sagte der Generalsekretär der IRU, Umberto de Pretto. “Ein koordiniertes Vorgehen der EU ist unerlässlich, um die Kraftstoffmärkte zu stabilisieren, uneinheitliche nationale Reaktionen zu vermeiden und sicherzustellen, dass die Logistikketten weiterhin funktionieren.”
Da die EU zögert, eine einheitliche Position zu finden, muss jedes Land seine eigenen Entscheidungen treffen. Bei Benzin- und Dieselpreisen von zwei Euro und mehr pro Liter – ein Anstieg von 18 Prozent innerhalb von zwei Wochen – spürt Deutschland die Auswirkungen deutlich. An diesem Donnerstag wird im Bundestag über einen Gesetzentwurf abgestimmt, der Tankstellen verbietet, die Preise mehr als einmal pro Tag anzuheben. Zudem sind Änderungen im Wettbewerbsrecht vorgesehen. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche sagte, weiter reichende Forderungen nach einer Preisobergrenze für Kraftstoffe, Rabatten oder einer Sondersteuer würden geprüft, müssten aber gegen Kosten und Nutzen abgewogen werden.
Trotz der Krise hat Berlin eine Rückkehr zu russischem Gas, auf das Deutschland vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine zu großen Teilen angewiesen war, kategorisch ausgeschlossen.
Homeoffice als Maßnahme zur Kraftstoffeinsparung
Neben der Rationierung von Kraftstoff ist es eine gängige Strategie, die Menschen dazu anzuregen, häufiger von zu Hause aus zu arbeiten. Pakistan hat seinen Regierungsangestellten eine Vier-Tage-Woche vorgeschrieben, und auch in der Dominikanischen Republik sollen Unternehmen dafür sorgen, dass Mitarbeiter seltener vor Ort sein müssen.
Ägypten will seinen Energieverbrauch senken, indem Einkaufszentren und Restaurants um 21 Uhr und alle staatlichen Einrichtungen um 18 Uhr schließen müssen. Bangladesch und Thailand haben die maximal zulässige Temperatur in Regierungsgebäuden auf 25 bzw. 26 Grad Celsius erhöht, um Kosten für die Klimatisierung zu sparen.
Kenia hat mit einem Exportverbot sowie einer strengen Rationierung von Kraftstoff reagiert. Sambia hat damit gedroht, jeden mit einer Geldstrafe zu belegen, der Benzin hortet. Afrika ist ähnlich wie Asien besonders stark vom Öl aus dem Nahen Osten abhängig.
Flugreisen meiden, Öffentliche nutzen
Die IEA fordert die Menschen zudem dazu auf, Flugreisen zu vermeiden. Die US-Fluggesellschaft United Airlines hat bereits davor gewarnt, die Ticketpreise möglicherweise um 20 Prozent anheben zu müssen.
Eine weitere Empfehlung lautet, so weit wie möglich öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Dies ist in einigen Ländern natürlich einfacher als in anderen, und Anreize wie das vergünstigte “Deutschlandticket” müssen möglicherweise an weiteren Orten eingeführt werden.
Auch die Nutzung von Flüssiggas (LPG) ist in den Fokus gerückt. Die IEA hat empfohlen, LPG vom Verkehr auf wesentliche Haushaltszwecke, insbesondere das Kochen, umzuleiten. Dies ist für Indien von Bedeutung, das der weltweit zweitgrößte Importeur und drittgrößte Verbraucher von Flüssiggas ist. Die LPG-Importe nach Indien haben sich im März halbiert, was Restaurants, Hotels und Cafés vor große Schwierigkeiten stellt. Einige Betriebe öffnen seltener oder bieten weniger Mahlzeiten an, während Regierungsvertreter erklären, dass die Lieferungen vorrangig an die 300 Millionen Haushalte gehen werden, die das Gas zum Kochen nutzen.
Aus dem Englischen adaptiert von Thomas Latschan
Quelle:
www.dw.com


